Mourn - Sorpresa familia

Mourn- Sorpresa familia

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 15.06.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Befreiungsschlag

Als Mourn vor drei Jahren die Single "Your brain is made of candy" veröffentlichten, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Hype um die Band beginnt. Vier blutjunge Musiker beziehungsweise Musikerinnen aus Barcelona, die mit ihrem Lo-Fi-Post-Punk und der damals schon in Ansätzen kratzigen Stimme von Sängerin Jazz Rodríguez Bueno wie PJ Harvey in ihren Anfangstagen klingen, sind nun mal dazu prädestiniert, das nächste große Ding der Indie-Medien zu werden. Das selbstbetitelte Debütalbum wurde zum Geheimtipp, gute Kritiken weit und breit. Und dann?

Nichts. 2016 erschien der Nachfolger "Ha, ho, he", der dank Label-Streitigkeiten erst gar nicht und dann verspätet das Licht der Welt erblickte. Zu diesem Zeitpunkt waren Mourn bereits von Girlpool, Diet Cig, Gurr und Co. eingeholt worden und sind bis heute größtenteils aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Unstimmigkeiten mit der Plattenfirma gehören inzwischen der Vergangenheit an, die Band ist immer noch jung und trotz aller Tiefschläge motivierter denn je. Der passende Zeitpunkt, um befreit aufzuspielen. Genau das tun Mourn auf ihrem dritten Album "Sorpresa familia". Die Gläser klirren, dann beginnt die erste Single "Barcelona city tour" in minimalistischer Post-Punk-Manier. Parquet Courts lassen grüßen, Rodríguez Buenos Stimmfarbe ist noch etwas dunkler geworden und von der Naivität und Niedlichkeit des Erstlings ist nicht viel geblieben. "What a shame" erklingt es im Chor und es scheint, als befreiten sich Mourn von all dem Ballast der Vergangenheit. "Skeleton" nimmt das Tempo etwas raus, stimmt melancholisch und wirkt vor allem erwachsen. Immer wieder erinnert der Gesang an eine junge PJ Harvey, die gesamte Band versprüht einen Pixies-Vibe und die Produktion könnte von Steve Albini persönlich stammen.

Der Bedroom-Grunge von Mourn setzt sich auf dem gesamten Album durch. Nur ein Song ist länger als drei Minuten, klassische Strukturen gibt es nicht, kein Refrain hat vordergründiges Hitpotenzial. Das Herausragende an "Sorpresa familia" sind die vielen besonderen Momente, die sich erst nach einiger Zeit erschließen: Die verzerrte Gitarre und der wütende Gesang am Ende von "Strange ones", die vermutlich unbewusste Hommage an At The Drive-In in "Fun at the geysers", das bedrohlich wirkende "Candle man" mit nur minimalen, aber Spannung erzeugenden gesanglichen Variationen im Refrain und das permanente, unterschwellig melodiöse Bass-Spiel sind hierfür nur einige Beispiele. Einen Song wie "Orange" würden auch Warpaint heute nicht mehr besser hinbekommen und spätestens während der Abrechnung mit dem Ex-Label in "Doing it right" ernten Mourn bedingungslose Zustimmung – schließlich macht die Band auf ihrem dritten Album so ziemlich alles richtig. Das Quartett klingt angepisst, wütend, dabei gleichzeitig losgelöst und schreit genau diese Message allen ins Gesicht. Nach knapp einer halben Stunde ist "Sorpresa familia" bereits wieder vorbei und das fröhlich, fast schon euphorische "Epilogue" rundet diesen Befreiungsschlag gegen Ende harmonisch und selbstzufrieden ab. Der richtige Zeitpunkt, dass der Hype von vorn beginnt..

(Sebastian Schiller)

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Highlights

  • Barcelona city tour
  • Strange ones
  • Candle man
  • Doing it right

Tracklist

  1. Barcelona city tour
  2. Skeleton
  3. Strange ones
  4. Fun at the geysers
  5. Candle man
  6. Orange
  7. Doing it right
  8. Thank you for coming over
  9. Bye imbecile!
  10. Divorce
  11. Epilogue
  12. Sun

Gesamtspielzeit: 29:00 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-06-14 20:54:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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