Blood Orange - Negro swan

Blood Orange- Negro swan

Domino / GoodToGo
VÖ: 24.08.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Mit eigenen Federn

"No one wants to be the odd one out at times / No one wants to be the negro swan." Es scheint passend, wenn ausgerechnet Devonté Hynes in "Charcoal baby" über Ausgrenzung durch Ungewöhnlichkeit klagt, ist der Brite doch eine der auffälligsten Figuren jüngerer alternativer Pop-Geschichte. Nicht nur äußerlich extravagant, schmückte sich der Hüne auch musikalisch immer wieder mit neuen Federn, tobte sich mit den Test Icicles im Post-Punk und als Lightspeed Champion im barocken Kammerpop aus, um sich unter dem Alias Blood Orange schließlich als einer der spannendsten Akteure des modernen R'n'B und Soul zu etablieren. Diesen Weg geht er konsequent weiter, schlägt "Negro swan" musikalisch wie thematisch in ähnliche Kerben wie sein Vorgänger "Freetown sound". Wieder gibt es den expliziten Rückbezug zu seiner Vergangenheit, der Kindheit und Jugendzeit in London, dieses Mal aber mit mehr Fokus auf sich selbst als auf seinen Eltern. Die Selbstbestimmung der eigenen Identität im gesellschaftlichen Spannungsfeld ist das zentrale Subjekt, das Hynes hier zutiefst persönlich seziert.

Dass eine solche Sektion nicht ohne Anecken in aktuell relevanten Diskussionen um Rassismus und Homophobie auskommen kann, ist bei den Selbstreflexionen eines queeren, schwarzen Künstlers naheliegend. "Negro swan" ist aber keineswegs ein wütendes politisches Manifest im Geiste eines Kendrick Lamar. Hynes schildert seine ganz eigenen Erfahrungen, seine Intimität lässt Vorwürfe einer trockenen und kalkulierten Zeitgeist-Abrechnung direkt zerschellen. Nicht zuletzt, weil das Album auch einfach Spaß macht und der musikalischen Ebene mindestens eine gleich hohe Bedeutung wie der inhaltlichen zuschreibt. "Orlando" heißt der Opener und weckt allein schon mit seinem Titel diskursschwangere Assoziationen, vom homophob motivierten 2016er-Anschlag im Nachtclub Pulse bis zum gleichnamigen Roman Virginia Woolfs über Geschlechtertausch. Doch wenn der infektiöse Groove einsetzt und sich ein komplexes Arrangement aus Funk-Gitarren und Sirenen-Synths um diese immer noch so wundervoll warme und zarte Stimme schlingt, ist das alles vergessen. Wenn "Negro swan" ein Statement absetzt, dann in erster Linie zum virtuosen Talent seines Erschaffers.

Wo Hynes zuvor mit fast ausschließlich weiblichen Features auch um Feminismus zirkulierte, wagt er sich jetzt an Dekonstruktionen von Männlichkeit. Da darf im frühen Highlight "Hope" sogar Gangsterrap-Allvater Puff Daddy einen selbtszweifelnden Monolog halten, der von einem samtweichen Piano und der bezaubernden Stimme der argentinischen Sängerin Tei Shi wunderbar aufgefangen wird. Später stößt in die ätherische R'n'B-Schwebe von "Chewing gum" plötzlich A$AP Rocky mit gewohnt gockeliger Coolness. Doch unerwartete Gastbeiträge bleiben nicht die einzigen Reizpunkte, die "Negro swan" immer wieder setzt. Auf die Flöten von "Take your time" wäre Björk stolz gewesen, "Jewelry" besteht aus so vielen Fragmenten, dass man auch nach wiederholtem Hören nicht ganz durchsteigt, und das eingangs erwähnte "Charcoal baby" überzeugt nicht nur mit einem nuanciert eingesetzten Saxophon, sondern torkelt auch an einem Gitarrenriff entlang, das klingt, als würde Mac DeMarco John Frusciante nachspielen wollen.

"Feelings never had no ethics", lautet das Mantra der spärlichen, am Ende ausufernden Prince- und Michael-Jackson-Hommage "Nappy wonder" – die Auseinandersetzung mit der nicht perfekten eigenen Gefühlswelt ist schließlich auch eine wichtige Station auf dem Weg zur Selbstakzeptanz. So persönlich diese Reise auch ist, Hynes inszeniert sie mit so viel Wärme und Hoffnung, dass alle dazu eingeladen sind, sie mit ihm anzutreten: Wenn er gemeinsam mit Georgia Anne Muldrow den Lagerfeuer-Soul von "Runnin'" intoniert, rennt er keineswegs vor etwas weg, sondern mit offenen Armen auf die Hörer zu. Damit gelingt Blood Orange das dritte Meisterwerk in Folge, weil er stilsicher verschiedene Ansätze zu einem eigenen, geschlossenen Ganzen zusammengießt und ein eindrückliches Porträt von Identität zeichnet, das gesellschaftliche Relevanz aus sich selbst erzeugt, ohne sie zu erzwingen. Jetzt darf nur niemand einem gewissen Hamburger Rapper stecken, dass ausgerechnet ein Schwan im aktuellen R'n'B-Olymp thront.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Hope (feat. Puff Daddy & Tei Shi)
  • Charcoal baby
  • Chewing gum (feat A$AP Rocky & Project Pat)
  • Nappy wonder
  • Runnin' (feat. Georgia Anne Muldrow)

Tracklist

  1. Orlando
  2. Saint
  3. Take your time
  4. Hope (feat. Puff Daddy & Tei Shi)
  5. Jewelry
  6. Family (feat. Janet Mock)
  7. Charcoal baby
  8. Vulture baby
  9. Chewing gum (feat. A$AP Rocky & Project Pat)
  10. Holy will (feat. Ian Isiah)
  11. Dagenham dream
  12. Nappy wonder
  13. Runnin' (feat. Georgia Anne Muldrow)
  14. Out of your league (feat. Steve Lacy)
  15. Minetta Creek
  16. Smoke

Gesamtspielzeit: 49:30 min.

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User Beitrag

Loketrourak

Postings: 840

Registriert seit 26.06.2013

2018-08-26 18:40:39 Uhr
Pink Floyd (obwohl als Bluesband gestartet)geht vielleicht noch geradeso als Artrock durch. The Who ist im Grunde Rock'nRoll pur. "30years of Maximum R&B" ist ein Album/Video welcher Band wohl nochmal?

Led Zeppelin wären NICHTS ohne Blues und Rock'nRoll. Bis zum Schluss nicht. Also gerade bei denen ist der Einfluss doch eindeutig.

Wagner und neue Wiener Schule? Du musst trollen. Das ist ehrlich lächerlich.

MopedTobias

Postings: 9968

Registriert seit 10.09.2013

2018-08-26 18:38:20 Uhr
Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass ein R'n'B-Album auch Morrissey-Referenzen und Einflüsse von Cocteau Twins und Smashing Pumpkins (wobei letztere nun wirklich überhaupt nicht zu hören sind) haben kann? Und warum soll das mehr darüber zu sagen haben, wo er sich "verortet", als Features von Diddy, A$AP Rocky, Nelly Furtado, Carly Rae Jepsen etc?

zany

Postings: 29

Registriert seit 15.05.2013

2018-08-26 14:14:11 Uhr
Gegenwärtig versteht man unter "Black Music" nunmal HipHop, RnB, Soul, Funk. Was vor Jahrzehnten war, ist imho unerheblich. Wahrnehmung und Bedeutung ändert sich doch ständig in vielen Feldern, auch in der Musik.

Das ist ein ziemlich falsches Verständnis des Begriffs. Traurig, wenn er sich tatsächlich in diese white washed Richtung ändert.

Einer dämlichen, weil rassistischen Ideologie hängen eher diejenigen an, für die es unerhöhrt ist, dass farbige Musiker wie Hynes auch andere Genres als Hip-Hop, Soul und RnB bearbeiten können. Dieses vorurteilbehaftete Verhalten gegen people of colour scheint leider auch dich erfasst zu haben

Das hab ich mit keinem Wort gesagt. Ich kann den Vorwurf schon nachvollziehen, es gibt mit Sicherheit einige PoC, die automatisch in die RnB-Schublade gesteckt werden, auch wenn ihre Musik wenig mit dem Genre zu tun hat. Das ist bei Blood Orange aber nun wirklich nicht der Fall - auch wenn seine Musik sehr viele verschiedene Einflüsse hat, ist das eindeutig ein RnB-Album.

Und ja, ich kann auch nachvollziehen, warum dir ein Zugang zu Black Music fremd ist und es dir falsch vorkommt, sie zu mögen, aber dann hinterfrag doch lieber, wieso das so ist, als hier ein ganzes Genre infrage zu stellen.

yanqui

Postings: 170

Registriert seit 13.07.2018

2018-08-26 13:27:31 Uhr
Jetzt bitte noch Leatherfaces Meinung dazu!

Amused

Postings: 223

Registriert seit 28.11.2016

2018-08-26 13:01:19 Uhr
Stimmt, das ist natürlich eine klare Abgrenzung gegenüber zeitgenössischer "Black Music" (wie auch immer man die definieren will), wenn ein Künstler im Laufe seines Lebens auch von anderer Musik inspiriert wurde.

Dass du dein bizarres Distinktionsbedürfnis ausgerechnet auf Dev Hynes projizierst, der in seiner Karriere so ziemlich jedes Genre irgendwann einmal touchiert und dabei unter anderem auch mit Britney und Kylie (also quasi Satan persönlich) zusammengearbeitet hat, ist an Ironie echt nicht mehr zu übertreffen.
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