Idles - Joy as an act of resistance

Idles- Joy as an act of resistance

Partisan / PIAS / Rough Trade
VÖ: 31.08.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die Zeitbombe

Die Uhr tickt. Unerbittlich. Doch so schnell sich die Erde auch drehen mag, so schnell die Zeit den Alltag frisst – manchen in der Gesellschaft tief verwurzelten Sichtweisen ist nur schwer beizukommen. "Colossus" ist der erste Track der neuen Idles-Platte, und er fängt gleich zu Beginn ein bedrohliches Szenario ein: Das Schlagzeug tickt wie eine Zeitbombe, tiefe Gitarren fräsen nach und nach am Fundament, und der exzentrische Joe Talbot am Mikro beschreibt fragmentarisch Alltagssituationen, in denen er als Kerl der maskulinen Norm nicht gerecht wird oder wurde: "I'm my father's son / His shadow weighs a ton", krächzt Talbot, bevor der Fünfer aus Bristol diesen echten Koloss von Opener kurzerhand rupft und dann von einem Punk-Unwetter dahinfegen lässt.

"I'm scum" rast auf trockengepustetem Basslauf daher, bevor Idles die Faust recken und alle Anwesenden ohne Rücksicht auf Verluste zum Refrain-Pogo entsenden. Auch der verbleibende Track des Eröffnungs-Trios liefert keinen Hinweis, der den Albumtitel "Joy as an act of resistance" – im Besonderen das Wörtchen "Freude" – in irgendeiner Art und Weise plausibel macht. "Never fight a man with a perm" ist ein ebenfalls fein düsteres Postpunk-Biest, das von einem dissonanten, beinahe jaulenden Gitarrenriff dominiert wird und im Refrain mit Stampfpunk zum Straßenkampf animiert. Nein, dunkler war das erste Idles-Kapitel, dieses formidabel brodelnde "Brutalism", bei aller Wut eher nicht.

Auch wenn der tolle und angesichts des Einstieges beinahe launige Punkrocker "Danny Nedelko" das Thema Migration aufgreift und Idles den Dreischritt aus Angst (vor dem Fremden), Schmerz (als Folge der Angst) und Wut und Hass (als Reaktion darauf) darlegen, so besteht die Truppe darauf, keine rein politische Band zu sein. Für Idles ist die Gesellschaft die viel kraftvollere Triebfeder, auf die es zu achten gilt, denn Politik findet dort im Umgang miteinander statt: Und so stechen zwei Wörter besonders hervor, für die die Band wirbt: "Community" und "Unity" statt Narzissmus, Rassismus und Intoleranz. Alleine schon, weil vermeintliche Vaterlandsbeschützer meinen, Errungenschaften der offenen Gesellschaft wieder einkassieren zu müssen, sind Bands wie Idles mit ihrer direkten, lauten Art der Darbietung so wichtig. Das punkige "Great" greift bitterböse zynisch das Chaos rund um den Brexit als beinahe lächerliche, Right-Wing-gesteuerte Dumpfbacken-Aktion auf, für die es keinen Anlass gab: "Blighty wants his country back / Fifty inch screen in his cul-de-sac / Wombic charm of the Union Jack / As he cries at the price of a bacon bap." Weiterhin wird klargestellt: "Islam didn't eat your hamster / So won't you take my hand, Sir / And sing with me in time?"

Stand da vorhin irgendetwas mit Lautstärke? Japp. Trotz zwischenzeitlich ruhigerer Post-Punk-Kost wie "June", dreht "Joy as an act of resistance" die Regler in bester Idles-Manier häufig bis zum Anschlag. "Television" prangert dumpfe Unterhaltung und Dauer-Medienkonsum an, kann den stoischen und auf Angriff lauernden Bass nie einfangen, und so kulminiert das Stück immer wieder in seinem hymnischen Refrain. Auch "Rottweiler" darf zum Schluss noch einmal mächtig die Postpunk-Zähne fletschen. Als absolutes Highlight stampft "Samaritans" mit verquerem, absolut mitreißendem Schlagtakt und herrlich flirrenden Gitarren voran, dazu bohrt Talbots stoisch-keifender Sprechgesang mit Zeilen wie "Drink up! / Don't whine! / Grow some balls, he said / The mask of masculinity / Is a mask that's wearing me" weiter in der eingangs aufgekratzten Wunde, um dann furztrocken auf alle Konventionen und festen Rollenbilder zu scheißen: "I kissed a boy and I liked it." Auch, wenn einige das nicht wahrhaben wollen: Die Uhr tickt eben nicht rückwärts.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Colossus
  • Danny Nedelko
  • Samaritans
  • Television

Tracklist

  1. Colossus
  2. Never fight a man with a perm
  3. I'm scum
  4. Danny Nedelko
  5. Love song
  6. June
  7. Samaritans
  8. Television
  9. Great
  10. Gram rock
  11. Cry to me
  12. Rottweiler

Gesamtspielzeit: 43:21 min.

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User Beitrag
Klabautermann
2018-11-13 00:17:00 Uhr
Ohja, Vorbands fand ich auch toll, sehr cooler Postpunk alles gewesen. JOHN jetzt mal über Bandcamp gehört, ganz schönes Brett. Der geilste Konzertmoment war dann natürlich die Interaktion mit dem Publikum. Die komplette Bühne gestürmt und nen Crowdsurfer auf der Bühne hab ich bisher auch noch nicht gesehen war geil. Und die Aktion vom Gitarristen sein Instrument einfach mal weiterzureichen auch sehr lässig. Ja, großartiges Konzert und Joe hat einfach eine unglaubliche Präsenz.
Offended
2018-11-12 23:14:20 Uhr
War arschkalt im UT. Könnte aber auch an den ganzen anwesenden Schneeflocken gelegen haben.
HansHorror
2018-11-12 22:08:57 Uhr
Jepp, gestern in Leipzig gewesen. Ich fand's großartig.
Klabautermann
2018-11-11 14:02:15 Uhr
Jemand in Leipzig gestern gewesen?
Würde mich mal interessieren
2018-09-16 10:56:31 Uhr
Was der Texter der Schmutzki Rezension zu diesem Album zu sagen hat.
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