Anna Calvi - Hunter

Anna Calvi- Hunter

Domino / GoodToGo
VÖ: 31.08.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Geschlechterkampf im Roadhouse

Völlig durchnässt und mit verschmiertem roten Lippenstift blickt Anna Calvi ein unbestimmtes Gegenüber lustvoll an. Noch verschwitzt vom Akt oder schon in den "Swimming pool" gesprungen, den sie hier in einer cineastischen, breit gepinselten Streicherballade besingt? So oder so legt Calvis drittes Album "Hunter" bereits mit dem Cover nahe, dass Subtilität für die Britin noch immer ein Fremdwort, ihre Pop-Performance extrovertiert und sperrig, ihr Umgang mit der eigenen Sexualität ein höchst offensiver ist. Es ist auch kein Zufall, dass sie auf besagtem Cover auffallend geschlechtslos wirkt, soll "Hunter" – so beschreibt es ein beigefügtes Manifest – eine reflektierte Auseinandersetzung mit queerer Geschlechtsidentität und dem spektralen Verhältnis von Mann und Frau sein. So sehr sie ihre mehrere Oktaven überspannende Stimme und ihre heißgeliebte Gitarre auch strapaziert, gelungen ist ihr das nicht so ganz.

Nicht falsch verstehen, das musikalische Können ist hier nach wie vor unverkennbar. Zwischen dem konfrontativen Art-Pop-Ansatz einer St. Vincent und der trockenen Laszivität PJ Harveys besetzt Calvi eine Nische, die ins Herz des Indie-Feuilletons genauso gut passt wie auf die Bühne des Roadhouse aus "Twin Peaks". Auch wenn die Klangästhetik der von Karl Lagerfeld goutierten Mode-Ikone so durchgestylt wie sie selbst ist, lässt sie sich immer wieder zu knorrigen Gitarren-Auswüchsen hinreißen, überspannt ausladende Melodiebögen und bildet generell ein beeindruckendes emotionales wie stilistisches Spektrum ab. "Hunter" gerät dabei ein merkliches Stück trotziger und lauter als seine Vorgänger, wozu Portisheads Adrian Utley an den Keys ebenso beigetragen hat wie Nick-Cave-Hausproduzent Nick Launay und Bad-Seeds-Bassist Martin Casey. Gerade letzterer ist hier so präsent, dass die Nähe zu den australischen Legenden nicht zu leugnen ist.

So bestimmt eine von Caseys Basslinien den grandiosen Opener "As a man", während Calvi mit ihrer Stimme haucht, vibriert, pfeift und ihr Instrument kurz vor Schluss in einen Tarantino-Western hineinschreddert. Hier agiert sie noch ganz im Geiste von Albumtitel und –konzept: "Hunter" soll die Frau als sexuelles Raubtier, als selbstbestimmte, befreite Machtperson inszenieren, die sich gegen ihr gesellschaftliches Rollenbild stemmt. Interessanterweise ist die Britin aber dann sich und dem Hörer am nächsten, wenn sie sich ganz gefühlsecht und zart gibt – etwa, wenn sich Erzählerin plus X in "Indies or paradise" ins Paradies wünschen und nicht einmal der obligatorische Noise-Anfall die Idylle kaputt machen kann. "Chain" ist ein weiteres solches Meisterstück, eine intime Geschichte von Verführung und geschlechtloser Liebe, die ihre entfesselte Euphorie auch musikalisch mit funkelnden Gitarren und Synths abbildet.

Dennoch ist das Hauptproblem von "Hunter" textlicher Natur. Der eingangs erwähnten Ambition als queeres Manifest kann das Album nicht gerecht werden, dafür bleibt Calvi zu abstrakt, zeichnet nur sehr schwammige Bilder und formuliert keine klaren, gehaltvollen Aussagen. Die erste Single "Don't beat the girl out of my boy" hat inhaltlich nicht mehr zu sagen, als schon im Titel steht, dabei macht sie mit ihrem rifflastigen, Songstrukturen aufbrechenden Rumpel-Rock eigentlich durchaus Spaß. Daran, dass die 37-Jährige in ihrem Auftreten stellenweise etwas gekünstelt und verkrampft wirkt, mag auch der für sie persönlich bedeutsame Ansatz von "Hunter" nichts ändern – und wenn nach dem letzten dynamischen Aufbäumen von "Wish" nur noch zwei zwar schöne, aber auch recht ähnliche Balladen folgen, gönnt sie dem Hörer nicht einmal einen runden Abschluss. "I divide and conquer", singt sie in "Alpha", doch die Vorherrschaft um das umkämpfte Feld zwischen Haute Couture, Sex und kaputtem Gitarren-Pop bleibt vorerst bei einer anderen Kollegin.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • As a man
  • Indies or paradise
  • Chain

Tracklist

  1. As a man
  2. Hunter
  3. Don't beat the girl out of my boy
  4. Indies or paradise
  5. Swimming pool
  6. Alpha
  7. Chain
  8. Wish
  9. Away
  10. Eden

Gesamtspielzeit: 43:46 min.

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User Beitrag
Sarah
2019-03-23 12:49:20 Uhr
@Marvin
Darf ich deinen Kommentar liken?
Natürlich SOLLTE es gar nicht erst einen 'Kampf' zwischen Geschlechtern geben, leider gibt es das aber auch heute noch soooo viel öfter als wir es erwarten/ davon hören
Ich finde Anna verbreitet mit ihrem Album eine unglaublich wichtige Message, die in der heutigen Welt leider noch bei viel zu wenigen Menschen angekommen ist- JEDER MENSCH IST GLEICH VIEL WERT
Off-topic-analogie
2018-08-31 10:37:30 Uhr
Gestern mit tedesco gesprochen:hab ihm gesagt,lass am Sonntag skrzybski spielen
anstelle von schöpf.domenIco war sich erst noch nicht sicher,ob er auf mich hören soll.
Aber am abend rief dann Heidel an:"Pass auf,
ich hab mit dem Trainer gesprochen.Sonntag
wird skrzybski spielen,kannst dich drauf verlassen"
NOK
2018-08-30 23:03:51 Uhr
Ich bin nicht die These, nein. :D

Ich kann Honeygurke nur zustimmen! Und kein Grund, sich zu entschuldigen, ich find's ja auch prinzipiell gut, wenn man die Stimmung bzw. das Konzept eines Albums im Review auch möglichst unmittelbar abbilden möchte, ich fand bloß die Mittel dazu ein bisschen fragwürdig.

Marvin

Postings: 48

Registriert seit 27.04.2018

2018-08-30 22:47:59 Uhr
Haben Armin und ich jetzt angepasst. Danke nochmal für den Hinweis, war tatsächlich die falsche Wortwahl. Sorry!
Honeygurke
2018-08-30 22:47:21 Uhr
Dass sie "keineswegs" devot schaut, ist nur meine Interpretation. Ich würde aber auch nicht so weit gehen, diese Interpretation für allgemeingültig zu halten. Wie auch immer, ich finde es gut von dir, solche Anregungen ernst zu nehmen und noch mal zu rekapitulieren, was du geschrieben hast und es im Zweifel sogar ändern zu lassen.
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