Jorja Smith - Lost & found

Jorja Smith- Lost & found

FAMM / The Orchard / Sony
VÖ: 08.06.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

The miseducation of Jorja Smith

"I've been lost / I've been lost again and I've been found / Then I found myself again, but I'm constantly finding myself." Selten war ein Debütalbum passender betitelt als hier, denn "Lost & found" lässt den Hörer in Echtzeit an der konstant unkonstanten Identitätssuche seiner Protagonistin teilhaben. Doch wer ist diese überhaupt? 2016 machte die blutjunge Britin Jorja Smith zum ersten Mal auf sich aufmerksam, als sie, inspiriert von rassistischen Diskriminierungen an ihrer Schule, eine Dizzee Rascal samplende Nummer auf Soundcloud hochlud. Es folgten die EP "Project 11", diverse gefeierte Singles, eine Critic's-Choice-Auszeichnung bei den Brit Awards, sowie Kollaborationen mit Drake und Kendrick Lamar. Bereits Monate vor seinem Release trägt "Lost & found" einen Schiffscontainer von Erwartungen auf dem Rücken, an dem eine 21-jährige Soul-Sängerin eigentlich nur zerbrechen kann. Doch Smith schultert ihn so mühelos, als wäre er ihr Turnbeutel.

Von der Verwirrung in den eingangs zitierten Zeilen aus "February 3rd" ist kaum etwas zu hören, denn die Klarheit der musikalischen Vision in Kombination mit der stilistischen Vielfalt ist hier nicht weniger als beeindruckend. Immer wieder knistert ein Vinyl, doch Smith braucht eigentlich nur wenige Minuten, um von Beginn an klarzustellen, dass sie eher in die Vergangenheit als auf aktuelle R'n'B- oder Pop-Trends schielt. Der eröffnende Titeltrack baut auf einem smoothen, organischen Jazz-Instrumental, das wie ein D'Angelo-Song mäandert und dessen Zurückhaltung die optimale Spielwiese für Smiths unfassbare Stimmgewalt bietet. "Teenage fantasy" fischt in ähnlichen Gewässern, erinnert nicht nur mit seiner 90er-Ästhetik, sondern vor allem mit der kraftvollen Vehemenz seines Refrains an Genre-Göttin Lauryn Hill. Und wenn sich "Lost & found" mal doch an moderneren Sounds bedient, geschieht das mit den zerhackten Piano-Beats von "Where did I go" oder besagtem "February 3rd", die sich eher im Oeuvre eines James Blake als in den Charts finden lassen.

Die Referenzpunkte scheinen klar abgesteckt: Stimmlich prägen große Soul-Namen wie Erykah Badu, Amy Winehouse oder eben Hill das Klangbild, musikalisch hingegen oft geräumige Downtempo-Beats im Geiste von Portishead oder Morcheeba. Doch Smith macht sich nicht nur alles wunderbar zu eigen, sie verhindert mit ihrem emotionalen Investment auch das Abdriften in eine seelenlose Nummernrevue. Die Britin hat Gewichtiges zu sagen und in Frage zu stellen, zu sich selbst genauso wie zu der Welt um sie herum. "Wandering romance" gießt das Hadern mit den eigenen Sehnsüchten in eine einnehmende, basslastige TripHop-Hypnose, während die Single "Blue lights" als direktester und mitreißendster Song des Albums rassistisch motivierte Polizeigewalt anprangert: "What have you done? / There's no need to run / If you've done nothing wrong / Blue lights should just pass you by." Nur im Freestyle von "Lifeboats" drückt sie den Finger noch tiefer in die Wunden gesellschaftlicher Missstände, zirkuliert um den Umgang mit Flüchtlingen und profiliert sich darüber hinaus noch als eindringliche Rapperin mit dickem Cockney-Akzent.

Smith macht, was sie will, und "Lost & found" damit zum Meisterstück. Passenderweise kann sie sich auch gar nicht entscheiden, wie sie das Album abschließen soll, weswegen sie gleich drei potenzielle Closer hintereinander platziert: ein verträumtes Akustik-Stück namens "Goodbyes", gefolgt von der mächtigen Gospel-Nummer "Tomorrow", die viel Drama und ein wundervolles Falsett auffährt, und schließlich die spärliche, dennoch ungemein effektive Piano-Ballade "Don't watch me cry" im Stil von Adele. Sinnbildlich für das Gesamtwerk probiert sich Smith in diesen Songs an unterschiedlichen Ansätzen, bleibt aber immer so minimalistisch und unprätentiös, dass ihre Stimme und Persönlichkeit jeden notwendigen Raum zur Entfaltung bekommen. Ihr ungeheures Selbstbewusstsein bezieht sie dabei aus dem simplen Fakt, dass sie genau weiß, was sie tut, und den Akt der Selbstfindung damit als ganz natürlichen Bestandteil des jungen Erwachsenseins begreift, dessen Ausgang ihr nicht im Geringsten Sorgen zu bereiten scheint. Verloren in der eigenen Sinnsuche und dennoch ganz bei sich selbst – ein Widerspruch? Vielleicht. Der dürfte die 21-Jährige aber so wenig jucken wie alles andere.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Teenage fantasy
  • Wandering romance
  • Blue lights
  • Tomorrow

Tracklist

  1. Lost & found
  2. Teeange fantasy
  3. Where did I go
  4. February 3rd
  5. On your own
  6. The one
  7. Wandering romance
  8. Blue lights
  9. Lifeboats (Freestyle)
  10. Goodbyes
  11. Tomorrow
  12. Don't watch me cry

Gesamtspielzeit: 46:02 min.

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User Beitrag
Peti
2018-06-28 16:56:19 Uhr
Richtig gutes Album. Kaum zu glauben, dass Jorja Smith erst 21 Jahre und dies ihr Debut ist.
Zu den Referenzen würde ich noch Neneh Cherry, Kate Tempest und Roisin Murphy zählen.
Highlights für mich Lost & Found, Where Did I Go?, Blue Lights und Lifeboats (Freestyle).

Armin

Postings: 12879

Registriert seit 08.01.2012

2018-06-14 20:55:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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