Jenn Champion - Single rider

Jenn Champion- Single rider

Hardly Art / Cargo
VÖ: 13.07.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Unter uns

With a little help from my friends? Da empfiehlt der geschätzte Kollege Holtmann mal wieder ein Album mitsamt der dazugehörigen Künstlerin, man verfällt der Musik, wartet einige Jahre geduldig ab, bis die Dame etwas Neues am Start hat – und dann klingt das so ganz anders als das, in was man sich einst gemeinsam verliebt hat. So geschehen im Fall von Jennifer Hays alias Jenn Ghetto alias S alias Jenn Champion, deren 2014er-Werk "Cool choices" in mindestens zwei Büros des vollverglasten Plattentests.de-Redaktionsgebäudes an der Isar schallte. Rund vier Jahre später hat die Frau mit den vielen Künstlernamen ein neues Album namens "Single rider" am Start, das Gespann Holtmann/Depner traf sich zum gemeinsamen Lauschen in der Schlussredaktions-Lounge und wurde geradezu vom Schlag getroffen.

Statt der erwarteten trocken-entspannten Indie-Hymnen tönte da lupenreiner, quasi mittels extrastarkem Fensterputzmittel glasklar gespülter Synthpop aus den Boxen. Holtmann verschluckte sich an seiner Spezi, Depner an ihrem Popcorn, das Chaos war perfekt. Sind ja schließlich auch nicht mehr die Jüngsten. Der Kollege verabschiedete sich für den Rest der Woche, Depner suchte einen Arzt auf, aber der führte ihren plötzlichen Dritte-Person-Redemodus auf den Schock zurück. Aber Moment! Ist "Single rider" denn schlecht? Nein, ganz und gar nicht, stellte Depner im nächsten Hördurchgang fest. Im Gegenteil. Die Namensvetterin Champion, um die Jahrtausendwende rum Mitglied bei Carissa's Wierd, zieht sich eben abermals ein neues, frisches Gewand über, um letzen Endes genau das zu machen, was sie seit jeher am besten praktiziert: Sie lässt ihre Songs für sich sprechen.

"We're trying to be real / But we need that sex appeal / And we're all trying to be real / But we need something to feel", singt sie etwa in "Holding on", das nur oberflächlich die laszive Tanzmaus gibt, bei weiterem Hinhören aber schon ziemlich tief unter die Haut geht. Die mittlerweile nun nicht mal mehr wirklich neue Schelte am heutigen Social-Media-Phänomen, den Pseudo-Stars, dem ewigen Druck auf junge und zumeist eben auch weibliche Menschen findet in Champion ein weiteres Sprachrohr, ohne dass sie längst Gesagtes nur etwas anders verpackt. Stattdessen wirkt das alles sehr nahbar, als wäre die ursprünglich aus Arizona stammende Sängerin eigentlich eine Freundin, eine von uns: Wenn sie im verhuschten "Never giving in" die einfachen und doch nur ungern gehörten Zeilen "We're never giving in / And no one's gonna win" ausruft, ist nicht ganz klar, ob sie sich selbst, ihr Gegenüber oder doch einfach alle meint – es spielt schlicht keine Rolle.

Und doch hat es durchaus Charme, wie Champion ihre sehr offensichtliche Gesellschaftskritik in zumindest locker-flockig anmutende und oftmals ziemlich tanzbare Pop-Perlen einhüllt. Der vom Achtzigerjahre-Pop nicht nur geküsste, sondern erschöpft und rauchend im Bett zurückgelassene Opener "O.M.G. (I'm all over it)" macht die Sache von Anfang an unmissverständlich klar und groovt sich mit viel Rhythmus und noch mehr Dauerwelle durch die Club-Nacht. Zum minimal melancholischeren "Time to regulate" gibt es kopfnickendes Kater-Frühstück, zu "Mainline" geht es aber alsbald wieder auf die Piste, nachdem man sich durch die Großstadt, den Bahnverkehr, gequält hat, vorbei an großen, bunten Werbeplakaten, stets auf der Lauer, um nicht aus Versehen ins nächste groß inszenierte Selfie zu latschen. Und für das Gespann Holtmann/Depner von 2014 gibt es mit der überaus schönen, überaus herzzerreißenden Dreifachspitze zum Schluss in Form von "Bleed", "Hustle" und "Going nowhere" zumindest einen kleinen Gruß in die Vergangenheit. "It's a lonely road / And I don't look behind me anymore", singt Champion da an einer Stelle. Wer weiß: Vielleicht gibt uns die Gute nicht einfach die Musik, die wir ursprünglich wollten, sondern die, die wir brauchen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Holding on
  • Bleed
  • Hustle
  • Going nowhere

Tracklist

  1. O.M.G. (I'm all over it)
  2. Coming for you
  3. You knew
  4. Holding on
  5. The move
  6. Never giving in
  7. Mainline
  8. Time to regulate
  9. Bleed
  10. Hustle
  11. Going nowhere

Gesamtspielzeit: 38:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
saschek
2018-07-23 12:50:11 Uhr
Irgendwie fehlt gefühlt noch "Dido" in den Referenzen. Es gibt ein, zwei Songs, die mir zu seicht sind. "The Move" zum Beispiel. Aber enough mit Jammern - Single Rider ist schon ein geiles Albümmchen.
Föhnlocke
2018-07-17 14:32:58 Uhr
"Der vom Achtzigerjahre-Pop nicht nur geküsste, sondern erschöpft und rauchend im Bett zurückgelassene Opener "O.M.G. (I'm all over it)"..."
Danke dafür. :-D

molch

Postings: 27

Registriert seit 26.06.2013

2018-07-14 12:32:37 Uhr
like =)

Max der Musikliebhaber

Postings: 27

Registriert seit 13.07.2018

2018-07-13 16:21:13 Uhr
Nach zwei Durchgängen ist für mich das Rating völlig okay. Eher lässt sich da schon bei der Auswahl der Highlights streiten. Zumindest Hustle und Bleed haben auch bei mir Höhepunkt-Status inne - also ausgerechnet Titel, die vergleichsweise am wenigsten zum Tanzen in der Disco einladen und damit eher vom Albumkonzept abweichen. Von den sonst hier gelisteten Songs gibt es nun aber auch keinen, den ich jetzt überspringen würde. Schön, dass Jennifer Hays Vielseitigkeit beweist und dabei gut aussieht.
S-Hörer
2018-07-09 19:53:55 Uhr
Bin mal auf das Album gespannt. Eine unterhaltsam geschriebene Rezension. Interessant, dass keine der bisher vorab veröffentlichten Songs unter den Highlights ist. Das gibt Anlass zum Hoffen. Ich hoffe nur, dass Jenn nicht den Weg einschlägt, auf dem sich jetzt Tegan And Sara befinden. Heartthrob war noch okay, aber danach wurde es unterirdisch.
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