The Night Flight Orchestra - Sometimes the world ain't enough

The Night Flight Orchestra- Sometimes the world ain't enough

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 29.06.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Halt mal mein Bier

2007, irgendwo in der amerikanischen Einöde. Mittendrin, auf den dort elend langen Etappen zwischen zwei Tour-Orten, die Modern-Metal-Truppe Soilwork. Ob die Schweden nun ihres eigenen eher monothematischen Geballers überdrüssig waren oder schlicht granatenvoll, lässt sich im Nachhinein nicht mehr so genau bestimmen. Auf jeden Fall sind sich Frontmann Björn Strid und Gitarrist David Andersson irgendwann einig, dass der Classic Rock alter Schule viel zu kurz kommt und überhaupt so ein richtiger Tour-Soundtrack fehlt. So in etwa geht die Legende über die Geburt von The Night Flight Orchestra, zu dem unter anderem später noch Sharlee d'Angelo stoßen sollte, als Bassist bei Arch Enemy hauptberuflich auch eher den deftigen Klängen zugeneigt. Es sollte allerdings noch fünf weitere Jahre dauern, bis 2012 mit "Internal affairs" das erste Album das Licht der Plattenläden erblicken sollte. Und plötzlich, vor allem mit dem Nachfolger "Skyline whispers" und der phänomenalen Single "Stiletto", ging die vermeintliche Schnapsidee so richtig durch die Decke. Disco-Metal statt Death-Gerüpel also – die Nische ist zwar klein, aber sie passt wie die Faust aufs Auge.

So gut, dass die Skandinavier etwas für die heutige Zeit völlig Wahnsinniges tun. Denn noch während der Tour zum letztjährigen Album "Amber galactic" entsteht bereits die neue Platte "Sometimes the world ain't enough" – so wie vor einer Dekade bereits vorweggesponnen. Und wie in alten Zeiten des Classic Rock ist "Sometimes the world ain't enough" weiß Gott kein hektischer Nachklapp zu einer gefeierten Platte, so viel steht bereits nach kurzer Zeit fest. Denn Strid und seine Kollegen erweisen sich auch unter schwierigen terminlichen Bedingungen als außerordentlich stil- und ohrwurmsicher. Das beginnt schon mit dem treibenden "This time", das zudem noch kräftig rockt, kräftiger noch als auf dem feinen Vorgänger "Amber galactic".

Warum nun ist The Night Flight Orchestra so ein Phänomen, wie können Musiker, deren Wurzeln allesamt im Death Metal liegen, so dermaßen unterhaltsam sein? Die Antwort gibt beispielhaft "Turn to Miami". Ein feiner Groove, ein Monstrum eines Refrains, und Vibes ganz tief in den Achtzigern. Plötzlich sind weiße Anzüge wieder modern, und Tubbs und Crockett rauschen im Cabrio an Dir vorbei. Groß, ganz groß. Oder "Paralyzed", das mal locker zeigt, dass auch Schweden funky rocken können. Dann wiederum sind da diese Momente, in denen Strid ein unfassbares Gespür für griffige Hooks offenbart. Fast möchte man sagen, dass diese Gabe wohl doch typisch schwedisch sein muss, anders sind Ohrwürmer wie "Speedwagon" oder "Can't be that bad" nicht zu erklären.

Irgendwo in den späten Siebzigern muss die Truppe um Strid, der in seiner Hauptband nun nicht eben Innovationspreise gewinnt, stehen geblieben sein. Und nein, das betrifft nicht nur den sich permanent aufdrängenden Vergleich mit ABBA, sondern auch immer wieder Reminiszenzen an die große Zeit des Plüschrocks mit Toto, Foreigner oder Magnum. Das klingt alles im ersten Eindruck komplett widersinnig – Death-Rüpel frönen dem Pop-Rock, yeah right! – doch die Magie entfaltet sich nicht etwa während des ersten Durchlaufs. Sondern kurz danach. Denn plötzlich klingt der Elchtod viel zu negativ, außerdem scheint die Sonne. Und vor allem ist "The last of the independent romantics" eine wahre AOR-Hymne, die so schon ewig nicht mehr zu hören war. Das Resultat ist eine Platte in Dauerschleife. Für ein Suff-Projekt aus dem Tourbus mithin eine sensationelle Entwicklung. Doch Achtung: The Night Flight Orchestra ruinieren nachhaltig die schlechte Laune.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Turn to Miami
  • Speedwagon
  • Can't be that bad
  • The last of the independent romantics

Tracklist

  1. This time
  2. Turn to Miami
  3. Paralyzed
  4. Sometimes the world ain't enough
  5. Moments of thunder
  6. Speedwagon
  7. Lovers in the rain
  8. Can't be that bad
  9. Pretty thing closing in
  10. Barcelona
  11. Winged and serpentine
  12. The last of the independent romantics

Gesamtspielzeit: 58:15 min.

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User Beitrag

Plattenbeau

Postings: 478

Registriert seit 10.02.2014

2018-07-06 16:04:32 Uhr
So etwas kann auch nur aus Schweden kommen. Diese Retro- und Revival-Bands mit straffem Konzept und gutem Pop-Gespür.

Analog Kid

Postings: 66

Registriert seit 27.06.2013

2018-07-06 11:26:43 Uhr
- darauf

Analog Kid

Postings: 66

Registriert seit 27.06.2013

2018-07-06 11:23:06 Uhr
Haha, geil, die Hardrockvariante von "Retro-/Synthwave". Gefällt mir, kompetent umgesetzter 80ies-Cheese. Da krieg ich gleich Bock, den "Arcade-Machine-Emulator" anzuschmeissen, und ne Runde Outrun zu zocken :) Im Gegensatz zur elektronischen Version scheint's auf den Alben ja auch halbwegs abwechslungsreich zuzugehen.

Aber die Typen sollten in Zukunft darauf lieber darauf verzichten, in ihren Videos aufzutreten, da werden styletechnisch ja böse Erinnerungen an Liquido wach...
Goddess of the Saturday Moon
2018-07-02 02:28:39 Uhr
Seine sieben Pünktchen ist das Album mehr als wert, Laune machts teilweise sogar für zehn #speeedwaagon #emptynight
Viez
2018-06-29 23:32:41 Uhr
Moin!
Soilwork (bes. Predator's Portrait / Natural Born Chaos (!!!)/ Figure No. Five) sind schon mal Referenzen im Melodic Death Metal.....Nightflight Orchestra sind komplett anders aber so cool! Sommer, grillen, Bierchen, Sonnenbrillen..... fantastisch....kenne viele fröhlich feiernde Death Metal Fans (DM Fans sind sowieso meistens fröhlich)seit es die Band gibt!
Hammer Party Mucke!
Lohnt sich für jeden Menschen der auf hochwertige Partyrockmusik der 70er -90er Jahre steht! Toll!
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