Tirzah - Devotion

Tirzah- Devotion

Domino / GoodToGo
VÖ: 10.08.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Pokémon Gelb

Es muss schwer sein, dauerhaft im Schatten zu stehen. Als ewiger Sidekick. Als Feature für Baauer. Als Feature für Tricky. Als Feature für Dels. Als Feature für Kews. Als Freundin von Micachu. Vor allem letztere Bezeichnung findet sich regelmäßig bei der digitalen Spurensuche nach Tirzahs Vergangenheit. Damit ist nun Schluss. Mit "Devotion" veröffentlicht die Londoner Sängerin ihr Debütalbum, dabei ist sie schon seit vielen Jahren musikalisch aktiv und setzte bereits 2013 ein erstes Ausrufezeichen beim Boiler-Room-Auftritt ihrer langjährigen Weggefährtin, besagter Künstlerin Micachu. Damals, noch als "Freundin von", präsentierte sie ihren Track "I'm not dancing" und bekam daraufhin einigen Hype auf den einschlägigen Portalen.

Tirzahs Debüt ist das logische Resultut all der Sounds, die in den letzten Jahren den Nerv der Hipsterblogs und Feuilletons getroffen haben. Etwas Avantgarde à la FKA Twigs, leichter Minimalismus wie von Jamie XX und dazu skizzenhafte Songstrukturen, an denen Kanye West seine helle Freude hätte. Gefühlt unfertige Songs sind im letzten Jahr vor allem dank XXXTentacion massentauglich geworden, und auch "Devotion" wirkt im ersten Durchlauf so, als würde noch etwas fehlen. Dieser Eindruck schmälert sich jedoch bei jeder weiteren Rotation. Tirzahs Debütalbum verlangt genau diese Hingabe, nach der es betitelt wurde.

Der Opener "Fine again" wird mit einer Arpeggiatormelodie eröffnet, von Tirzahs Gesang unterbrochen, zerstückelt, wieder mit einer Melodie unterlegt, abgehackt und irritiert mit seinem Ende ähnlich wie er begann. "Do you know" folgt einem leichteren Songschema. Tirzahs geloopte Stimme gibt die Melodie vor, welche von einem einfachen Drumloop begleitet wird. Die elektronischen Spielereien wecken Erinnerungen an Burials Post-Dubstep, die im Laufe des Albums regelmäßig auftauchen. Der dritte Song "Gladly" wurde bereits als Single veröffentlicht und gehört zu den besten des Albums. Er ist nackt und minimalistisch, der Flangersound des Pianos versprüht 90er-Vibe. Die zurückhaltenden Sounds lassen viel Platz für die außergewöhnlich warme Stimme der Londonerin. Völlig gelassen und hingebungsvoll singt sie auf langsamen 65 BPM: "All I want is you / Gladly / Gladly / Gladly." Dabei wirkt sie einerseits persönlich und verletzlich, gleichermaßen aber authentisch, ehrlich und losgelöst.

Das anschließende "Holding on" überrascht mit seinem vergleichsweise hohen Tempo. Der Synthiesound erzeugt eine mantraartige Stimmung, Tirzahs Stimme überschlägt sich im Verlaufe des Songs. "Affection" läutet die bereits bekannte Ruhe wieder ein, welche mit "Guilty" ihren Höhepunkt erreicht. Dieses wird von E-Gitarren-Noise eingeleitet, ehe lediglich ein Piano die Melodieführung übernimmt und Tirzah nahezu flehend im Autotune versinkt. Der Effekt wird hier bis zur Unkenntlichkeit der Stimme aufgedreht, abschließend setzt wieder eine zunächst unpassend wirkende E-Gitarre ein, während sich der Gesang völlig auflöst. Großartig. Frank Ocean und Justin Vernon müssen neidisch sein. Beim Titeltrack "Devotion", "Go now" und "Say when" handelt es sich um Neo-R&B-Songs mit viel Soul, sie erinnern sowohl von der Produktion als auch in ihrer Stimmung an Sohn und Banks. Der letzte Track "Reach" flirtet mit UK-Grime und schließt das Debütalbum hochqualitativ und introvertiert ab.

So weird sich das teilweise liest, so harmonisch wirkt "Devotion" als Gesamtkunstwerk. Das Songwriting ist durchweg homogen und niemals überladen. Es gibt pro Track meist ein Synthesizer- oder Pianofundament, einen leicht spürbaren Bass und einfache Drumloops mit seltenen Hihats. Die Melodieführung übernimmt fast ausschließlich der Gesang. Tirzahs Stimme ist auf allen Songs der Platte weit im Vordergrund, ohne dabei jemals aufdringlich in den Mittelpunkt gestellt zu wirken. Die Stimmfarbe und Gelassenheit der Sängerin versprühen eine ganz besondere Ruhe und Intensität. Die Beats sind lediglich Beiwerk und dienen der Untermalung, damit Tirzah nicht komplett nackt erscheint. Trotz des sich oft ähnelnden Aufbaus haben alle Songs eine hypnotisierende Wirkung, welche sich vor allem im Gesamtkontext komplett entfaltet.

Mit jedem neuen Durchlauf nimmt Tirzah die Hörenden mit in ihre Welt, in ihre Gedanken und fordert nach der kompletten Hingabe, welche sie bereits selbst mit "Devotion" vollzogen hat. Es muss schwer sein, dauerhaft im Schatten zu stehen. Vielleicht ist das aber auch nötig, um die Energie zu sammeln, damit ein Album wie "Devotion" entsteht. Vielleicht ist es gerade diese Abgeschirmtheit, die Tirzah so befreit wirken lässt. Vielleicht ist es ihr auch einfach egal. Produziert wurde das Album übrigens von Micachu. Der Freundin von Tirzah.

(Sebastian Schiller)

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Highlights

  • Gladly
  • Holding on
  • Guilty

Tracklist

  1. Fine again
  2. Do you know
  3. Gladly
  4. Holding on
  5. Affection
  6. Basic need
  7. Guilty
  8. Devotion (feat. Coby Sey)
  9. Go now
  10. Say when
  11. Reach

Gesamtspielzeit: 38:43 min.

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User Beitrag

Plattenbeau

Postings: 555

Registriert seit 10.02.2014

2018-09-28 16:47:47 Uhr
Klingt stellenweise irgendwie trocken oder billig produziert. Die weiche Stimme steht dazu im Kontrast. Dennoch entfaltet dieser reduzierte und repetitive Sound bei mir einen Sog, dem ich mich nicht so recht entziehen kann.

myx

Postings: 516

Registriert seit 16.10.2016

2018-08-14 11:13:59 Uhr
Bei Radio SRF 3 halten sie das Debüt von Tirzah ebenfalls für "sehr gelungen", so gestern in der Abendsendung "Sounds!".

Konnte drei weitere Songs kennenlernen ("Holding On", "Fine Again" und "Basic Need") und bin nun ziemlich sicher, dass ich dieses Album lieben werde. Wunderschön sanfter, fast wie im Vorbeigehen produzierter "Lo-Fi-Soul" (SRF 3).

myx

Postings: 516

Registriert seit 16.10.2016

2018-08-09 12:32:14 Uhr
Mir gefällt diese Musik, besonders "Gladly" hat es mir angetan. Klingt überhaupt nicht nach verkopfter, irgendwie kalkulierter Hipstermucke, sondern sehr gefühlvoll und spontan, fast schüchtern. Eine Stimmung, die in den Worten des Rezensenten sehr schön zum Ausdruck kommt.

Bin nun gespannt auf die übrigen Songs und wie stimmig das Ganze auf Albumlänge wirkt.
Arminmon
2018-08-09 10:17:53 Uhr
Und was hat das Ganze jz bitte mit Pokemon Gelb zu tun? Nur weil sich der Producer-Dödel Micachu nennt?
fubu
2018-08-07 11:38:20 Uhr
Unfassbar schlechte Platte. Vorhersehbares Elektro-Loop-Gedudel mit seichtem Loop-Gesang für alternde Hipster im ewig gleichen Filter-Loop.
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