0101 - 0101

0101- 0101

Hicktown / Cargo
VÖ: 31.08.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das kleine Dorf im Digital

Null, eins, null, eins. Alles ist binär, wenn man es auf den kleinsten Nenner herunterbricht. Wie viel Speichermenge enthält ein Schmetterlingsflügelschlag, welche Kapazität hat ein Kubikmeter Wasser im Amazonas und wo ist überhaupt dokumentiert, wie viel ein Kubikmeter ist? Ob sich die beiden Herren namens Carl und Daniel über solche Fragen Gedanken gemacht haben, als sie ihr Projekt schlicht 0101 betitelten, ist bislang genauso wenig überliefert wie ihre vollen Namen. Es ergibt jedoch Sinn: Ihre Kunst ist weniger die Vereinigung von Digitalem und Analogem, sondern mehr die Erkenntnis der Existenz des einen im anderen. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum enthält zwei überlange Stücke zwischen elektronischen Elementen, ausschweifendem Postrock und Field Recordings, welche Wasserrauschen, Vögelzwitschern und die Rituale von Dorfbewohnern aus Kambut beinhalten. Das ist ein Dorf am Ufer des Flusses Sepik in Papua-Neuguinea. Ein weiter Weg also aus Stephanskirchen bei Rosenheim, woher 0101 ursprünglich stammen.

Das erste Stück "Kanu" vollzieht in seinen 16 Minuten eine faszinierende Metamorphose. Ein aggressives, abgehacktes Knistern empfängt den Hörer in den Anfangssekunden, schleppende Akkorde gesellen sich nach einiger Zeit erst dazu. An dieser Stelle fallen noch bekannte Größen wie Mogwai oder Explosions In The Sky als Referenz ins Gewicht, "0101" hat jedoch ein anderes Ziel vor Augen. Plötzlich erscheint ein Stimmengewirr, die Musik bricht ab. Ein Geschwader aus eindringlich rhythmisch rufenden Stimmen versammelt sich, was hier verhandelt, besungen oder beschworen wird, dürften die wenigsten wissen. Es ist wie ein Gegenentwurf, ein alternativer Groove, völlig konträr zum verhältnismäßig konventionellen Rock zuvor. Doch genau dieser gesellt sich erneut hinzu und verschmilzt mit den natürlichen und menschlichen Geräuschen. Aus den Einzelteilen wird eine flächige Textur, die umhüllt und einnimmt. Eine großartige Konstruktion.

"Sago", welches die zweite Hälfte der LP belegt, arbeitet noch rhythmusbetonter, der langsame, schwere und verzerrte Beat könnte sogar auch im Alternative Rap seine Heimat finden. Die Gitarrensounds kontrastieren dies in lieblicher, sehnsuchtsvoller Manier, dazu wird der Klang eines Gewässers so per Sampling gebogen, dass es in den sturen Takt des Stücks passt. Wieder die Auflösung des Analogen innerhalb des Digitalen. Ein gesprochenes Mantra durchzieht den Song: "Einfach und schwer versus komplex und leicht." Es ist vielleicht das einzige irritierende Element auf "0101", es will in dieser exotischen, außerweltlichen Atmosphäre nicht so recht aufgehen. In dem, was ansonsten ein äußerst gelunges Experiment zur Fusion von Sounds von gegenüberliegenden Punkten der Erdkugel darstellt. Ebenso wie sich Nullen und Einsen aus dem Laptop mit ihren viel komplexeren Counterparts aus der freien Wildbahn paaren und fruchtbare Synergien schaffen. Als Gesamtleistung attestieren wir 0101 somit: 0111.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Kanu

Tracklist

  1. Kanu
  2. Sago

Gesamtspielzeit: 33:04 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-08-21 21:17:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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