Johnny Marr - Call the comet

Johnny Marr- Call the comet

Rykodisc / Warner
VÖ: 15.06.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

There is a light that goes out

In der Musik gibt es geborene Frontsäue, aufmerksamkeitsanziehende Diskurs-Magneten – und es gibt Johnny Marr. Als Gitarrist und Hauptkomponist der Smiths stand er schon immer im Schatten Morrisseys und auch danach werkelte einer der renommiertesten Architekten des Indie über zwei Dekaden lang im Hintergrund von The The, The Cribs oder Modest Mouse herum, bevor er es mit "The messenger" zum ersten Mal ganz allein versuchte. Dabei scheint der Brite auf den Geschmack gekommen zu sein – "Call the comet" ist bereits sein drittes Solo-Album in gut fünf Jahren. Eine spät entdeckte Vorliebe für die eigene Ego-Show? Mitnichten, denn Marr hat Gewichtiges zu sagen und ein loses Konzeptalbum über alternative Zukunftsutopien entworfen, in dem eine hochentwickelte Alien-Rasse namens Tracers die selbstinduzierten gesellschaftlichen Missstände der Menschheit zu korrigieren versucht. Eine hochgesteckte Ambition mit einem interessanten Nebeneffekt: Bewusst oder unbewusst ist Marr damit zum Gegenentwurf seines alten Kumpanen geworden, denn seine Fantastereien von einer besseren Welt sind für das Fanherz bedeutend angenehmer als die nationalistischen Tendenzen des Mozzers.

Und musikalisch? Da reicht schon ein Blick auf die Songlängen, um festzustellen, dass der 54-Jährige aus seinen Soundtrack-Arbeiten mit Hans Zimmer ein paar Lektionen in Sachen Dramatik und Opulenz mitgenommen hat. Passend dazu stellt sich der Opener "Rise" mit mächtigen Gitarren direkt ganz breitbeinig auf, während "Hey angel" diesen leicht psychedelischen Stadion-Britpop noch weiter ausformuliert und damit in die Richtung einer ganz anderen prägenden Kapelle aus Manchester schielt. Dazwischen zelebriert der Quasi-Titeltrack "The Tracers" die Ankunft der heilsbringenden Aliens, die vollgepackt mit "Sympathy for the devil"-Woo-Hoo, treibenden Basslinien und einer konstant hohen Grundspannung aber leider den Refrain vergessen haben. Es ist ein gelungener, aber nicht komplett überzeugender Start, der damit symptomatisch für das ganze Album steht. Marr ist noch immer ein großartiger Gitarrist und potenter Songwriter, klingt aber bei weitem nicht mehr so distinktiv wie in seiner Hochphase in den 80ern. Zugegebenermaßen muss er das aber auch nicht, wenn er noch immer einen Hit wie "Bug" aus dem Ärmel schütteln kann, der mit seinem infektiösen Riff in einem Live-Set nach "Bigmouth strikes again" sicher nicht die schlechteste Figur abgeben würde.

In manchen Momenten strahlt die alte Magie dann aber doch fast ungefiltert durch. Der wunderschöne Jangle-Pop von "Hi hello" ist eine Verbeugung vor sich selbst und der eigens geschaffenen The-Smiths-Melancholie, auch dem luftigen Schlusspunkt "A different gun", der mehr im Bewegungsraum der High Flying Birds als dem der anderen Noel-Gallagher-Band agiert, steht seine Subtilität ganz ausgezeichnet. Ebenfalls hoch anzurechnen ist "Call the comet", dass das Album viel probiert: "Walk into the sea" ist eine sechsminütige Post-Rock-Elegie, der Noir-Elektro von "New dominions" und "Actor attractor" platziert sich zwischen Depeche Mode und einer handzahmen Nine-Inch-Nails-Variante, während "My eternal" auch auf einem 30 Jahre alten New-Wave-Sampler nicht weiter aufgefallen wäre. Trotz der inhaltlichen Progressivität blickt Marr bei seiner musikalischen Weiterentwicklung eher zurück als vorn – das ist einerseits nicht schlimm, weil er sich überall recht stilsicher bewegt und diese Referenzschau durchweg gut unterhält, andererseits bleibt aber ein Gefühl des Bedauerns darüber, dass eine der prägendsten Figuren der Indie-Musik der aktuellen Szene kaum mehr Essenzielles hinzuzufügen hat. Es brennt eben doch nicht jedes Licht ewig.

(Marvin Tyczkowski)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Hi hello
  • Bug
  • A different gun

Tracklist

  1. Rise
  2. The Tracers
  3. Hey angel
  4. Hi hello
  5. New dominions
  6. Day in day out
  7. Walk into the sea
  8. Bug
  9. Actor attractor
  10. Spiral cities
  11. My eternal
  12. A different gun

Gesamtspielzeit: 57:56 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Obvious Lee
2018-08-09 18:56:03 Uhr
"Ich weiß grad nicht, was die anderen Singles sind, aber "Hi hello" ist der mit Abstand beste Song, der qualitativ nicht repräsentativ für den Rest ist. Ist alles ganz gut, aber nicht weltbewegend."

Steht ja auch so in deiner Rezension, dass du das so siehst.

The Hungry Ghost

Postings: 750

Registriert seit 15.06.2013

2018-06-17 10:09:50 Uhr
"Hi Hello" und "Walk Into The Sea" gefallen mir recht gut. Nachdem ich in einige weitere Songs reingehört habe, breitete sich aber eher Ernüchterung aus, da es recht uninspiriert klingt.
An das Album "The Messenger" von 2012 kommt es leider nicht heran.

MopedTobias

Postings: 10061

Registriert seit 10.09.2013

2018-06-17 01:04:11 Uhr
Ich weiß grad nicht, was die anderen Singles sind, aber "Hi hello" ist der mit Abstand beste Song, der qualitativ nicht repräsentativ für den Rest ist. Ist alles ganz gut, aber nicht weltbewegend.

Gomes21

Postings: 2905

Registriert seit 20.06.2013

2018-06-16 20:26:18 Uhr
Die Singles haben definitiv was, habe aber das Gefühl, dass das nicht lange währt.

MM13

Postings: 1475

Registriert seit 13.06.2013

2018-06-16 15:52:06 Uhr
vereint sämtlichen manchestersound und bands bei denen er jemals gespielt hat,nichts aussergwöhnliches aber einfach gut.7/10
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum