Jean-Michel Blais - Dans ma main

Jean-Michel Blais- Dans ma main

Caroline / Universal
VÖ: 11.05.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Frühsommernachtstraum

Wie beschreibt man die Schönheit von Musik, die völlig ohne Gesang, ohne Effekte, ohne große Überraschungen daherkommt und die stets zwischen hauchzarter Fragilität und enormer Stärke wandelt? Die wie aus einem Guss zu sein scheint und doch aus so vielen verschiedenen Komponenten zusammengesetzt ist, die in detailverliebter Perfektion aufeinander abgestimmt wurden? Die mal vertontes Meeresrauschen ist, eine Welle, die sich immer wieder nähert und entfernt, an anderer Stelle aber ein kleines loderndes Feuer, das sich Stück für Stück weiter erhebt, einen Flächenbrand auslöst und am Ende nur noch Rauch hinterlässt? Musik, die gleichzeitig kühl und warm ist, aufwühlend wie beruhigend, bei der man manchmal dazu geneigt ist, sie einfach nebenher zu hören und dann doch kaum zur Ruhe kommt ob dieser Grazie, dieses Wohlklangs, dieser Ästhetik.

Neo-Klassik ist kein Randgenre mehr, kein Außenseiter, nichts, wofür man dessen Liebhaber und Verehrer als pseudo-intellektuelle Langweiler belächelt. Längst etablierte Größen wie Nils Frahm und Ólafur Arnalds haben es vorgemacht, wie man Neo-Klassik auch bei der vermeintlich jüngeren Generation populär macht. Die Werke Max Richters werden mittlerweile wie Kunstobjekte behandelt, seine Stücke in Filmen und Serien als Soundtracks verwendet, und nach dem tragischen Tod des Oscar-prämierten Jóhann Jóhannsson ging im Frühjahr 2018 ein Aufschrei durch die Musiklandschaft. Das Genre verdient noch mehr Aufmerksamkeit, das gilt auch für den frankokanadischen Komponisten Jean-Michel Blais, dessen 2016 veröffentlichtes Debüt "Il" unverständlicherweise kaum bemerkt wurde. Noch gibt er nicht auf: Nach einer gemeinsamen EP mit dem Ambient-Spezialisten CFCF gibt es nun endlich Nachschlag in Form von "Dans ma main".

Und wie es die Übersetzung des Albumtitels schon sagt: Das Glück liegt in seiner Hand. Blais' Werdegang ist ein spannender. Als Kind litt er unter dem Tourette-Syndrom, von dem er sich selbst laut eigener Aussage so gut wie geheilt hat. Von der Sterilität seiner musikalischen Ausbildung erschöpft, reiste er um die Welt und arbeitete unter anderem in einem Waisenhaus, er lebte in südamerikanischen Ländern und auch ein Jahr in Berlin. Er studierte Kunst und Psychologie, er beschäftigte sich mit der Entwicklung behinderter und verhaltensauffälliger Kinder. Auch "Dans ma main" ist von diesen vielen verschiedenen Eindrücken geprägt, es vermischt die klassischen Piano-Klänge mit fein ausgewählten Electronica-Elementen und erzeugt so eine auf zwei Stufen aufbauende neue Ebene.

Wie also beschreibt man sie, diese Art von Musik, die selbst ohne Worte auskommt und die man eigentlich hören muss anstatt über sie zu reden? Auch über "Dans ma main" könnte man viel sagen, noch mehr schreiben und doch beschränken wir uns hier lieber auf eine ausdrückliche Empfehlung. Blais' Talent spricht für sich, wenn man ihm denn zuhört. Dann, und nur dann, merkt man, wie "Dans ma main" sich vom ersten bis zum letzten Stück langsam aufbaut, wie es sich eine Welt schafft, deren Farben sich langsam, aber stetig entwickeln, wie auf einer von der Sonne geküssten Wiese in einem frühsommerlichen Traum, wenn es tagsüber schon heiß ist, nachts aber noch kalt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Forteress
  • Outsiders
  • Igloo

Tracklist

  1. Forteress
  2. Roses
  3. Outsiders
  4. Dans ma main
  5. Blind
  6. God(s)
  7. Igloo
  8. Sourdine
  9. A heartbeat away
  10. Chanson

Gesamtspielzeit: 45:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Philipp
2018-06-08 23:39:44 Uhr
Das ist wirklich nicht allzu böse gemeint, aber für das Beschreiben instrumentaler Musik (also solcher, die ohne Gesang auskommt) haben z.B. Kritiker klassischer Werke ein erstaunlich umfangreiches Vokabular entwickelt. ;)

Armin

Postings: 12185

Registriert seit 08.01.2012

2018-06-07 21:04:47 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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