Sankt Otten - Zwischen Demut und Disco

Sankt Otten- Zwischen Demut und Disco

Denovali / Cargo
VÖ: 25.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Bums binär

Kraftwerk verwalten ihr Erbe, Sankt Otten treten es an. Schon seit vielen Jahren veröffentlichen Stefan Otten und Oliver Klemm als Sankt Otten Platten, die der Geist der Düsseldorfer durchweht. Mal rockiger, mal elektronischer, doch stets auf hohem Niveau zerlegt das Duo dabei das, was Schubladenfanatiker als Krautrock bezeichnen, genüsslich in seine Einzelteile. Kooperationen mit Legenden der goldenen Ära deutscher Frickelmusik gehören dabei ebenso stets dazu wie abstrus-geniale Songtitel. Auch "Zwischen Demut und Disco" folgt diesen Prinzipien. Niemand Geringerer als der 2017 verstorbene Jaki Liebezeit hat bei "Wir sind die Guten" die Sticks in die Hände genommen. Die Guten sind Sankt Otten definitiv, ihr neues Album ist dafür Beweis genug.

Die rein instrumental vorgetragene Musik oszilliert hierbei zwischen den Polen Bums und Binär. Will sagen: Monotone Rhythmen à la Can oder Neu! treffen auf elektronische Spielereien, die oft an die eingangs erwähnten Kraftwerk erinnern, jedoch meist eher in Richtung des Ambient eines Klaus Schulze schielen. Besonders "Einmal große Ernüchterung bitte" klingt, als hätten es Sankt Otten aus dem Kling-Klang-Studio entführt. Wobei sich der Track mit seinen peitschenden Snares und raumgreifenden Synthieflächen nicht vor den Großtaten der Originale verstecken muss. Bloße Nachmacherei ist Otten und Klemm jedoch zu banal. Sie greifen vielmehr historische Bezüge auf, um sie ganz bewusst mithilfe moderner Elemente zu dekonstruieren.

Bei den zentralen Songs des Albums handelt es sich um die Longtracks "Zwischen Demut und Disco" und "Der Abend ist gelaufen", die beide weit jenseits der Zehn-Minuten-Marke ins Ziel kommen. Sie folgen auch einem identischen Grundmuster: In einlullender Langsamkeit schlieren Melodien vorbei, während Bass und Schlagzeug auf der Stelle verharren. Beim Griff in die Floskelkiste kommen Begriffe wie "atmosphärisch" und "elegisch" zu Tage. Man kann aber auch einfach sagen, dass Sankt Otten verdammt gut darin sind, loszulassen. Nicht der Kopf, sondern der Instinkt treibt ihre Musik an, was sie zu einem idealen Begleiter für ausgedehnte Spaziergänge durch den eigenen Verstand werden lässt.

Wie Titel wie "Die Ballade vom salonfähigen Zynismus" einzuordnen sind, liegt ganz im Ermessen des Hörers. Da Sankt Otten sich nirgends anbiedern wollen und müssen, wirken derlei Kalauer nicht aufgesetzt, sondern unterstreichen vielmehr die gesunde Nüchternheit, mit der die Herren zu Werke gehen. Das Duo agiert zwischen Vertrackt- und Verträumtheit. Besonders "Ich habe mit der Welt noch ein Hühnchen zu rupfen" baut mit dräuenden Pads und klackerndem Drumcomputer eine Brücke zwischen den Extremen. Der Brückenbau ist überhaupt eine passende Analogie zu dem, was Sankt Otten tun. Zwischen alt und neu setzt die Band ein beeindruckendes Bauwerk nach dem anderen in die Landschaft. Und das ganz ohne EU-Fördergelder.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Einmal große Ernüchterung bitte
  • Zwischen Demut und Disco
  • Ich habe mit der Welt noch ein Hühnchen zu rupfen
  • Der Abend ist gelaufen

Tracklist

  1. Das endgültige Scheitern der Melancholie
  2. Der Kaffee spricht zu mir
  3. Einmal große Ernüchterung bitte
  4. Zwischen Demut und Disco
  5. Die Ballade vom salonfähigen Zynismus
  6. Wir sind die Guten (feat. Jaki Liebezeit)
  7. Ich habe mit der Welt noch ein Hühnchen zu rupfen
  8. Ein bisschen Mitschuld bringt Dich nicht gleich um
  9. Der Abend ist gelaufen

Gesamtspielzeit: 62:58 min.

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MM13

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Registriert seit 13.06.2013

2018-06-10 12:25:45 Uhr
ganz stark,unverkennbar an was sie sich orientieren,dennoch auch ein eigenständiger sound,neben "urwald orange" von die wilde jagd, und "blick" von station 17 im moment meine neuen highlights im krautrocksektor.

Armin

Postings: 12565

Registriert seit 08.01.2012

2018-06-07 21:07:20 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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