Florence & The Machine - High as hope

Florence & The Machine- High as hope

Island / Universal
VÖ: 29.06.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Kein Himmel voller Geigen

Jede Nacht hat ihre Dämmerung. Ein ewiger Kreislauf: Licht und Dunkel, Ekstase und Stille, alles stets im Wechsel. Und vielleicht hat nie eine Künstlerin diese verschiedenen Gegensätze so in ihrer Musik verinnerlicht wie Florence Welch. Mit "High as hope" bringt die 31-Jährige ihr viertes Album gemeinsam mit ihrer Band heraus. Knapp vierzig Minuten, deutlich zurückgenommener als ihr bisheriger Sound. "Früher dachte ich, dass ich mit einem chaotischen Motor laufe, aber je ruhiger ich bin, umso mehr kann ich in meine Arbeit geben. Ich kann jetzt Dinge ansprechen, die ich vorher nicht greifen konnte", sagte Welch vorweg in einem Interview. Vor drei Jahren trat sie als Headliner beim Glastonbury Festival auf, "How big, how blue, how beautiful" geriet zu einem gigantischen Album, voller Pathos, Wucht und Schmerz. Die Belastung stieg. Der Alkoholkonsum ebenso. Welch flüchtete sich in Partys, in Ausgelassenheit. Doch bevor sie sich zerriss, wandte sie sich der Ruhe zu. Der Gelassenheit. Meditation statt Alkohol. Und nun das vierte Album, begleitet von Geschichten über diese Künstlerin, die morgens mit dem Fahrrad zum Studio im Süden Londons fuhr und dort mit Stöcken an den Wänden trommelte.

Weiterentwicklung heißt in diesem Fall, dass Florence Welch zu sich gefunden hat, so profan es klingen mag. Keine Platte kam bisher so ausgeglichen, ausbalanciert daher wie "High as hope". Da wäre etwa die Vorabsingle "Hunger", die sich an jenen inneren Zwiespälten abzuarbeiten scheint, indem Welch einmal mehr die Schwester Katharsis gibt. Waren ihre Texte bisher vor allem abstrakt, ausgeschmückt und romantisch, eröffnet sie hier mit: "At seventeen I started to starve myself." Sie erzählt das erste Mal von ihrer Essstörung. Welch will hier keine Lichtgestalt, keine Schamanin sein. Doch es folgt: "I thought that love was a kind of emptiness." Das Abstrakte und das Konkrete gehen bei Welch eben zusammen, es gibt keine vollständige Dekodierung ihrer Texte. Wenn bekannt ist, dass "Grace" ein Song über ihre Schwester, dass "Patricia" ein Stück über Patti Smith sind, hilft das als grobe Orientierung, doch Welch lockt mit ihren Zeilen in ein Labyrinth aus Bedeutungen, die so viel bedeuten können, so universelle Dinge ansprechen, dass sie zwangsläufig berühren müssen und eine Ebene des Ausdrucks beim Hörer finden.

Das findet sich im Sound ebenso wieder, denn Florence & The Machine steigern sich nicht mehr bis in die höchsten Höhen, alles fällt deutlich durchdachter, feiner, subtiler aus. "Sky full of song" kommt mit einem Chor aus, dahinter verstecken sich ein paar Streicher, eine Akustikgitarre und ein Klavier. Der Himmel hängt deswegen aber nicht voller Geigen, vielmehr bleibt alles sehr geerdet. Selbst die Opulenz von "June" als Opener stürzt nicht wie eine Flut nieder. Welch fährt ihren barocken Pop zurück, dadurch gewinnen alle Songs deutlich mehr Atmosphäre, mehr Innerlichkeit, die dieses Album zusammenhält. Und ja, da wäre natürlich wieder "Hunger", da dieser eben doch viel mehr Kraft ausdrückt als jeder Song des Vorgängeralbums, sich hier aber einfach perfekt in den Kontext einfügt.

Mehr Positives, mehr Lebensfreude sollte "High as hope" zeigen, so Welch. Alles läuft schlussendlich auf "The end of love" hinaus, der beste Song den Welch jemals schrieb, da fällt sogar der exzellente Kammerpop mit Jamie xx und Kamasi Washington in "Big god" ab. Gospel und Hymne, Streicher, Gigantismus und eben doch Feinheiten, wenn nur noch das Klavier bleibt und Welch dazu über eine verflossene Liebe singt, bevor Chor und Synthesizer das ganze Stück nach oben heben. Aber: Das passiert organisch, natürlich, nicht aus Wut, sondern aus Liebe, aus Gefühl. Welch lässt in ihr Seelenleben blicken, das macht dieses Album zum intimsten und ausgeglichensten Werk ihrer bisherigen Karriere. In der dunkelsten Nacht bietet sie an: Es wartet ein Sonnenaufgang. Immer.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • June
  • Hunger
  • Big god
  • The end of love

Tracklist

  1. June
  2. Hunger
  3. South London fever
  4. Big god
  5. Sky full of song
  6. Grace
  7. Patricia
  8. 100 years
  9. The end of love
  10. No choir

Gesamtspielzeit: 39:58 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
squand3r
2018-07-17 10:04:06 Uhr
die bisherigen Alben haben gleich auf Anhieb reingekickt, das erwarten die Hörer und werden nach den ersten Songs ziemlich enttäuscht. Aber ich schliesse mich vielen hier an: die neue Scheibe hat echtes Grower-Potenzial und entfernt sich stilistisch ein Stück vom bisherigen Material, gut so.

Armin

Postings: 12376

Registriert seit 08.01.2012

2018-07-12 19:39:41 Uhr - Newsbeitrag

Florence + The Machine, Florence + The Machine live beim Melt! Festival ++ Album steigt auf Platz 5 in die Charts ein ++ Neue Tourdaten für 2019

Florence + The Machine
Florence + The Machine live beim Melt! Festival ++ Album steigt auf Platz 5 in die Charts ein ++ Neue Tourdaten für 2019
Am Wochenende versammeln sich Musikfreunde aus ganz Europa wieder beim alljährigen Melt! Festival und dürfen sich diesmal auf eine ganz besondere Performance freuen: Florence + The Machine sind als Headliner dabei und werden ihr aktuelles Album "High As Hope" präsentieren! Das Album stieg in dieser Woche direkt von 0 auf Platz 5 in die Offiziellen Deutschen Albumcharts ein, in den iTunes Charts schoss es an die Spitze!

In diesem Jahr wird der Auftritt beim Melt! Festival zunächst der einzige der Briten in Deutschland bleiben, aber die nächste Tournee wurde soeben angekündigt: Im März kommen Florence + The Machine nach Deutschland und werden ihre bisher größten Venues spielen! Die Tickets sind ab Freitag erhältlich.

FLORENCE + THE MACHINE live
@Melt! Festival am 13. Juli 2018

Live 2019
02.03.2019 München | Olympiahalle
05.03.2019 Köln | LANXESS arena
09.03.2019 Hamburg | Barclaycard Arena
14.03.2019 Berlin | Mercedes-Benz Arena

musie

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Registriert seit 14.06.2013

2018-07-11 08:22:07 Uhr
Ich glaube, das ist ein klassisches Album, welches anfangs etwas unscheinbar daherkommt, aber mit der Zeit extrem wächst. Bei mir brauchts noch ein bisschen Zeit und mehr Hördurchgänge, aber wohin der Weg führt ist bereits jetzt erkennbar...

Dan

Postings: 224

Registriert seit 12.09.2013

2018-07-10 23:24:51 Uhr

Besser als das Album davor finde ich es bislang leider auch nicht. :(

Armin

Postings: 12376

Registriert seit 08.01.2012

2018-07-08 00:51:38 Uhr
Also "Hunger" und vor allem "Big God" werden mit jedem Hören großartiger - der Rest auch.
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