Amanda Shires - To the sunset

Amanda Shires- To the sunset

Silver Knife / Al!ve
VÖ: 03.08.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Ausgestrichen

Wenn man als Musikerin oder Musiker im Hintergrund agiert, heißt das nicht immer, dass Talent oder Strahlkraft für die eigene Karriere fehlen – manche wollen es einfach nicht anders. Als Violinistin Amanda Shires einst die Live-Band von Country-Legende Billy Joe Shaver ergänzte, fragte sie dieser, warum sie sich nicht mal selbst als Songwriterin probiere. Völlig entgeistert wollte Shires nichts davon wissen, hielt sie das Ganze nur für einen blumig formulierten Kündigungsversuch. Ein Jahr brauchte sie für die mentale Kehrtwende, doch eine bessere Entscheidung hätte sie nicht treffen können. Obwohl nach wie vor auch als Begleitmusikerin aktiv (zuletzt als Mitglied der 400 Unit von Ehemann Jason Isbell), etablierte sie sich mit sechs eigenen Alben als Sängerin und Komponistin fest in der US-Country-Szene. Nachdem "My piece of land" aus 2016 die damals 34-Jährige sogar in die Country Music Hall of Fame hob, beschert ihr "To the sunset" nun den nächsten Meilenstein: die erste Rezension auf Plattentests.de. Die hätte sie zwar schon vorher verdient gehabt, als ihr reifstes und gleichzeitig gewagtestes Album ist der siebte Streich aber sicherlich auch nicht der schlechteste Startpunkt.

Warum gewagt? Aus dem schlichten Grund, dass von Shires' Hauptinstrument hier genauso die Spur fehlt wie von klassischer Country-Ästhetik. Musikalisch lässt sie sich auf "To the sunset" am ehesten als kleine Schwester von Neko Case verordnen: Ein Fundament aus Americana ist durchaus vorhanden, doch darauf gebaut sind eingängige, dynamische Rock- und Popsongs, denen Synthies und verzerrte Gitarren genauso nah sind wie Hammond-Orgel und Akustikklampfe. Wie sich der Opener "Parking lot pirouette" immer wieder auftürmt, nur um in sich zusammenzufallen, ist phänomenal; Shires' Stimme scheint mehrmals fast zu zerbrechen, doch den Refrain schreit sie lauthals heraus, während der Gatte an der Gitarre sogar ein Solo gniedeln darf. Die folgenden "Swimmer" und "Leave it alone" sind luftige, schnörkellose Pop-Nummern, in ersterem ist sogar die Fidel wieder zu hören, wenn auch zur Unkenntlichkeit mit Effekten geschmückt. Mit der Experimentierfreude einer Lisa Germano hat die Texanerin nicht viel am Hut, doch ihr rundes und spannendes Songwriting – für das sie sogar einen Master-Abschluss hat – formt die Vorliebe für einfache Strukturen zum Segen ohne Fluch.

Während es am Anfang textlich noch romantisch-verträumt zur Sache geht, gibt es später etwas mehr Sturm und Drang, auch wenn der Ton immer positiv bleibt. "Worry can be a tumbling tumultous sea/ With all its roaring and its breaking / How 'bout you be the waves / Too unafraid to even be brave / And see yourself breaking out of this place", heißt es etwa im Höhepunkt "Take on the dark", der in einem wilden Wirbel aus polternden Drums, malträtierten Saiten und Geigenquietschen lebt. "To the sunset" ist ein Album der Gegensätze: Da folgt der zum Glück unpeinliche Hillbilly-Rocker "Eve's daughter" direkt auf die Akustikballade "Charms", da steht der Humor des Ohrwurm-Hits "Break out the champagne" im krassen Kontrast zu Reflexionen über Selbstzweifel ("Mirror mirror") oder Sucht ("Wasn't I paying attention?"). Gemeinsam mit Produzent Dave Cobb hält Shires alles auf wundersame Weise zusammen, vielleicht, weil ihr Ansatz selbst schon so ein Widerspruch in sich ist. Sie verlässt ihre Komfortzone und entwickelt sich ambitioniert weiter, tut das aber mit schön schlichten, schlicht schönen Popsongs, die nie mehr sein wollen, als sie können. Billy Joe Shaver wird indes das breiteste Lachen aufsetzen, denn der hat es schließlich von Anfang an gewusst.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Parking lot pirouette
  • Break out the champagne
  • Take on the dark

Tracklist

  1. Parking lot pirouette
  2. Swimmer
  3. Leave it alone
  4. Charms
  5. Eve's daughter
  6. Break out the champagne
  7. Take on the dark
  8. White feather
  9. Mirror mirror
  10. Wasn't I paying attention?

Gesamtspielzeit: 32:31 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-07-29 20:31:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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