Heisskalt - Idylle

Heisskalt- Idylle

heisskaltmusik.de
VÖ: 23.05.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Im Alleingang

Sich als Künstler durchzuschlagen war noch nie die leichteste Aufgabe, im digitalen Zeitalter ist die Vermarktung der eigenen Person aber auf einem völlig neuen Level angekommen. Wer nicht mindestens zehn Instagram-Stories am Tag postet, hat eigentlich schon verloren. Wer seine neue Platte nicht als Deluxe-Box mit möglichst viel unnötigem Tinnef anbietet, wird kaum Hype generieren. Und wer sein Album nicht wenigstens zwei Monate vor Release zur Vorbestellung freigibt, wird seinen Namen wohl nie in den Rängen der Charts sehen. Heisskalt sind darüber zurecht frustriert und leiten deshalb mit ihrer dritten Platte einen radikalen Einschnitt in ihrem Schaffen und in ihrer Diskographie ein. "Idylle" erscheint ohne Label oder Vertrieb und die Band kündigte den Release des Albums völlig ohne PR-Kampagne am Vortag per Whatsapp-Newsletter an. Mehr noch, die digitale Version der Platte ist sogar kostenlos auf der Bandwebsite erhältlich. All das wäre aber vielleicht gar nicht so bemerkenswert, wenn man Heisskalt diese Abkehr von gewohnten Pfaden nicht auch in ihren Songs anhören würde.

"Idylle" bricht nämlich auch musikalisch mit zahlreichen Gepflogenheiten, die die Band vormals zu ihren Markenzeichen gemacht hatte. In neun Songs erklären Heisskalt mit trockenem Kampfeswillen, dass sie keine Lust mehr auf die klangliche Weitläufigkeit des Vorgängers "Vom Wissen und Wollen" haben. Stattdessen zirkuliert die Band in gestresstem Post-Punk à la Die Nerven, der sich bewusst monoton und roh hält. Die Gründe dafür liegen zum einen sicher auch in der reduzierten Bandbesetzung, denn seit dem Ausstieg von Bassist Lucas Mayer agieren Heisskalt als Trio. Zum anderen wirkt das Konzept von "Idylle" aber wie eine sehr bewusste Entscheidung, denn die Negation aller etablierten Stilmittel ist absolut konsequent. Klare Refrains gibt es zum Beispiel deutlich seltener, wodurch ein Song wie "Tapas und Merlot" noch wesentlich ruheloser wirkt. Unangenehm und mit den Zähnen fletschend fluchen Heisskalt über eine komplizierte Welt, die kaum mehr zu fassen ist, und gerade deswegen wohl mit Direktheit befeuert werden muss.

Denn "Idylle" nutzt sein neu gewonnenes Klangideal wahrhaftig aus und inszeniert kontrapunktisch zum Titel eine Ästhetik, die alles andere als wohlklingend ist. Die Noise-Elemente in "Bürgerliche Herkunft" sind da nur der Anfang, wesentlich beklemmender noch wirken etwa die nervös tänzelnden Dissonanzen in "Fest" oder die schleppende Rhythmik im obskur betitelten "Du denkst ich lächle Dich an doch mich blendet die Sonne". Zum Ende klaren die düsteren Wolken von "Idylle" auf und lassen Licht durchblitzen. Das gelungene, eingängige "Wie Sterne" ist verhältnismäßig poppig und lässt durch schillernde Synthesizer-Untermalung auch Shoegaze-Referenzen zu, das leichtfüßige "Tassenrand" hingegen schafft es, die zirkulierende Post-Punk-Struktur der Platte auf ein wesentlich süßlicheres Klangideal zu übertragen.

Die Vision hinter Heisskalts dritter Platte ist somit klar: Die Suche nach dem Ungewissen und die Loslösung von Altlasten trägt "Idylle" in jeder Pore in sich und verkörpert so eine Band, die endgültig nichts mehr mit den naiven Alternative-Rockern der "Mit Liebe gebraut"-EP zu tun hat. Trotz allen Mutes fehlt der Platte in letzter Konsequenz so ein wenig der prägnante Charakter, der ein neues Kapitel wirklich bemerkenswert einleiten könnte. Denn auch wenn es wünschenswert ist sich stetig weiterzuentwickeln, so muss man dennoch fragen dürfen, woran man sich in fünf Jahren eher erinnern wird: an das bahnbrechende Finale eines Über-Songs wie "Absorber", oder an ein "Herbstlied", das sich im Endeffekt nur redundant um sich selber dreht?

(Jakob Uhlig)

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Highlights

  • Bürgerliche Herkunft
  • Wiederhaben
  • Fest

Tracklist

  1. Bürgerliche Herkunft
  2. Wiederhaben
  3. Tapas und Merlot
  4. Idylle
  5. Fest
  6. Du denkst ich lächle Dich an doch mich blendet die Sonne
  7. Tassenrand
  8. Wie Sterne
  9. Herbstlied

Gesamtspielzeit: 37:01 min.

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User Beitrag

Robert G. Blume

Postings: 388

Registriert seit 07.06.2015

2018-12-29 22:44:18 Uhr
Beim Jahresendplaylistenkompilieren hab ich dieses Album noch mal neu für mich entdeckt. Die ersten fünf Songs sind ja so was von stark. Bin nochmal neu verliebt in diese Platte.

The MACHINA of God

Postings: 13134

Registriert seit 07.06.2013

2018-12-20 19:07:21 Uhr
Herbstlied 7,5/10

Das Album bewegt sich also durchgehend im 7,5 bis 8,5er-Bereich. Ich geb daher auch die runde 8/10. Die anfänglichen Lowlights haben sich entwickelt, die tollen Songs sind toll geblieben. Ja, es fehlt vielleicht ein "So leicht" oder "Absorber", aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Und vielleicht kommen solche Songs ja wieder.

The MACHINA of God

Postings: 13134

Registriert seit 07.06.2013

2018-12-20 19:04:21 Uhr
Ausklang.

"Die Tage werden kürzer
Und zu lächeln fällt uns schwer
Wir stolpern und wir stürzen
Einander hinterher

Versuchen zu vergessen
Ohne uns dabei zu verlieren
Ein ewig' Kräftemessen
Doch nie im Jetzt und Hier

Und die Nächte werden kälter
Und zu schlafen täte gut
Ein sich leerender Behälter
Im Nieselregen ausgegangene Glut"

Affengitarre

Postings: 3996

Registriert seit 23.07.2014

2018-12-20 19:03:13 Uhr
"Herbstlied" ist jetzt schon ein ziemlicher Antiklimax. Wenn ich da an das epische "Papierlunge" vom Vorgänger denke, könnten die beiden kaum verschiedener sein. Wobei es auch spannend ist, das Album auf so einer Note enden zu lassen, ohne Ausbruch oder sonstiges. Der hat auch so eine ungute Atmosphäre, finde ich.

The MACHINA of God

Postings: 13134

Registriert seit 07.06.2013

2018-12-20 19:02:33 Uhr
Hach, toller euphorischer Song. 8,5/10

Jetzt das "Herbstlied". Hat jetzt erst im Herbst klick gemacht. War vorher eher ein Fremdkörper auf dem Album für mich.
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