Capital Bra - Berlin lebt

Capital Bra- Berlin lebt

Team Kuku / Sony
VÖ: 22.06.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Vom Bordstein noch nicht bis zur Skyline

Nach dem Ende von Aggro Berlin war es, bis auf wenige Ausnahmen, tendenziell eher ruhig um Berliner Straßenrap. Die großen Hypes der letzten Jahre kamen aus dem Ruhrpott, Hamburg und vor allem Bietigheim-Bissingen. Berliner Untergrundattitüde wurde vor allem von Ben Salomos "Rap am Mittwoch"-Revival aufrecht erhalten, große Bekanntheit erlangten jedoch nur zwei der Teilnehmer: Karate Andi und Capital Bra. Während der erste mittlerweile langsam in Vergessenheit gerät, stand der in Sibirien geborene Rapper Vladislav Balovatsky bereits viermal an der Spitze der deutschen Singlecharts und gehört trotz Newcomerstatus derzeit zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Musikern.

"Berlin lebt" ist Capital Bras viertes Studioalbum innerhalb von zwei Jahren und vor allem die gleichnamige Single schürte im Vorfeld die Erwartungen auf einen kommenden Berliner Streetrap-Klassiker. Vorab: Die Erwartungen wurden enttäuscht. Der Titeltrack beginnt mit einem schönen Bushido-Type-Beat, erinnert dank des gepitchten Vocal-Samples und der "Berlin lebt"-Schreie an früheste Aggro-Releases und hat dank der Hook Hymnencharakter für nächtliche Ku'damm-Rundfahrten im tiefergelegten BMW. Mit Sätzen wie "Heute ess' ich Steak / Früher Fünf-Minuten-Nudeln" läutet der Track eine frei nach Bushido benannte Vom-Bordstein-zur-Skyline-Thematik ein, welche sich im gesamten Album permanent wiederholt. Das mag auf einem Song interessant sein, aber ist auf Dauer wahnsinnig ermüdend.

Bereits im zweiten Track "Kennzeichen B-TK" beginnt die ständige Wiederholung von Markennamen, der Herkunft und der eigenen Überlegenheit zu nerven. Positiv hingegen ist Capital Bras leicht aggressive Darbietung und der Arab-Vibe-Trapbeat. King Khalils Featurepart hingegen ist überflüssig und klingt wie eine schlechte Kopie des Hauptprotagonisten. Im späteren "Gisele Bündchen" geht es weniger um das Model, sondern um die weitere Ansammlung von bereits vielfach gehörten Halbsätzen und Wortgruppen. Trotz der inhaltlichen Leere wird an diesem Track deutlich, was Capital Bra ausmacht: Er ist ein verdammt guter Rapper, welcher mit seiner hyperaktiven ADHS-Performance gleichzeitig sympathisch, energiegeladen und authentisch wirkt. Die gelegentlich sozialkritischen Ansätze fallen bei "Stech' den Hurensohn in seine Leber / Denn er ist ein AfD-Wähler" definitiv zu drastisch aus. Bei gemäßigteren Stellen können sie sich aber zwischen der ganzen Selbstüberhöhung und dem Frönen von Materialismus auch erfrischend auf das Hörerlebnis auswirken.

Bis auf die Refrains unhörbar sind die Afro-Trap-Singles "5 Songs in einer Nacht" und "One night stand". Tracks dieser Machart hat es seit dem Erfolg von "Palmen aus Plastik" nicht mehr gebraucht. Besser wäre es auch, hätte Capital Bra auf seine Featurepartner verzichtet. Kein einziger hinterlässt einen bleibenden Eindruck, so dass es sich hierbei schlicht um bloßes Namedropping handelt und die Gesamtqualität im Gesamten eher schmälert denn steigert. Ufo361 klingt seit "808" nur noch wie eine uninspirierte Future-Kopie, die Parts von KC Rebell und Farid Bang sind nett, aber belanglos und AK Ausserkontrolle bleibt sowohl styletechnisch als auch musikalisch gewohnt gesichtslos.

Capital Bras Stärke ist seine leicht selbstironische und dennoch authentische Ausstrahlung, mit welcher er seine Street- und Tickerstories darbietet. Beispiel: "Ich komm mit 'ner scharfen Knarre in den Luis-Laden / Und schrei alle Kunden an: 'Ab heute müsst ihr Gucci tragen!'" oder "Kunden gehen zieh'n und dann direkt kacken / Bratan, ich geh zieh'n und dann direkt packen" aus dem Song "Packen". Das liest sich stumpf, ist aber durch Capitals quirlige Darbietung sympathisch und unterhaltsam. Im Song "Glaub mir" zeigt der Berliner sich im Gegensatz zum restlichen Album ungewohnt persönlich und beschreibt die Liebe zu seiner kleinen Familie. Obwohl textlich und thematisch oft limitiert, ist "Berlin lebt" auch dank der vom Produzententeam The Cratez produzierten Beats ein kurzweiliges und phasenweise spannendes Album – nur leider kein langlebiges. Capital Bra setzt sich dank seines immensen Wiedererkennungswertes vom Großteil der Street- & Gangstarap-Szene ab und ist innerhalb dieses Bereichs der spannendste Künstler seit Haftbefehl. Leider fehlen auf "Berlin lebt" weitere Songs mit der Atmosphäre des Titeltracks, so dass der Rapper die Chance auf einen Berliner Straßenrap-Klassikers vorerst versäumt hat.

(Sebastian Schiller)

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Highlights

  • Berlin lebt
  • Panzer, Tiger (feat. Farid Bang)
  • Packen
  • Glaub mir

Tracklist

  1. Berlin lebt
  2. Kennzeichen B-TK (feat. King Khalil)
  3. Giselle Bündchen
  4. Neymar (feat. Ufo361)
  5. 5 Songs in einer Nacht
  6. Gutes Herz (feat. KC Rebell)
  7. Panzer, Tiger (feat. Farid Bang)
  8. Ballert
  9. Baba flow
  10. Darby (feat. AK Ausserkontrolle)
  11. One night stand
  12. Packen
  13. Glaub mir
  14. Meine Welt (feat. King Khalil)
  15. Wann dann (feat. Capital T)

Gesamtspielzeit: 46:41 min.

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User Beitrag
lol??
2019-02-11 18:54:28 Uhr
Texte wie „Komm in deine Stadt mit Drilon, Miri und Hamudi, diese Szene ist ne Khaba und ich bang die Pu­ssy. Nur noch Gu­cci, Bratan, ich trag nur noch Gu­cci“ kommen in Deutschland offenbar besser an, als früher „Mamma Mia here we go again!“ oder „Dancing Queen“.
Er bricht ABBA-Rekord
2019-02-11 18:44:39 Uhr
lol??

https://www.bild.de/unterhaltung/musik/musik/capital-bra-ganster-rapper-hat-mehr-hits-als-abba-60077024.bild.html
Kevin2
2019-01-01 16:42:02 Uhr
Bratans Hype ist gepushed, Klicks und Follower gekauft und seine Spotify-Folgschaft wird aufgefordert seine Playlist Nachts durchlaufen zu lassen.

kapomuk

Postings: 49

Registriert seit 25.08.2014

2018-12-30 17:48:14 Uhr
Unterscheidet sich für mich nicht von den üblichen "Straßen"-Rap-Klischees.
https://tagpacker.com/user/peterhbg?t=Capital_Bra:_Berlin_lebt_*

Mister X

Postings: 2459

Registriert seit 30.10.2013

2018-10-01 09:01:20 Uhr
Gemessen an der Anzahl der Nummer-eins-Hits in Deutschland ist Capital Bra der erfolgreichste Künstler des neuen Jahrtausends. Er ist zudem der erste Künstler, dem es gelang innerhalb eines Kalenderjahres sechs Nummer-eins-Hits in den deutschen Musikcharts zu platzieren.

Wikipedia

Mehrfach reingehoert, da ich das Erstguterjunge Zeugs noch hoere, da ich mit Bushmann ja schließlich aufgewachsen bin. Capital Bra komplett ohne eigene Identitaet. Musikalisch wie auch von der Attitude. Man tausche ihn mit einem anderen aktuellen Rapper aus, man wuerde in dennSongs keinen Unterschied bemerken.

Das ist mein Problem mit dem Deutsch-Rap (nicht HipHop) der 2010er. Alle nur noch austauschbar und sehr sehr schnell wieder vergessen und durch wen neues ersetzt. Nur Genetikk mit Dna, Haftbefehlt mit Russisch Roulette und Trettmann mit DIY hatten ihren eigenen Stempel. Und natuerlich Kollegah mit einigen seiner Songs und Kiz die den Uebergang von den 00ern in die 10er mit bravour gemeisstert haben. Casper und Materia nicht zugezaehlt, da es eher Crossover ist.

Durch das Internet bekommt leider jeder passable Rapper eine Plattform und sogar einen Vertrag. In den 2000ern gab es eine Auslese, bei der 95% der heutigen Rap-Acts durchfallen wuerden.

Finde ich ehrlich gesagt sehr schade, da ich wirklich sehr gerne guten Rap hoere / gehoert habe.
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