Sophie Hunger - Molecules

Sophie Hunger- Molecules

Caroline / Universal
VÖ: 31.08.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Isolation Berlin

Darauf dürften sich alle einigen können: Ein neues Album von Sophie Hunger ist erst einmal ein Grund zur Freude, hat sich die in der Schweiz geborene Weltbürgerin doch mit ihren bisherigen fünf Platten als herausragend talentierte Musikerin zwischen Singer-Songwriter-Folk, düsterem Chanson und Jazz etabliert. Weniger harmonisch dürften allerdings die Reaktionen auf die tatsächliche Musik ihres jüngsten Werks ausfallen, denn Hunger richtet sich auf "Molecules" neu aus. Inspiriert von ihrer neuen Wahlheimat Berlin macht sie jetzt "Minimal Electro Folk", wie sie es selbst nennt. Synthies und Drumcomputer bestimmen das Soundbild, synthetische Stoffe von Plastik bis Zelluloid bilden das inhaltliche Leitmotiv. "In deinen Sünden Trost zu finden / Berlin, Du deutsches Zauberwort", sinniert die vielsagend betitelte Widmung "Electropolis" und stellt damit die Frage in den Raum: Hat die als Hipster-Höllenloch verschriene Hauptstadt eine ehemals ehrliche Künstlerin ihrer Seele beraubt oder sie im Gegenteil, wie vor ihr schon David Bowie oder Tocotronic, zur Höchstform ihres Schaffens getrieben?

Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: weder noch. "Molecules" ist nicht Hungers bestes Album, aber ihr persönlichstes. Sie reduziert die musikalische Untermalung aufs Nötigste, um sich so direkt wie nie ihrer nach einer Trennung kollabierten Gefühlswelt zu widmen. In diesem dichten, homogenen Gebilde fallen ein paar stilistische Ausreißer sofort auf. Etwa "I opened a bar" mit seinem Sprechgesang und der funkigen Percussion oder "Sliver lane", das mit Akustikgitarre und Bläsern gleich an zweiter Stelle das Tempo rausnimmt und erst am Ende die anklopfenden Achtziger hereinlässt. Es ist, als hätte Hunger bewusst ein paar Momente einbauen wollen, die Gleichförmigkeit und fehlende Ambition bemängelnde Kritiker verstummen lassen – dabei erübrigen sich solche Vorwürfe bei der simplen Pop-Grandezza des ersten Albumdrittels sowieso schon von selbst. Nur weil die Schweizerin nicht mehr so exzessiv zwischen diversen Genres herumspringt, hat sie kein bisschen an ihrem Können beim Songwriting eingebüßt.

Weil die Zeit ihrer persönlichen Dekonstruktion auch mit gesellschaftlichen Spannungen zusammenfiel, wird es zu Beginn erst einmal politisch: "She's alive and excellent / She will not make your babies, she will make the president". So nimmt das vor der Trump-Wahl geschriebene "She makes president" Amerikas Frauen in die Verantwortung, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen – das Ergebnis ist bekannt. Wo düstere Analog-Synthies und bedrohliche Untertöne hier noch bestenfalls in die Goth-Disco führen, stellen sich kurz darauf schillernd euphorische Pop-Nummern der tristen Realität entgegen. In "There is still pain left" geht es um die entbehrungsreiche Beziehung mit einer depressiven Person, doch der himmelsöffnende Refrain vermittelt den grotesken Eindruck, es könne nichts Schöneres auf der Welt geben. Mit "Tricks" ist Hunger nicht weniger als ein Karriere-Highlight gelungen, ein sprödes, mitreißendes Meisterstück purer Dynamik, das sich auch Robyn als Standout-Single in die Vita hätte schreiben können, ohne an ihrem Thron der Elektropop-Kaiserin zu sägen.

So offensiv poppig wird der Rest des Albums nicht mehr, Hunger formuliert stattdessen in "Oh Lord" ihre Einflüsse aus der Berliner Techno-Szene weiter aus oder besinnt sich konträr dazu auf ihre zarte, verträumte Seite. Die bezaubernde Ballade "The actress" hätte man sich mit organischer Instrumentierung auch ganz wunderbar auf einem ihrer früheren Werke vorstellen können. Auch wenn Alben wie "Monday's ghost" oder "The danger of light" bei gleicher Dringlichkeit noch eine Spur vielschichtiger waren, darf man auf keinen Fall dem Trugschluss erliegen, die elektronische Ausrichtung würde mit einer neuen Künstlichkeit einhergehen. Zwischen Berghain und hippen Startup-Unternehmen hat sich eine der begabtesten Schweizer Musikerinnen nur mit ein paar Synthies und Software zurückgezogen – nicht um ihre Fans zum Spaß vor den Kopf zu stoßen, sondern um ihren Geschichten genau den Raum zu geben, den sie benötigen. Und wenn der teilweise auf Französisch gesungene Closer "Cou cou" nicht nur die Elektronik in den Hintergrund rückt, sondern auch die vermisste Mehrsprachigkeit zurückbringt, landet "Molecules" immerhin auch bei einem versöhnlichen Abschluss. Darauf dürften sich dann wieder alle einigen können.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • She makes president
  • There is still pain left
  • Tricks
  • The actress

Tracklist

  1. She makes president
  2. Sliver lane
  3. There is still pain left
  4. Tricks
  5. Let it come down
  6. I opened a bar
  7. Oh lord
  8. The actress
  9. Electropolis
  10. That man
  11. Cou cou

Gesamtspielzeit: 40:22 min.

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Menikmati

Postings: 252

Registriert seit 25.10.2013

2018-08-23 15:32:34 Uhr
Nach dreimaligem Hören muss ich revidieren: Tricks ist toll mit ordentlich Zug nach vorn. Die Vorfreude steigt.

Menikmati

Postings: 252

Registriert seit 25.10.2013

2018-08-23 12:09:56 Uhr
Das so hochgelobte Tricks vermag mich bisher nicht wirklich zu begeistern. There is still pain left ist hingegen sehr schön geworden. Es enthält diese typische Hunger-Magie. Ich vermute mal bei dem Album handelt es sich um einen Grower. Weniger zugänglich als die Vorgänger, das Songwriting hinter einer kühl-sperrigen Elektrofassade versteckt. Wieso auch nicht..
Laider
2018-08-21 21:29:46 Uhr
Schreibt M.T. hier immernoch Rezensionen?

Armin

Postings: 12904

Registriert seit 08.01.2012

2018-08-21 21:19:46 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Autotomate

Postings: 888

Registriert seit 25.10.2014

2018-08-10 23:55:46 Uhr
33 Sekunden? Da hast du wohl das falsche Video eingebettet, Armin. Der Song klingt stellenweise wie ein Lowlight von Emika, aber die Gesangsmelodie ist doch wieder verdammt einnehmend.
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