Tomberlin - At weddings

Tomberlin- At weddings

Saddle Creek / Cargo
VÖ: 10.08.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Über den Dingen

Saddle Creek. Da war doch mal was. Bald 20 Jahre ist es her, dass das kleine, feine Label aus Nebraska mit Bands wie Cursive, The Faint, Azure Ray und Bright Eyes die Herzen von Musikhörern auf dem ganzen Globus eroberte. Seitdem ist viel passiert. Musikhörer und zu erobernde Herzen gibt es jedoch immer noch mehr als genug. Und Saddle Creek natürlich auch. Sarah Beth Tomberlin heißt das jüngste Signing der Plattenfirma. Herzen bereithalten, "At weddings" ist da. Das Debüt der in Florida geborenen und in Louisiana aufgewachsenen Songwriterin trifft genau da, wo es sich am schönsten anfühlt. "Right in the feels", sagt der Amerikaner. Auf gut Deutsch: Wer Tomberlin in einer ruhigen Stunde eine Chance gibt, wird sich unsterblich verlieben. In eine Stimme, so weit weg und doch so nah. In Songs, so traurig und doch so hoffnungsfroh. Melancholie ist das höchste der Gefühle.

Tomberlin verlässt sich fast ausschließlich auf ihr Organ und ihre Akustikgitarre, bisweilen gesellen sich Streich- und Tasteninstrumente hinzu. Diese bewusste Reduktion erhöht die Strahlkraft der Songs ungemein. Mehr wäre nicht nur ablenkend, sondern auch unnötig gewesen. Der sakrale Charakter der Musik kommt nicht von ungefähr: Als Pastorentochter hatte die Sängerin in der Jugend eine Menge Gospel und Kirchenmusik um die Ohren, was sich deutlich hörbar in ihren eigenen Werken niederschlägt. Meist genügen wenige Akkorde, um die Grundlage für den über den Dingen schwebenden Gesang Tomberlins zu schaffen. Vergleiche zu Grouper drängen sich auf, im Gegensatz zu Liz Harris sucht Sarah Beth Tomberlin jedoch ihr Heil in der Flucht nach vorn. Ihre Texte sind von entwaffnender Einfachheit, ihre Melodien von zeitloser Gravitas.

"And to be a woman is to be in pain", singt sie in "I'm not scared", was nur ein Beispiel für eine jener Zeilen ist, die sich tief ins Bewusstsein fräsen. Erwachsen werden heißt zweifeln, erst recht, wenn es um das Auskommen mit sich selbst geht. Jeder einzelne der zehn Songs auf "At weddings" erzählt eine kleine Geschichte aus dem Leben einer Suchenden. "My life has always been a kind of secret / Can you keep it?", lautet die entscheidende Frage in "Seventeen". Yes, we can. So zerbrechlich und zerrüttet diese Worte daherkommen, so unmittelbar entfalten sie ihre Wirkung. Dabei ist es vor allem der Gesang Tomberlins, der das Blut in den Adern gefrieren lässt. Stets unaufgeregt ist ihr Vortrag, jedoch verbirgt sich just in dieser Zurückhaltung die Magie dieser jungen Chanteuse.

Gerade weil sie sich mit so wenig zufriedengibt, landen ihre Kompositionen dort, wo es angenehm wehtut. Sei es in winterlicher Langsamkeit wie in "February" oder per sirenenhaftem Wehklagen wie in "Tornado": Sarah Beth Tomberlin wickelt den Hörer beinahe unverschämt elegant um den Finger. Die mit langen Instrumentalpassagen ausgestatteten Zwillingssongs "Untitled 1" und "Untitled 2" unterstreichen, mit welcher Gelassenheit die Künstlerin zu Werke geht. Während andere bereits nach wenigen Sekunden mit Refrains um sich werfen, hat die Amerikanerin alle Zeit der Welt. Für Gehetzte ist derlei Seelenstriptease im Schneckentempo sicherlich eine Zumutung. Alle anderen sollten schon einmal Platz im Gefühlszentrum schaffen. Tomberlin steht vor der Tür.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Untitled 1
  • Tornado
  • I'm not scared
  • Seventeen
  • Self-help

Tracklist

  1. Any other way
  2. Untitled 1
  3. Tornado
  4. You are here
  5. A video here
  6. A video game
  7. I'm not scared
  8. Seventeen
  9. Self-help
  10. Untitled 2
  11. February

Gesamtspielzeit: 43:21 min.

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User Beitrag
Ach
2018-09-16 03:23:05 Uhr
Das ist doch alles Spam hier!!

saihttam

Postings: 1120

Registriert seit 15.06.2013

2018-09-16 03:21:36 Uhr
Gefällt mir auch gut bisher. Einiges ist echt sehr berührend. Ich mag diesen distanzierten Ambientklang, der doch auf ganz seltsame Weise Intimität vermittelt. Ähnlich wie es auch Grouper schafft. Mein Highlight ist bisher Self-Help.

boneless

Postings: 1996

Registriert seit 13.05.2014

2018-08-25 12:05:12 Uhr
Jawohl

yanqui

Postings: 170

Registriert seit 13.07.2018

2018-08-25 11:59:05 Uhr
Da habe ich mich wohl geirrt. Auf Albumlänge äußerst angenehm und fokussiert, trotz der zurückhaltenden Stimme.

Armin

Postings: 12923

Registriert seit 08.01.2012

2018-08-13 14:00:57 Uhr - Newsbeitrag
Hier noch mal als Newsbeitrag: Rezension ist online. War oben nicht markiert.
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