Kanye West - Ye

Kanye West- Ye

Def Jam / Universal
VÖ: 31.05.2018

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

His delusional dark twisted reality

Schaut man sich die Schlagzeilen der letzten Monate vor Veröffentlichung von Kanye Wests neuem Album "Ye" an, fängt der Nacken irgendwann ob des dauerschüttelnden Kopfes an zu schmerzen. West ist in der Dauer-Reality-Sendung seiner Frau Kim Kardashian nicht nur angekommen, er wird davon regelrecht vereinnahmt: Er präsentiert sich als Trump-Bewunderer und stolzer Träger eines roten "Make America great again"-Hutes. Während eines seltsam anmutenden Interviews in den Redaktionsräumen des Klatsch-Riesen TMZ.com tönt er, dass er die noch gar nicht allzu lang zurückliegende grausame Sklaverei in den USA für eine von den Sklaven selbst getroffene Entscheidung hält. Er erzählt von seiner Fettabsaugung, um der Öffentlichkeit zu gefallen – an den Komplikationen einer ähnlichen Operation war seine Mutter 2007 gestorben –, von der darauffolgenden Schmerzmittelabhängigkeit, er redet sich immer weiter rein in diese hanebüchene, oftmals auch sehr traurig anmutende Lebensgeschichte, die er sich zum Teil selbst geschaffen hat. Und die Öffentlichkeit schaut zu. Natürlich: Großspurig und bisweilen sogar größenwahnsinnig war der 41-Jährige schon immer. Mittlerweile lebt West jedoch in seiner eigenen Welt, und nicht nur, dass ein Zutritt dazu unmöglich ist, so lässt offenbar auch das gegenseitige Verständnis langsam, aber stetig nach.

Sprunghaft ist das, wie er einerseits Liebe und Frieden predigt und andererseits wütender und aggressiver denn je wirkt, als er bei TMZ.com in den Newsroom brüllt, ob irgendwer anzweifle, dass er ein freier Mensch sei. Traurig ist es, wie bedröppelt dreinblickend er sich anschließend von einem Redakteur den ungebildeten, ignoranten Arsch aufreißen lässt. Lächerlich ist es, wie Kardashian ihn stümperhaft auf Twitter zu verteidigen versucht, als sein ehemaliger Freund und Weggefährte Rhymefest mit ihm bricht, wie sie sich über den Mann amüsiert und ihn, der "Jesus walks" mitgeschrieben hat und der seit Jahren humanitäre Hilfe leistet, als Niemand beleidigt, der sich keine echten "Yeezy"-Schuhe leisten kann. Mittlerweile scheint klar: West ist Kunstfigur und Mensch zugleich, ein Schauspieler, der sich scheinbar langsam, aber sicher in seiner eigenen Rolle verliert. Und dem die große Bühne mutmaßlich nicht mehr gut tut. Auf "Ye" versucht sich West als Familienmensch darzustellen, der offen über seine Probleme spricht. Nur: Wirklich etwas Neues erfährt man hier nicht, stattdessen drückt der Rapper bei seiner bereits seit Jahren andauernden Irrfahrt immer mehr aufs Gas. Mit dem Kanye West von einst, der sich für seine Heimat Chicago einsetzte, für die afroamerikanische Bevölkerung, für den kleinen Jungen von nebenan, hat der neue Kanye West nichts mehr gemeinsam.

Hatte man bisher immer nur darüber spekulieren können, bestätigte West seine bipolare Störung im Zuge der Veröffenlichung seines achten Albums "Ye" längst selbst, der Satz "I hate being bi-polar it's awesome" ziert sogar das Artwork. Es erklärt viel und überrascht doch kaum, beobachtet man Wests Tanz auf beiden Seiten des manisch-depressiven Spektrums. Es dürfte außer Frage stehen, dass sein Geisteszustand mit dem weiterem Fortschreiten seiner Karriere immer weiter gelitten hat. "Ye" ist ein Zeugnis davon, dass auch der Wahnsinn Kanye Wests, für den ihn andere als Genie bezeichnen, manchmal eben auch einfach nur das ist: wahnsinnig. "Ye" ist so wechselhaft und sonderbar wie sein Schöpfer zunehmend auftritt, es birgt Momente, die den Hörer ratlos zurücklassen, aber auch solche, bei denen man sich erschreckt. Im Opener "I thought about killing you" dreht sich der Mann aus Chicago stetig um die eigene Achse, verkündet, dass seine schönsten Gedanken meist einhergehen mit den schlimmsten, fast unschuldig erklärt er, wie er über Mord nachgedacht hat, über Selbstmord, darüber, wie sehr er sich selbst eigentlich liebt. Die erste Hälfte ist mehr Spoken Word als wirklicher Song, nach über drei Minuten platzt es plötzlich aus ihm heraus, ein holpriger Beat startet, im Hintergrund ertönen Schreie wie im Dschungel – oder im Irrenhaus.

Es ist der Beginn einer gerade mal knapp 23-minütigen Reise, die mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Und die, mehr denn je zuvor, die düstere Seite Kanye Wests offenbart. Ein ganzes Album will er kurzfristig verworfen haben, als er wegen seiner Aussagen zur Sklaverei öffentlich angefeindet wurde. Und so klingt "Ye" größtenteils auch: wie ein unfertiges, schnell zusammengeschustertes Produkt, eine kurze, schnell verblassende Momentaufnahme von Wests Gemütszustand, nicht wie ein Gemälde für die Ewigkeit, wie man es sonst von ihm gewohnt ist. West war sicher nie der versierteste Texter des Genres, auf "Ye" sind einige Zeilen aber nicht mal die schriftliche Wiederholung wert. Und auch sonst überzeugt das alles nicht so recht: Die Pseudo-Liebesballade "Wouldn't leave" mit Gospel-Anleihen ist eine Zusammenfassung von Kardashians Reaktion auf seine Äußerungen der letzten Monate. Er erzählt kühl, wie er ihr angeboten hat, dass sie ja einfach gehen könnte und von ihrer Ablehnung, aber auch, dass es sie mehr ärgerte, dass er die Marke und das Geld in Gefahr gebracht habe. Klarer könnten Prioritäten wohl kaum sein, das zeigt auch "All mine", das sich über weite Strecken über Promis auslässt, die beim Betrügen erwischt wurden, mit einem absurd klingenden Jeremih, der seinen Falsettgesang trainiert.

Zwischen Schrecken und Schönheit wandelt das gitarrenlastige "Ghost town" mit einem eher vergessenswerten Kid Cudi, dessen eigenes Kollaborationswerk mit West schon in den Startlöchern steht, und das trotzdem dank seiner Zugänglichkeit zumindest für einen Augenblick im Ohr bleibt. Und auch "Violent crimes", in dem West über das zukünftige Sexleben seiner Töchter fabuliert und versucht, daraus ein Manifest der Übersexualisierung von Frauen zu stricken, mag nicht so recht gelingen, schmeichelt aber immerhin wegen der überzeugenden Gastparts von 070 Shake und Ty Dolla $ign. Wenn aber die Highlights genau solche Songs sind, die einfach weniger schwach daherkommen als die anderen, sagt das viel aus über das nicht mal halbstündige Gesamtwerk. Man hört "Ye" an, wie viel es will. Wie ambitioniert West auch hier an die Sache rangeht, wie sehr er dazugehören möchte. Der Albumtitel rührt nicht nur von seinem eigenen Vornamen, sondern auch vom englischen Wort für "Du", das laut des Rappers der am häufigsten erwähnte Begriff aus der Bibel ist. Zum wohl ersten Mal in seiner Karriere will er nicht der Anführer sein, sondern ein Mitglied der Gruppe. Die traurige Wahrheit ist: Noch ferner, noch weiter weg von der Realität, von dieser Welt, von den Menschen, zu denen er gehören möchte, war Kanye West noch nie.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Ghost town
  • Violent crimes

Tracklist

  1. I thought about killing you
  2. Yikes
  3. All mine
  4. Wouldn't leave
  5. No mistakes
  6. Ghost town
  7. Violent crimes

Gesamtspielzeit: 23:41 min.

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User Beitrag

MopedTobias

Postings: 9412

Registriert seit 10.09.2013

2018-06-15 00:29:09 Uhr
Sich über nicht eingehaltene Mindestlängen von Alben aufregen, die natürlich auch von Genre zu Genre unterschiedlich sind, gibt's auch nur in Deutschland.
Mild und natürlich
2018-06-14 20:11:01 Uhr
"Ye und der ganze Bullshit."
Felix und Jenny sind das Traumpaar auf PT.

Amused

Postings: 188

Registriert seit 28.11.2016

2018-06-14 19:53:56 Uhr
Aha, von daher ok.

Kam mir aber auch echt verarscht vor, als ich das Ding gestreamt habe.

hubschrauberpilot

Postings: 4385

Registriert seit 13.06.2013

2018-06-14 19:50:22 Uhr
Hip Hop != Punk

Amused

Postings: 188

Registriert seit 28.11.2016

2018-06-14 19:48:05 Uhr
Kennst du die Ramones?
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