Big Red Machine - Big Red Machine

Big Red Machine- Big Red Machine

People / Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 31.08.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Neben der Spur

Bei all den hochkarätigen Nebenprojekten weiß man kaum noch, was letztendlich zu erwarten ist. The National, seit einigen Jahren ohne Zweifel einer der größten Namen im Indie-Rock-Geschäft, geizen nicht mit Aktivitäten außerhalb der Hauptband. Sei es Frontmann Matt Berninger und die Irgendwie-The-National-Light-Version El Vy, Drummer Bryan Devendorf, der mit Pfarmers und LNZNDRF gleich an zwei sowohl spannenden als auch eigenwilligen Projekten mitwirkte sowie das ehrenwerte Engagement der Dessner-Brüder für die Red Hot Organization – wo eben mal mit "Day of the dead" eine knapp 60 Tracks umfassende Tribute-Compilation für The Grateful Dead herausspringt. Eben im Zuge dieser Benefiz-Samplerreihe kamen 2009 auf "Dark was the night" bereits Aaron Dessner und Bon Ivers Justin Vernon für einen Track namens "Big red machine" zusammen. Ein hypnotisches, starres Klaviermotiv verband sich mit Vernons markanter Stimme, um von zarten Geigen gen Himmel getragen zu werden. Dass dieser Titel nun neun Jahre später als Namensgeber für ein gemeinsames Projekt und Album herhält, erscheint zunächst seltsam, klingen die neuen Songs doch ziemlich anders. Doch so wie "22, a million" radikal und "Sleep well beast" zumindest ein wenig mit dem Sound der Vorgänger brachen, reflektieren die zehn Stücke durchaus den zwischenzeitlichen Wandel der Protagonisten.

Bedeutet: Knarzende Beats, Störgeräusche aus der Konsole und das allumstrittene Autotune sind häufig gesehene Gäste auf "Big Red Machine". Von jüngeren The-National-Songs wie "Sleep well beast" oder "Walk it back" ist der Hang zu ausufernden und repetitiven Strukturen übergeschwappt. Dessner und Vernon beschränken sich dabei nur wenig auf einen bestimmten Typus Song – was jedoch beinahe alle eint, ist ein behaglicher Schleier, der nur selten gelüftet wird. "Gratitude", eine der sechs (!) Vorabsingles, beginnt programmatisch mit Vernons Hoffnung "Well, I better not fuck this up", stolpert am Anfang umher, um sich nach und nach einzugrooven, zu steigern, den Jam zu zelebrieren. "Lyla" macht es umgekehrt: vom straighten, mit Streichern verzierten Track zu leicht verpeilten Tagträumen. Effizienz kann man höchstens dem völlig weirden "Air stryp" attestieren, das in gerade mal zwei Minuten dissonantes Dröhnen und Zerrisenheit zwischen Harmonie und Ekstase unterbringt und in der Ecke irgendwo sogar eine Hook aufschnappt. Oder dem folgenden "Hymnostic", das entsprechend seinem Titel den großen Gospel probt – und trotz eigentlich banaler Melodie durch schiere Willenskraft mitreißt.

"Big Red Machine" kann deshalb vor allem bei den ersten Begegnungen ziellos und unzusammenhängend wirken. Vor allem, da mit "Forest green" und "OMDB" in der Albummitte zwei lange, stark auf Wiederholungen basierende Songs hintereinander stehen. "I was gonna give you more and more time", singt Vernon noch in einer Art Vorahnung, die verzerrte Gitarre verschwindet im Dickicht, minutenlang bewegt sich alles im gleichen Zyklus, zumindest scheinbar. Mitten in "OMDB" atmet die Platte plötzlich fast schon einen Dub-Vibe, bevor das Stück sanft wieder in die Realität zurückgeholt wird. Das Album erfordert vor allem auf dieser Strecke die Geduld, sich auf die Stimmung einzulassen, nicht gleich die nächste Hook zu fordern, sondern stattdessen die allerorts verstreuten, lieblichen Details zu beachten. Der Sideprojekt-Charakter lässt sich zwar nicht leugnen, Dessner und Vernon sind aber nach wie vor Könner, die auch ohne strikte Strukturen wohlige Klangwelten zu erschaffen vermögen.

Und dann, offenbar nur um zu zeigen, dass sie es eben doch können, wartet kurz vor Schluss mit "I won't run from it" noch der kompakte Hit, den man insgeheim vielleicht erhofft hat und welchen weder Bon Iver noch The National in letzter Zeit machen wollten. "Now look at that smile", fürwahr. Die Bläser haften sich den Orden an, den Song noch durch die Decke gehen zu lassen. Der Closer "Melt" dreht den Regler als Rausschmeißer noch einmal ganz nach rechts, es lärmt, es stürmt, darüber thront Vernons ständig wiederholtes Mantra: "Where you are? / Who you are?", ruft er fragend, während die Euphorie immer weiter überschwappt. Es ist ein befriedigendes und befreiendes Ende, das rückwärtig den Trip-Charakter des Sequencings deutlich unterstreicht. "Big Red Machine" ist keines großen Blockbuster-Bimboriums würdig und möchte das auch nicht. Stattdessen ist es ein schleichend einnehmendes Album, welches das Kunstwerk vollbringt, trotz der großen Namen hinter dem Projekt in seiner Spleenhaftigkeit leicht unterschätzbar zu sein. Der Blick neben die Spur lohnt in jedem Fall.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Gratitude
  • I won't run from it
  • Melt

Tracklist

  1. Deep green
  2. Gratitude
  3. Lyla
  4. Air stryp
  5. Hymnostic
  6. Forest green
  7. OMDB
  8. People lullaby
  9. I won't run from it
  10. Melt

Gesamtspielzeit: 47:00 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Voyage 34

Postings: 485

Registriert seit 11.09.2018

2019-08-22 00:21:54 Uhr
Repave von Volcano Choir ist bei mir erst nach einiger Zeit ein echtes Evergreen geworden und mMn besser als jede Bon Iver Platte.

Zappyesque

Postings: 134

Registriert seit 22.01.2014

2019-08-21 21:11:16 Uhr
Ein tolles Cover auch wie ich finde, weiß gar nicht recht wie das im letzten Jahr völlig an mir vorbei ging...

Zappyesque

Postings: 134

Registriert seit 22.01.2014

2019-08-21 21:10:15 Uhr
Ich habe das Erscheinen der neuen Bon Iver Platte, und meine positive Überraschung dahingehend, mal als Anlass genommen in Vernons weiteres Schaffen reinzuhören. Bisher waren mir nur die Alben von Bon Iver bekannt, wobei ich auch diese ein wenig rückhören muss wie ich nun merke.... Da ich eher chronologisch zurückgehe habe ich Volcano Choir beispielsweise noch gar nicht gehört. Hiervon bin ich schonmal recht begeistert! Wie für ihn typisch, zumindest wie ich anhand der Bon Iver Werke werten kann, viel Liebe zum Detail und ein stimmiges Album was die Atmosphäre anbelangt. Mit "Lyla" und "Forest Green" stechen da für mich auch die ersten Highlights direkt raus, wie auch mit Abstrichen "OMDB", wobei man da doch womöglich mit etwas weniger Autotune auch zurecht gekommen wäre, nein?

saihttam

Postings: 1492

Registriert seit 15.06.2013

2018-12-05 01:57:58 Uhr
Ich mags ganz gerne, aber an das Material ihrer Hauptbands kommt es für mich nicht ran. Auch wenn es ja eigentlich genau wie eine Mischung der jeweiligen letzten Alben klingt, die mir beide sehr gut gefielen, setzen sich zu wenig wirklich herausragende Momente fest.

Gomes21

Postings: 2905

Registriert seit 20.06.2013

2018-09-03 10:42:51 Uhr
Hab's jetzt die ersten paar Durchgänge gehört und finde es zunehmend immer stärker. Funktionier auch im Albumkontext viel besser als die Vorabsongs. Könnte bei mir wie mit der Volcano Choir Platte funken - erst verschmäht, mittlerweile der Libelingsoutput von Vernon, ganz im Gegensatz zu seinen letzten Bon Iver Sachen.

Da steckt Potential drin!
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