Kamasi Washington - Heaven and Earth

Kamasi Washington- Heaven and Earth

Young Turks / XL / Beggars / Indigo
VÖ: 22.06.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sax on the beach

Liebe ist für alle da? Könnte man derzeit meinen. Sogar im sonst nicht unbedingt als romantisch geltenden HipHop zeigen sich die Künstler von ihrer samtweichen Seite und mutieren zu Schmusetigern. "Spread love", legte zuletzt etwa Kanye West der Welt nahe, Kendrick Lamar widmete dem Thema Liebe einen ebenso benannten Song auf seinem 2017er-Werk "Damn" und das unangefochtene Königspaar des Genres, Jay-Z und Beyoncé, verkünden mit ihrem ersten Kollaborationsalbum glatt "Everything is love". Alles eitel Sonnenschein also, könnte man zumindest meinen. Und dennoch gibt es sie auch immer, diese verflixten Grau-Schattierungen, die düsteren, unschönen Seiten. Und deswegen predigt ein alteingesessener Jazz-Spezialist und gern gesehener HipHop-Gaststar Kamasi Washington nicht nur reine Liebe, sondern auch Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und mindestens ein friedliches Miteinander.

Mit diesem Hintergedanken spielt auch der Titel "Heaven and Earth" seines mittlerweile fünften Streichs: "Heaven" steht für die Welt, die ein Teil seiner Persönlichkeit ist, "Earth" für jene Welt, von der er selbst ein Teil ist. Und so vermengen sich Gewissen und Gesellschaft, Anstand und Aufstand, Funk und Furore. Da bilden die 16 Stücke des Doppelalbums zwar abermals die Grundlage für energische Protestmärsche, rufen aber auch zum gegenseitigen Handreichen auf. Musikalisch geht Washington hier gewohnt gleichermaßen verkopft wie smooth vor und entführt seine Hörerschaft stellenweise gar in sinnlich-verführerische Traum-Szenarien. Den Beginn macht aber der auf Disc eins alias "Earth" – die Namen sind in der CD-Reihenfolge vertauscht – platzierte Opener "Fists of fury", eine nerdig-geniale Mischung aus Blaxploitation-Funk, Latino-Rhythmen und einem Sample des Titellieds des gleichnamigen Bruce-Lee-Films von 1971. Deutlich geschmeidiger gibt sich sein "Heaven"-Gegenstück "The space travelers lullaby", das sich mitsamt seiner Dramatik, seiner Romantik, seiner melancholischen Leichtigkeit nicht entscheiden mag, ob es nun als imaginärer Soundtrack einer Fünfzigerjahre-Schmonzette oder eines übergroßen Disney-Films dienen möchte. Muss es ja auch nicht.

Dass "Heaven and Earth" tatsächlich schon 2016 entstand und laut Washington eher aus einer Reihe von Ideen und Gedanken besteht statt ein bestimmtes Konzept zu verfolgen, tut weder dem Fluss noch der Frische des Albums einen Abbruch. Im Gegenteil: Wenn "Connections" zunächst als entspannte Lounge-Nummer startet und sich im Verlauf seiner fast zehn Minuten Spielzeit mehr und mehr in Chaos und Verwirrung stürzt, ist genau diese gelungene Kombination wie eine Art Frischzellenkur für den eigenen Verstand. Washington setzt voraus, dass der Hörer seine Musik nicht zur schnöden Hintergrundbeschallung benutzt, sondern sich darauf einlässt, sie aufnimmt, darauf reagiert. Auch deswegen lässt man sich von dem jugendlichen Wirbelsturm "The invincible youth" nur allzu gern mitreißen und durch die Großstadt fegen, tanzt man mit dem sinnlichen "Journey" zum Sonnenuntergang am Strand, sinkt man zum geradezu himmlischen "Will you sing" und seinen Gospel-Anleihen auf die Knie, direkt in den Sand, um jedes einzelne Korn unter sich zu spüren.

Jedoch ist Jazz in den seltensten Fällen wirklich Musik, die man jederzeit, zwischendurch oder nebenher hören kann. Das ist hier nicht anders, wenngleich sich "Heaven and Earth" durchaus zugänglicher präsentiert, als es etwa noch bei Washingtons 2017 veröffentlichter EP "Harmony of difference" der Fall war. Ambitioniert ist das sowieso allemal, wenn "Can you hear him" nicht nur zwischen mehreren Geschwindigkeiten, sondern auch mit unterschiedlichen Lautstärken spielt und trotzdem selbst nie aus dem Takt kommt oder zusammenhanglos wirkt. Oder wenn die Reinterpretation des Freddie-Hubbard-Klassikers "Hub-tones" sich wie ein langsam zur Realität werdender Fiebertraum breitmacht und in seinen letzten Sekunden damit droht, den ohnehin schon zu engen Raum mit einem Fingerschnipsen zum Bersten zu bringen. Man muss wahrlich nicht alles verstehen, was hier zwischen den Noten passiert – für die Jazz-Legende John Coltrane war neben der eigentlichen Musikalität vor allem wichtig, welche Emotionen ein Künstler in der Lage ist zu transportieren und hervorzurufen. Angesichts dessen, was Washington bisher in seinen gerade mal 37 Lebensjahren geschaffen hat, darf man sich fast sicher sein: Den hätte sogar ein Coltrane geliebt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Can you hear him
  • The invincible youth
  • The space travelers lullaby
  • Will you sing

Tracklist

  • CD 1
    1. Fists of fury
    2. Can you hear him
    3. Hub-tones
    4. Connections
    5. Tiffakonkae
    6. The invincible youth
    7. Testify
    8. One of one
  • CD 2
    1. The space travelers lullaby
    2. Vi lua vi sol
    3. Street fighter mas
    4. Song for the fallen
    5. Journey
    6. The psalmnist
    7. Show us the way
    8. Will you sing

Gesamtspielzeit: 144:48 min.

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User Beitrag
carlos
2018-07-20 11:35:18 Uhr
Wieso wird die hidden 3.CD nicht erwähnt, sind ja immerhin 40 min tolle Musik?

Loketrourak

Postings: 840

Registriert seit 26.06.2013

2018-07-02 13:41:59 Uhr
Gehe insofern mit, als das viele Stücke in "Popkontext" für Pophörer möglicherweise besser funktionieren (groovy, spiritual, soulful, Atmo) als im Jazzkontext für Jazzhörer. (Und für Poprezensenten einfacher, das gut zu finden, als für Jazzrezensenten). Das macht die Platte aber nicht schlechter.

Diese leicht größenwahnsinnige Art der Repräsentation (generelle Länge, Inszenierung der eigenen Person auf den Covers, Beteiligung von 50+ Personen etcpp.) finde ich eigentlich ganz geil.

Der Untergeher

Postings: 1086

Registriert seit 04.12.2015

2018-07-02 13:30:18 Uhr
Finde seine Musik extrem langweilig. Sowohl harmonisch als auch melodisch passiert da wenig bis nichts über 10 min. Das ist mir alles zu atmosphärisch, nicht genügend Kontrapunkt, keine Abwechslung in der Klangfarbe...die Vergleiche mit Coltrane, die einige Medien bei diesem Album ziehen, finde ich gar frech....

Geht mir genauso. Finde das Albumkonzept auch herzlich banal. Und sein Überlängewahn zeugt von seiner Unfähigkeit einzuschätzen, was von seinem Material taugt und was nicht.
Aber wenn jemand durch ihn tatsächlich mal in eine Trane Scheibe reinhört, bin ich schon froh.

Felix H

Postings: 2926

Registriert seit 26.02.2016

2018-07-02 10:22:26 Uhr
"The Choice" ist jetzt auch auf allen Streamingdiensten verfügbar.

Loketrourak

Postings: 840

Registriert seit 26.06.2013

2018-07-01 12:24:13 Uhr
Platte macht Spaß, ist aber ein 3 Stunden - Brocken - am Stück schwierig. Pressqualität Vinyl ist top. Die Platte zum Rausschneiden eine nette Idee, aber das Cover ist an der perforierten Stelle dann halt offen. Ein neuer Coltrane ist er natürlich nicht. Überhaupt mal: das neue "lost Coltrane album". Das ist super.
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