Death Cab For Cutie - Thank you for today

Death Cab For Cutie- Thank you for today

Atlantic / Warner
VÖ: 17.08.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zwei Herzen

Die Geschichte von Death Cab For Cutie ist die einer Dichotomie. Wie der hell strahlende Konterpart des Monolithen aus "2001 – Odyssee im Weltraum" steht das Meisterwerk "Transatlanticism" da und zäsiert mit seinem Schwester-Album "Plans" die Diskographie in zwei ebenbürtige Abschnitte: den schrammeligen Power-Chord-Emo-Pop von davor, die mehr auf Reife und stilistische Vielfalt setzenden Songsammlungen von danach. Es ist vielleicht auch einfach eine Spiegelung von Benjamin Gibbards Identität, der sich als bekennender Agnostiker auch bei der großen Glaubensfrage nicht festlegen will. Doch existieren diese zwei Versionen ein und derselben Band wirklich immer noch? Oder beschreiben sie nicht vielmehr eine kontinuierliche Entwicklung, bei der die Death Cab For Cutie von früher auf ewig eine bittersüße, auf Tonträger gebannte Erinnerung bleiben, die aufgerufen, aber nicht mehr von der Realität abgebildet werden kann?

Nun erst einmal "Thank you for today". Wo der Vorgänger "Kintsugi" schon mit seinem Titel auf Zusammenbruch und Wiederaufbau hinwies, klingt es dieses Mal sogar noch optimistischer. Gibbard hat wieder geheiratet, die künstlerische Trennung von Ex-Gitarrist Chris Walla wohl endgültig verkraftet und ist bereit, mit der Vergangenheit abzuschließen und positiv ins Hier und Jetzt zu blicken. Musikalisch leitet das nunmehr neunte Album von Death Cab For Cutie aber keineswegs eine neue Lebensphase ein, sondern knüpft nahtlos an seine Vorgänger an. Wieder gibt es zwei Handvoll zuckersüßer, wunderschöner Indie-Kleinode, die zaghafte Experimente wagen, sich aber nie mehr als ein paar Fingerspitzen weit vom Pop wegbewegen. Und natürlich ist auch das größte Gefühl der Welt wieder der inhaltlich bestimmende Faktor, sodass die Songs amerikanisch, melancholisch und alltagsromantisch wie ein Richard-Linklater-Film wirken.

Ironischerweise kommen einem beim eröffnenden "I dreamt we spoke again" jedoch erst ein paar europäische Indie-Größen in den Sinn: Der luftige Beat erinnert an die entspannte Percussion des Elbow-Albums "Little fictions", der generelle Spätsommer-Vibe und die lockere Gitarren-Hook an Phoenix. Das spätere Highlight "You moved away" begibt sich noch weiter in die Nähe chilliger Electronica und entwickelt sogar richtig Zug, wenn es auf einem detailverliebten Arrangement aus sphärischen Synths, Piano und Akustikgitarre in den Sonnenuntergang schwebt. Es ist zwar ein bisschen schade, dass die Radikalität von "Codes and keys" offenbar nicht mehr auf der Agenda steht, aber auch zu verschmerzen. Gibbard und Konsorten punkten stattdessen mit Atmosphäre, Intimität und tollen Melodien, dazu gelingt die Verschmelzung von dezenter Elektronik mit klassischem Pop-Rock bei kaum einer Band so organisch.

In "Summer years" poltern zunächst ein paar klapprige Radiohead-Drums, bis eine The-Cure-Gitarre die Oberhand gewinnt und damit einen expliziteren Bezug zur Nostalgie als zuvor klarmacht: Dass alle alten und neuen Bandmitglieder in den Achtzigern aufgewachsen sind, war auf keinem anderen ihrer Alben so präsent wie auf "Thank you for today". Auch das treibende, von Chvrches' Lauren Mayberry gesanglich unterstützte "Northern lights" ist ein astreiner New-Wave-Hit mit überlebensgroßem Refrain, der mit dem Nuller-Emo seines Vorläufers "Autumn love" ein interessantes, Jahrzehnte und Musikkulturen überspannendes Double bildet. Der Spannungslevel des Gesamtwerks zieht dabei auch ein paar keineswegs schlechte, aber etwas arg formelhafte Songs wie "When we drive" oder "Near/Far" mit, bei denen die Amerikaner ein bisschen zu sehr den unauffälligen Weg des geringsten Widerstands gehen.

Es ist also alles beim Alten bei Death Cab For Cutie – zumindest bei reiner Betrachtung der letzten zehn Jahre. "And now that our haunts have taken flight / And been replaced with construction sites / Oh, how I feel like a stranger here / Searching for something that's disappeared", singt Gibbard in der ersten Single "Gold rush", einer fröhlich stampfenden Alternative-Rock-Ballade, die erneut sehr nach Elbow klingt. Deutlicher hätte der stille Wunsch des Hörers, des Fans nicht nachhallen können – die schmerzliche Sehnsucht nach einer vergangenen Band, die nüchterne Erkenntnis, dass sie so nicht mehr wiederkommt. Und doch ist es nur natürlich, dass ein Monument des Moments wie "Transatlanticism" nur einmal existieren kann und dass Menschen und Musiker älter werden, sich weiterentwickeln. Auch, wenn eine so unermessliche Intensität nicht mehr erreicht werden kann, hat diese Band auch im Hier und Jetzt ihre volle Daseinsberechtigung, weil unter der scheinbar glatteren Oberfläche noch immer das Herz dieser rastlosen, nahbaren und unheimlich talentierten Flanellhemdenträgern von früher schlägt. Danke dafür.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • I dreamt we spoke again
  • Northern lights
  • You moved away

Tracklist

  1. I dreamt we spoke again
  2. Summer years
  3. Gold rush
  4. Your hurricane
  5. When we drive
  6. Autumn love
  7. Northern lights
  8. You moved away
  9. Near/Far
  10. 60 & Punk

Gesamtspielzeit: 38:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kintsugi36
2018-08-13 18:48:46 Uhr
Hier könnt ihr das neue Album in voller Länge streamen:

https://www.npr.org/2018/08/13/636053290/first-listen-death-cab-for-cutie-thank-you-for-today?t=1534174794110

Marvin

Postings: 6

Registriert seit 27.04.2018

2018-08-12 15:58:15 Uhr
@Funny: Und du hast dich in deinem Leben bisher nur zu Alben geäußert, deren Veröffentlichung du aktiv mitbekommen hast? Wenn retrospektives Nachzeichnen von Band-Entwicklungen keine Legitimation hat, sind 95% der Berichterstattungen und Diskussionen im Internet über die Beatles für die Tonne.
we want
2018-08-12 14:18:43 Uhr
#mopedtobiastruthnow
Unfunny
2018-08-12 12:36:11 Uhr
Von Anfang an begleiten? Wo liest du das denn raus? Soll er schreiben, "Transatlanticism kenne ich nicht, dazu bin ich zu jung", oder wie?
Funny
2018-08-12 12:24:28 Uhr
Der Autor versucht den Eindruck zu erwecken, als würde er die Band von Anfang an begleiten, dabei war er als "Transatlanticism" raus kam, gerade einmal acht Jahre alt.
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