Let's Eat Grandma - I'm all ears

Let's Eat Grandma- I'm all ears

Transgressive / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 29.06.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

In Zauberhaft

Vor fast auf den Tag genau zwei Jahren traf uns der Schlag: Das Debüt von Let's Eat Grandma verzückte und verzauberte mit unwahrscheinlich unwirklichen Songs, die keine Scheu vor kruden Stilmixen hatten, die niedlich, aber auch unheimlich klangen, vor allem aber durch ihre soundästhetische Einzigartigkeit zu begeistern wussten. "I'm all ears" soll nun an den Erfolg anknüpfen, wobei die beiden jungen Damen weiterhin mit den Extremen flirten: Pop und Experiment, Reduktion und Ausschöpfen aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, Skizzieren und Ausufern. Folglich erscheint auch der Nachfolger zu "I, Gemini" als ein pralles Füllhorn voller Ideen: überbordend, überdreht, überaus liebreizend.

Nach dem unheilvoll bratzenden Intro "Whitewater" legen die beiden Musikerinnen aus Norwich mit "Hot pink" gleich überzeugend los: Ihre jungen Stimmen erinnern an jenen R'n'B, der Ende der 90er-Jahre die Charts und Radios dominierte, Aaliyah kommt einem da in den Sinn, wäre da nicht das Arrangement aus unbequemen, abgehackten, jedoch hochmelodiösen Beats. Erfrischend, wie wenig sich die Britinnen auf einen Sound festlegen lassen, wie problemlos sie mit "It's not just me" den besten Chvrches-Song des Jahres vorlegen und dabei frech in Richtung der Schotten grinsen. Viel poppiger können Let's Eat Grandma kaum mehr klingen, mit den gängigen Strukturen brechen sie im weiteren Verlauf aber ohnehin noch oft genug.

Auffällig sind vor allem die häufig im Zentrum platzierten Synthies, die in den neuen Stücken nicht selten die Hauptrolle spielen. Um sie herum entwickeln Rosa Walton und Jenny Hollingworth die Arrangements, legen Spannungsbögen an, entwickeln falsche Fährten, Irrwege und bauen doppelte Böden ein, wo sie es für nötig halten. Man kann sich prima in diesem Spiegelkabinett von einem Album verlieren, bei all dem Rauch, dem Nebel, den Zerrbildern. Verstärkt wird diese Stimmung durch kurze, filmmusikhafte Interludes, die zwischen den gegen Albumende immer länger werdenden Stücken platziert wurden. Verwirrt stellt man sich da als Hörer schon mal Frage: Wo bin ich und wenn ja, wie lange noch?

Denn eines ist klar: Auch die Stimmungen schwanken beständig. Meist herrscht eine jugendliche Melancholie, die jedoch nicht selten verwunschen wirkt, ins Abstrakte verzerrt. Das kennt man vom Debüt und dieses Gefühl setzt sich nahtlos fort. Neu allerdings sind die ausufernden Stücke, die Let's Eat Grandma an das Ende der Platte gestellt haben: "Cool & collected" klagt sich durch fast neuneinhalb dunkelpurpur schimmernde Minuten. Spannend, wie der sehnsuchtsvolle Gesang nach einiger Zeit in eine fast schon rockige Instrumentalpassage übergeht, ohne jedoch zu patchworkartig zu wirken. Unterschätzen sollte man die beiden jungen Frauen nicht.

Kurz vor den komplett aus dem Ruder laufenden Schlusspunkt platzieren Walton und Hollingworth mit "Ava" eine tolle, bittersüße Pianoballade, die so vielleicht noch am ehesten auf den Vorgänger gepasst hätte. "Donnie Darko" schießt dann in elf Minuten den Vogel ab, verlieren Let's Eat Grandma hier doch scheinbar jedweden roten Faden, nur um am Ende doch triumphierend mit einem Wollknäuel in der Hand dazustehen: Synthies pumpen dickflüssige Beats durch junge Venen, der Drumcomputer gibt den sturen, unnachgiebigen Takt vor, die Stimmen der beiden Künstlerinnen klingen gequält, gehen in Sprechgesang über, flehen. Werden ruhiger, ebben ab. Verdichten sich zu einem letzten Funkeln. Fast schon: der nächste Blitzschlag.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Hot pink
  • Falling into me
  • Ava

Tracklist

  1. Whitewater
  2. Hot pink
  3. It's not just me
  4. Falling into me
  5. Snakes & ladders
  6. Missed call (1)
  7. I will be waiting
  8. The cat's pyjamas
  9. Cool & collected
  10. Ava
  11. Donnie Darko

Gesamtspielzeit: 51:27 min.

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myx

Postings: 516

Registriert seit 16.10.2016

2018-08-31 10:10:32 Uhr
Mr. Fritte spricht mir aus der Seele: Mir fehlt hier einfach dieses Eigenständige, Vorwitzige, Verspielte, das mich auf dem Erstling so begeistert hat. Die Verschrobenheit ruht nur noch auf ganz schmalen Schultern: auf einem halbwegs gelungenen "Hot Pink" und auf einem Interlude ("The Cat's Pyjamas"), das einen sogar ein bisschen zum Schmunzeln bringt.

Ich kann nicht ganz verstehen, wie man ein Album, das sich nach Band x oder y anhört, besser finden kann als eine Platte, die noch ganz nach Let's Eat Grandma geklungen hat. Immerhin sind da aber noch das sehr schöne "Ava", ein toller Opener und zwei gelungene Longtracks (besonders "Donnie Darko"), weshalb man am Ende doch von einem einigermassen akzeptablen Album sprechen kann. Aber eben: "I'm all ears" ist kein Top-Album mehr.

@Kevin: Woran machst du eigentlich die etwas tiefere Note (7/10) gegenüber dem Debüt (8/10) fest? Für mich liest sich deine Rezi eher so, als gäbe es da praktisch keinen Qualitätsunterschied.

Mr. Fritte

Postings: 273

Registriert seit 14.06.2013

2018-08-04 15:38:25 Uhr
Leider sehr glattgebügelt, das Ganze... In der Rezension wird die gleichzeitige Niedlichkeit und dezente Unheimlichkeit des Debüts angesprochen, beides ist im neuen Album leider ziemlich verloren gegangen. Klingt häufig sehr nach Lorde. Und wo es auf dem Debüt noch ein großartiges Sammelsurium unterschiedlicher Instrumente gibt und für die Beats dann und wann einfach mal ein ranziger Drumcomputer angeschmissen wird, regiert hier zumeist ein ziemlich bekannt wirkender, glatter Synthie-Sound. Naja, werde es mir sicher noch ein paar Mal anhören, aber bin doch sehr ernüchtert gerade, da hatte ich mir viel mehr von versprochen. "Ava" ist aber zumindest sehr schön, und die eine Stelle, an der dann doch mal wieder das Saxophon zu hören ist, ist auch super.

whiteEraComputer

Postings: 66

Registriert seit 20.01.2018

2018-07-11 20:03:22 Uhr
Unter ihrem lächerlichen Künstlernamen haut das talentierte Duo für mich einen echten Kandidaten für meine Jahres Top10 raus. Produziert wurde das ganze unter anderem von SOPHIE die erst vor ein paar Wochen ihr Debüt veröffentlicht hat. Klingen tut das ganze wie ein Mix aus Lorde, Chvrches und SOPHIE. Der SOPHIE Part ist aber relativ klein und nur die Tracks die von ihr produziert wurden klingen etwas nach ihrem Album Oil of Every Pearl's Un-Insides. Und gerade dadurch ist das ganze für mich deutlich erträglicher als SOPHIE'S Album. Denn so sehr ich ihr Album auch mag auf Albumlänge und nach ein paar Durchgängen geht einem dieser Bubblegam Bass Sound echt auf die Eier. Die Song Abfolge find ich auch gut gewählt. Anfangs nach recht hitig mündet das ganze immer mehr in längere Tracks die gegen Ende richtig atmosphärischer werden.
Und auch Textlich ist das ganze sehr beeindruckend wenn man bedenkt das die beiden noch keine 20 sind. 

8/10

Also unbedingt mal reinhören!


meine Highlights:

Falling Into Me 
Donnie Darko
Hot Pink 
Stina
2018-07-03 08:33:19 Uhr
Das Album gefällt mir wirklich außerordentlich gut. Textlich und musikalisch eine enorme Weiterentwicklung gegenüber dem Debüt. "Falling into me", "Ava" und "Donnie Darko" sind meine Favoriten. Ich sehe es ähnlich wie der Rezensent: Man sollte diese beiden jungen Frauen auf gar keinen Fall unterschätzen.
123
2018-06-30 12:59:23 Uhr
Top Album. Da hat sich im Vergleich zum etwas wirren Vorgänger doch einiges getan. Ich bin sicher, dass man von den beiden noch einiges hören wird.
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