Sophie - Oil of every pearl's un-insides

Sophie- Oil of every pearl's un-insides

MSMSMSM / Future Classic / Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 15.06.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Tür ist offen

Seitdem es das Internet gibt, ist die Welt eine andere. Alles ist jederzeit und überall. Der Informationsaustausch hat sich nicht nur beschleunigt, er ist allumfassend geworden. Auch die Art und Weise, wie Menschen Musik konsumieren, hat sich radikal verändert. Zwar sammeln noch immer viele eifrig Schallplatten, die meisten Menschen wählen jedoch die einfachere Route und streamen. Dies hat nicht nur zu einer Auflösung des klassischen Mainstreams geführt, es sorgte zudem für eine nicht mehr zu überblickende Vielfalt an Trends, die teils schneller vorbei waren als Amtszeiten von SPD-Parteichefs. Sophie (Eigenschreibweise: SOPHIE) passt perfekt in diese grelle neue Welt. Nach Jahren im Hintergrund wagt die schottische Künstlerin nun den Sprung ins Rampenlicht. Mit einem Album, das viele vor den Kopf stoßen wird.

Gleichzeitig ist "Oil of every pearl's un-insides" ein Parforceritt auf der Rasierklinge des Zeitgeistes. Androgyn, queer und schrill lauten die Adjektive, die sich beim Betrachten des zwischen Käsig- und Großartigkeit pendelnden Covers aufdrängen. Die Verpackung passt indessen perfekt zum Inhalt: Sophies zweiter Longplayer nach der 2015er-Compilation "Product" ist ein Hybrid aus schroffen Glitch-Beats und zartem Ambient, wobei bei allem Mut zum Irrsinn der Pop-Appeal nie vergessen wird. Die erste Single "It's okay to cry" führt den Hörer dabei gekonnt auf die falsche Fährte. Zu synthetischem Glockengeläut haucht Sophie einige emotionale Zeilen, bevor urplötzlich ein Orkan, der direkt aus der Achtziger-Disco zu kommen scheint, losbricht. Der bewusste Overkill ist ein Stilmittel, das auf "Oil of every pearl's un-insides" häufig zum Einsatz kommt. Sophie überlässt das Understatement den anderen.

Besonders die brachialen Zwillingstracks "Ponyboy" und "Faceshopping" klingen, als wären sie von einem T-1000 in stationärer Behandlung zusammengeklickt worden. Ähnlich wie auf Vince Staples letztem Album "Big fish theory" arbeitet Sophie bewusst mit extremen Verzerrungen und subsonischen Bässen, was zu einem Sound führt, mit dem man Tote aufwecken kann. Die zwischen Zynismus und Ironie pendelnde Abrechnung mit der Oberflächlichkeit des Instagram-Zeitalters ist dabei gleichzeitig eine Analogie zum Zustand des globalen Kapitalismus. Solange es außen glitzert, darf es innen ruhig kaputt sein. Und wie es glitzert: In Tracks wie "Infatuation" und "Pretending" erkundet die Künstlerin die Grenzen des Pop. Erst durch diese, dem Ambient nahestehenden Songs, entfaltet das Album seine ganze Wirkung: Lautstärke allein mag Aufmerksamkeit bringen, in der Varianz liegt jedoch die große Kunst.

Womit auch das Unwort ausgesprochen wäre. Sophies Musik und Inszenierung sind wie gemacht für das zeitgenössische Feuilleton. Wer sich auskennt, schmeißt mit Referenzen um sich, wer keine Ahnung hat, konzentriert sich auf die Genderfrage. Hinter all der bewusst konstruierten Fassade befindet sich allerdings in erster Linie verdammt großartige Musik. Wer nachvollziehen möchte, welches Gefühlsspektrum Sophie abzudecken im Stande ist, höre "Whole new world / Pretend world". Hier treffen alle Widersprüche aufeinander. Der Track beginnt als klassischer Banger, ehe er sich immer mehr in den Fäden des eigenen harmonischen Netzes verliert. Die anfängliche Grandezza weicht totaler Niedergeschlagenheit. Fragen werden nicht beantwortet, sondern offen gelassen. Nach der Postmoderne muss schließlich noch etwas kommen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • It's okay to cry
  • Faceshopping
  • Whole new world / Pretend

Tracklist

  1. It's okay to cry
  2. Ponyboy
  3. Faceshopping
  4. It is cold in the water
  5. Infatuation
  6. Not okay
  7. Pretending
  8. Immaterial
  9. Whole new world / Pretend world

Gesamtspielzeit: 39:55 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22772

Registriert seit 07.06.2013

2020-02-07 16:20:19 Uhr
Inwiefern visionär?

Hallohallo

Postings: 365

Registriert seit 30.01.2020

2020-02-07 11:38:52 Uhr
Das heimliche Album des Jahrzehnts. So wie Kate Bushs The Dreaming in den 80ern, total visionär und wegweisend, aber trotzdem nicht der totale Erfolg, den stauben andere ab.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7550

Registriert seit 23.07.2014

2020-02-06 16:25:28 Uhr
Ich liebe es immer noch. Hatte mich ja länger gewundert, was das mit dem sperrigen Albumtitel auf sich hat, aber das soll sich in ihrem schottischen Akzent anhören wie "I love every person's insides". Witzige Sache.

Affengitarre

User und News-Scout

Postings: 7550

Registriert seit 23.07.2014

2019-10-31 20:11:14 Uhr
Tolles Album. Wie nach dem sanften Opener erst einmal alles auseinandergenommen wird.

Schön auch, wie die Platte in der Mitte quasi in die Ambient-Richtung kippt und mit "Immaterial" und "Whole New World" am Ende noch zwei Brecher raushaut.

Oh ja. Und obwohl das alles so bunt ist, hat das doch eine ganz eigene und stimmige Atmosphäre.
Peppermint Patty
2018-12-19 13:54:23 Uhr
Faceshopping ist tatsächlich ein wenig nervig,
bis dann der Whitney Houston-Gedächtnismoment alles rausreisst.Strukturell
eine gewisse Ähnlichkeit mit Michael Jacksons
Morphine.
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