Family 5 - Ein richtiges Leben in Flaschen

Family 5- Ein richtiges Leben in Flaschen

Tapete / Indigo
VÖ: 24.08.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wahrheit oder Gicht

Köln-Düsseldorfer Freundschaft – praktisch fast unmöglich? Nicht bei Family 5, wie man spätestens weiß, seit mit Erdmöbel-Mann Ekki Maas ein Produzent aus der Domstadt die Platten des Sextetts betreut – zuletzt das 2016er Comeback "Was zählt". Zumal tumbe Rivalität zwischen den Rheinmetropolen für Sänger Peter Hein weder bei Fehlfarben noch bei Family 5 je eine nennenswerte Rolle gespielt hätte. Schließlich gibt es weitaus akutere Dinge, über die es sich vortrefflich granteln, stänkern und skandieren lässt: Agentur ohne Arbeit, niederträchtige Hochfinanz, Politiker am Rande des Gesellschaftszusammenbruchs sowie stolz vor sich hergetragene eigene Unzulänglichkeiten, von denen "Ich bin Prokrastinator / Der alles verschieben kann" nur die offensichtlichste ist. Und auch sonst wird die schwarze Liste der Gegenwart nicht kürzer.

Auch auf dem Album mit dem hochprozentig kalauernden Titel sollte man Hein also mitnichten dumm oder gar dummdreist kommen. Ansonsten ist ein süffisantes "Separatismus muss keine Einbahnstraße sein" im vielsagenden Opener "Lass mich in Ruh" ebenso vorprogrammiert wie die raue, aber herzliche Kombination von unwirschen Gitarrenschlägen und heißlaufender Bläser-Batterie. "Soul-Punk" nennen Family 5 das auch 2018 noch und bohren ihre Musik neuerdings zusätzlich mit Flötentönen und in den Dienst der nörgeligen Sache gestellter Sitar auf, die sich besonders im brodelnden Groover "Zukunft" gegenseitig pessimistisch beharken. Als wüsste man nicht ohnehin, dass Letztere nicht mehr das ist, was sie mal war: "An den ewigen Wahrheiten / Muss ich schon lange nicht mehr arbeiten." Manche Dinge ändern sich eben nie.

Für "Ein richtiges Leben in Flaschen" ein Glücksfall, wobei Family 5 den zweiten Wortbestandteil ihres Selbstverständnisses stärker betonen als auf den Vorgängern: Mehr Punkrock als beim die gichtigen Glieder schüttelnden "Stirb jung", dem patzige Slogans ins Getümmel streuenden "Doppelpunkt:" oder dem Merkeljahre-Rundumschlag "D-Day" war selten. Dazu spuckt Hein mehr oder minder geistreiche Pöbeleien wie "Wenn ich das Wort 'Netzwerk' schon höre / Seh ich sie vor mir, die Promi-Friseure" oder "Da kommt einem die Kotze hoch / Die Muscheln werden nochmals serviert" so angewidert unter die Leute, dass ihn weder Xaõ Seffcheques akkurate New-Wave-Licks noch die Streicher von "Der Geriat" oder der schiefe Trötentanz "Geh doch nach drüben" zu besänftigen vermögen. Und von Nazis und Terroristen war noch gar nicht die Rede.

Da kann es schon mal passieren, dass der Frontmann seine Paraderolle als leidgeprüfter Grandseigneur der sozial Abgehängten leicht übertreibt und etwas aus dem Auge verliert, dass Meckern nicht immer erste Bürgerpflicht ist. Doch solche kleinen Inkonsistenzen fallen nicht ins Gewicht, wenn die Mod-Popper "Wunder Dich nicht" und "Jacke oder Hose" gehörig Gas geben und sogar Platz für zwei Coverversionen bleibt: Kraftwerks "Autobahn" vergröbern Family 5 inklusive Zitat aus The Stooges' "No fun" zu rasanten zweieinhalb Minuten, während die Interpretation des Die-Sterne-Hits "In diesem Sinn" eher als maßvolle Hommage durchgeht. Darauf ein Alt nach dem nächsten Fortuna-Heimspiel, das bis auf weiteres genauso erstklassig sein wird wie dieses Album – und wenn es gar nicht anders geht, auch ein Kölsch. Aus der Flasche, versteht sich.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Lass mich in Ruh
  • Zukunft
  • Jacke oder Hose
  • D-Day

Tracklist

  1. Lass mich in Ruh
  2. Zukunft
  3. Menetekel (Todd's tune)
  4. Stirb jung
  5. Der Geriat
  6. Wundere Dich nicht
  7. Autobahn
  8. Jacke oder Hose
  9. Doppelpunkt:
  10. In diesem Sinn
  11. Geh doch nach drüben
  12. Okay über bequem
  13. Falsche Fragen
  14. D-Day

Gesamtspielzeit: 44:35 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-08-21 21:19:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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