Emil Bulls - Porcelain

Emil Bulls- Porcelain

Motor / Universal
VÖ: 12.05.2003

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vorsicht, zerbrechlich

Einen uncooleren Titel hätten sich die Emil Bulls für ihren neuen Output nicht aussuchen können. Während Kollegen wie Metallica mit dem kommenden "St. Anger" standesgemäß den Zorn Gottes verkünden, setzen die Münchner ein zerbrechliches "Porcelain" in die Welt. Für eine Horde wilder Metal-Burschen doch ein etwas ungewöhnlicher Aufttritt. Smells like Rock'n'Roll? Mitnichten. Aber letztendlich zählt natürlich der Inhalt, nicht die Verpackung. In Schubladen lassen sich die Bulls ja ohnehin kaum pressen. Zuerst noch vorschnell als NuMetal-Trittbrettfahrer abgestempelt legten sie 2001 mit "Angel delivery service" ein überraschend gelungenes Major-Debüt vor. Und straften nicht nur mit dem A-Ha-Cover "Take on me" auch jene Kritiker Lügen, die glaubten Pop, Metal und Emil Bulls würden so wenig zusammenpassen wie unser Bundes-Gerd und Bayern-Häuptling Stoiber.

"Porcelain" jedenfalls entpuppt sich tatsächlich als Drahtseilakt. Extremer als je zuvor bewegen sich die Bulls lyrisch und musikalisch auf dem dünnen Eisberg zwischen Himmel und Hölle, zwischen laut und leise. Wenn wie in "The coolness of being wretched" oder "Symbiote" gerockt wird, dann kracht es richtig. Von brachialen Riffs untermauert shoutet sich Frontmann Christoph "Christ" von Feydorf die Seele aus dem Leib, als hätte ihn Luzifer persönlich in die Mangel genommen. In den ruhigeren Songs ("Lava", "Killer's kiss") verwandelt er sich dagegen in den Engel, der wohl schon längst aus dem ehemaligen Klosterschüler herausgebrochen wäre, hätte ihn nicht Black Sabbath beizeiten bekehrt. Dann bieten die Bulls nämlich Popsongs mit hymmnischen Refrains, die durch vielschichtige Arrangements zu überzeugen wissen. Daß zudem auf alberne Rap-Parts verzichtet wurde und DJ Zamzoe seine Scratch-Attacken vergleichweise zurückhaltend auffährt, steht den fragilen Songs gut zu Gesicht.

Gelingt es beim Titeltrack und dem grandiosen "Paranoid love affair" noch vortrefflich, hart und zart glücklich zu vereinen, fällt dieses zweischneidige Schwert den Bulls desöfteren aus der Hand und durchtrennt den dünnen Faden, an dem sich die Jungs in der Höhe hielten. Das geschieht dann, wenn die Bulls übereifrig zwischen den Extremen hin- und herspringen. Da wird dann uninspiriert der Metal-Knüppel ausgepackt, und die Band trampelt auf den kunstvollen Songgemälden herum wie der Elefant im Porzellanladen. Auf der anderen Seite treiben sie es dann mit der Melodienverliebtheit auch mal zuweit, indem sie einer - sinnigerweise - mit "Lullaby overdose" betitelten - Ballade soviel Pathos verpassen, daß der Song wirkungslos verpufft.

Doch auch wenn der Platz im (Pop/Metal)-Himmel sicherlich längst nicht gefestigt ist, wissen die Bulls eine Bauchlandung zu verhindern. Dank knackiger Riffs, gereifterem Songwriting und dem tighten Zusammenspiel bleibt "Procelain" ein überdurchschnittliches Album. Daran können auch die teils schwachbrüstige Produktion und so manch lyrische Plattheit nichts ändern. "I won't sing about summer and love / 'Cause tonight it all turns into a winter of hate" wird im hypnotischen Titeltrack getextet. So pessimistisch brauchen die Emil Bulls gar nicht zu sein. Gernhaben kann man sie nämlich durchaus.

(Christof Nikolai)

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Highlights

  • Porcelain
  • Paranoid love affair
  • This day

Tracklist

  1. Porcelain
  2. Cocoon
  3. No hay banda
  4. Lava
  5. Moloko velocet
  6. 40 days
  7. The coolness of being wretched (Mud, blood and beer)
  8. Lullaby overdose
  9. Paranoid love affairl
  10. This day
  11. Symbiote
  12. Killer's kiss
  13. Facials (The corrosion of mind) ... The hoover jam

Gesamtspielzeit: 63:20 min.

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