Snail Mail - Lush

Snail Mail- Lush

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 08.06.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Coming of (r)age

Pitchfork, Noisey, Stereogum, Consequence of Sound - die Liste der Magazine, die Lindsey Jordan vor ihrer Debüt-LP ihr Gehör schenken, ist mindestens so Aufmerksamkeit erregend wie die stoische Gelassenheit, mit der die gerade einmal 19-Jährige mit ihrem plötzlichen Ruhm umzugehen scheint. "Lush" ist daher nicht umsonst in vielerlei Hinsicht ein Zeugnis genau dieser Gemütslage geworden - und ein authentisches Tagebuch der emotionalen Übersättigung jener späten Teenagerjahre. "Did things work out for you? Or are you still not sure what that means?" Es ist die Direktheit der vielen persönlichen und rhetorischen Fragen, die Jordan über gut 40 Minuten legerem Gitarrenpop aufwirft und die nicht selten bis ins Mark treffen. Dabei sei es ihr egal, wie man die zehn Songs der Platte anders sequenziert hätte, "as long as it ended with people thinking about crying into a tub of ice cream".

Dass wohl mehr als eine handvoll Tracks auf "Lush" die Qualität dazu haben werden, daran ließ schon die im März veröffentliche Vorabsingle "Pristine" kaum einen Zweifel. Jordans prägnantes, rhythmisches Gitarrenspiel – das sie früh unter anderem von Helium-Gitarristin Mary Timony lernte – legt sich sanft wie der Morgentau, wenn sie allzu lässig feststellt: "It just feels like the same party every weekend, doesn't it?" Die Alt Rock-Einflüsse der 90er hört man ihrer Musik dabei ebenso an wie den Willen nach Eigenständigkeit; einem Trademark-Sound, für den das Debüt mehr als nur einen massiven Grundstein legt. Dafür verantwortlich, dass dieses Rezept auch auf Albenlänge ohne Durchhänger funktioniert, sind vor allem auch Schlagzeuger Ray Brown und Alex Bass am – namesgerecht – Bass, die häufig auf den Punkt perkussiv arbeiten und Jordans Rage – schwebend irgendwo zwischen kühlem Desinteresse und rauem Gefühl – ihren benötigten Raum lassen.

So ist es verdammt schwierig, auf "Lush" eindeutige Highlights auszumachen – einfach, weil es keinen Schatten gibt; keinen Kontrast, gegen den die Stücke, die etwas weniger geraderaus preschen, abfallen könnten. "Speaking terms" flüchtet sich beispielsweise in einen hypnotischen Sog aus Crescendos und euphorisch verhallenden Vokalen, "Stick" nagt mit all seiner Sehnsucht im positivsten Sinne bis zum Ende an sämtlichen Nerven, und "Full control" verliert im Refrain eben jene Kontrolle so rountiniert, dass man sich auf der Stelle ein Black-Francis-Feature wünscht. Einen wohlgesetzten Gegenpol bietet das kurze Neo-Folk-Stück "Let's find an out", das Jordan stolz und vollkommen zurecht als einen ihrer Lieblinge der Platte betitelt. Hier zeigt sich das enorme Songwritingtalent ein wenig losgelöster von der Komfortzone, quasi schon implizit im Reifeprozess: "Oh, strawberry moon / You're always coming back a little older / But it looks alright on you." Damn well, it does.

"Lush" wird den durchaus vorhandenen Erwartungen nach der 2016 noch auf dem Heimatlabel Sister Polygon Records erschienenen EP "Habit" bravourös gerecht und sollte jetzt schon zu den Debüts des Jahres zählen. Und wenn sich die Antworten auf die vielen Fragen, die Jordan hier so kunstvoll und sehnlich inszeniert, nicht auf Anhieb schon der nostalgischen Erinnerung an das eigene Erwachsenwerden entspringen, dann bleibt schlussendlich doch zumindest befreiende Euphorie. Dazu kommt die Gewissheit, dass die Independent-Szene sich um ihren Nachwuchs alles andere als zu sorgen braucht. "Is there any better feeling than coming clean?" – von den Tränen salziges Eis zu löffeln, während diese Platte zum seichten "Anytime" ausklingt, möchte man den Kreis schließen. Jederzeit, und jederzeit wieder.

(Robin Hartmann)

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Highlights

  • Pristine
  • Speaking terms
  • Let's find an out
  • Full control

Tracklist

  1. Intro
  2. Pristine
  3. Speaking terms
  4. Heat wave
  5. Stick
  6. Let's find an out
  7. Golden dream
  8. Full control
  9. Deep sea
  10. Anytime

Gesamtspielzeit: 38:27 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
der,die,das Mensch*in (geschlechtslos)
2018-07-14 08:47:55 Uhr
Es ist ein absoluter Skandal, dass im Jahr 2018, noch über das Geschlecht diskutiert wird!

Männer können Babys bekommen und Frauen Abseits erklären! So sieht es nun einmal aus!

Gott hat den Menschen nicht umsonst 23 Geschlechter gegeben.

Liebe an alle meine Les, Gay, Bi, Trans and Queer-Folks!

Keine Liebe an alle Cis-White-Men!

Mister X

Postings: 2144

Registriert seit 30.10.2013

2018-07-14 08:42:57 Uhr
Nicht zu 100% das Thema, dennoch interessant.

https://www.google.de/amp/s/www.br.de/puls/musik/aktuell/sexismus-in-der-musikbranche-100~amp.html

Mister X

Postings: 2144

Registriert seit 30.10.2013

2018-07-14 08:39:05 Uhr
...mit dem Unterbewusstsein

Mister X

Postings: 2144

Registriert seit 30.10.2013

2018-07-14 08:36:27 Uhr
Immer diese Welle die losgerissen wird. Da ich halt ein Listomania bin, ist es mir nunmal aufgefallen dass der Anteil der Alben mit einer Frau am Mikro bei mir sehr, sehr gering ist. Und das obwohl ich gleichviele "maennliche" und "weibliche" Alben hoeren. Einige Bekannten (Frauen) von mir bevorzugen tatsaechlich Musik mit Frauen am Mikro.

Desshalb die Frage.

Gordon Fraser

Postings: 1048

Registriert seit 14.06.2013

2018-07-13 19:04:39 Uhr
Das ist - wenn überhaupt - aber ein Genreproblem und hat nix mit dem Geschlecht der Beteiligten zu tun. Finde es sowieso extrem anstrengend, wenn Musik im positiven wie im negativen Sinn auf Geschlechtsfragen reduziert wird. Es gibt beschissene Frauenbands und tolle Männerbands und umgedreht.

Mich persönlich packt Snail Mail nicht wirklich, Soccer Mommy oder U.S. Girls (um mal bei aktuellen "Frauenbands" zu bleiben) gingen da schneller ins Blut.
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