Girls Names - Stains on silence

Girls Names- Stains on silence

Tough Love / Cargo
VÖ: 15.06.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Paint it black

Nordirland muss ein verdammt trostloser Ort sein. Zumindest ließe sich anders nur schwerlich erklären, warum Girls-Names-Frontmann Cathal Cully konstant miesgelaunter ist als Moe Szyslak von den Simpsons. Da konnte auch ein Positivismus verheißender Albumtitel wie "The new life" nicht drüber hinwegtäuschen: Seit einer knappen Dekade bedienen sich die Belfaster aus einer Palette von Post-Punk, Gothic und Shoegaze, um auf ihrer demolierten Leinwand ausschließlich Gemälde tiefster Schwarz- und Grautöne zu malen. Der Viertling "Stains on silence" markiert insofern einen unschönen Wendepunkt, dass sich die in ihrer Musik schon immer allgegenwärtige Destruktivität nun zum ersten Mal bereits im Entstehungsprozess manifestierte. Ein Jahr nach dem 2015er-Album"Arms around a vision" stieg Drummer Gib Cassidy aus, das verbliebene Trio verwarf ein fertig gemixtes Album, um sich eine Zeit lang festen Berufen ohne Geldsorgen zuzuwenden. Bei der anschließenden Rückkehr ins Studio fand man Gefallen an der De- und Rekonstruktion und zerlegte die alten Stücke in ihre Einzelteile, um mit und auf ihnen ein komplett neues Werk zu bauen.

Musikalisch schlägt sich das in einer Art Best-of der bisherigen Diskografie nieder, die sich qualitativ mühelos in ebendiese einreihen kann. Die größte Stärke der Band ist es noch immer, sämtliche Extreme des negativen Emotionsspektrums glaubhaft abzubilden und damit für Dynamik und Abwechslung zu sorgen, auch wenn Stimmungs- und Soundbild durchgängig so düster und niedergeschlagen sind. Da schwelgt Opener "25" mit atmosphärischen Piano- und Basslinien über fünf Minuten in einer depressiven Schwebe, die an Joy Division's "The eternal" erinnert, nur damit sich kurz darauf die rohe Aggression von "The process" mit dissonanten Noise-Gitarren Bahn brechen kann. Es kommen einem diverse Bezugsnamen in den Sinn, von Legenden wie The Cure und The Jesus And Mary Chain über jüngere Achtzigerjahre-Epigonen wie Savages oder The Twilight Sad, doch Girls Names können irgendwie alles, solange von Cully nichts verlangt wird, für das er die Mundwinkel nach oben ziehen muss. Ein bisschen sind die Nordiren für den New Wave das, was Kasabian für den Brit-Pop waren, doch das mit dieser Querverbindung implizierte Abdriften ins Banale wünscht man ihnen nun wirklich nicht.

Ähnlich wie die Genre-Kollegen von Interpol müssen sich Girls Names der Frage stellen, ob dieses Schaulaufen fremder wie eigener Referenzen überhaupt noch gebraucht wird. Und ganz genauso wie die Genre-Kollegen von Interpol kontern sie hier mit einer simplen Gegenfrage: Wer braucht schon Innovation, wenn die Musik einfach nur gut ist? "The impaled mystique" kombiniert schwere Synths mit verspielten Surfrock-Gitarren bis zu einem fulminanten Instrumental-Finale, während "Haus proud" und vor allem das riesengroße "Karoline" unverschämt zackige Goth-Disco-Hits sind, die sich aber widerspenstig gegen eine allzu einfache Eingängigkeit sträuben. Und wenn die Songs mal nicht mitreißen, kann man sich auf gleichzeitig tröstende wie unangenehme Weise von ihnen umarmen lassen, wie etwa im Albtraum-Pop des Titeltracks, der Beach House direkt in die Hölle befördert. "Stains on silence" ist ein entrückter, einnehmender Trip, der erst dann loslässt, wenn er vorbei ist, und dessen desorientierende Grazie auch anfangs sichergeglaubte Ursache-Wirkungs-Beziehungen in Frage stellt. Vielleicht ist Nordirland auch gerade deshalb so trostlos, weil es einen der größten Griesgräme der nördlichen Hemisphäre beheimatet.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • The impaled mystique
  • Karoline

Tracklist

  1. 25
  2. Haus proud
  3. The process
  4. The impaled mystique
  5. Fragments of a portrait
  6. A moment and a year
  7. Stains on silence
  8. Karoline

Gesamtspielzeit: 37:12 min.

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Armin

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2018-06-14 20:53:10 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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