The Green Apple Sea - Directions

The Green Apple Sea- Directions

K&F / Broken Silence
VÖ: 18.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nürnberg blues

Die Geschichte liest sich wie ein gar nicht mal schlechtes, immer passend dramatisches Coming-of-Age-Drama: Da tauchten die Franken The Green Apple Sea mit ihrem 2010er-Album "Northern sky, southern sky" quasi einfach aus dem Nichts auf und beweisen mal eben, dass deutsche Country- und Americana-Musik nicht zwingend peinlich bis schlecht sein muss. Die Band tourte, beglückte, überzeugte – und verschwand komplett vom Radar. Mastermind Stefan Prange trat auf die Bremse, kümmerte sich um den regionalen Fußballnachwuchs und zog die Arbeit im heimischen Garten den berüchtigen Brettern vor, die sonst die Welt bedeuten. Doch auch wenn Prange die Gitarre und gleich die ganze Musikerkarriere an den Nagel hängen wollte, ließ ihn die eine oder andere Melodie nicht los. Er nahm an Open-Mic-Veranstaltungen teil, testete neues Material, ging nach London, spielte unter anderem eine Daytrotter-Session ein und trommelte das alte Band-Kollektiv wieder zusammen.

Doch obgleich uns dieses grob zusammengeschusterte Drehbuch zum nächsten, fast schon sicheren Berlinale-Highlight glauben lässt, dass alles danach das reinste Zuckerschlecken war – das war es freilich nicht. Der Plot geht noch weiter: Vier Jahre nahmen sich The Green Apple Sea Zeit für die Produktion von "Directions", das nun endlich in den Startlöchern steht und dem die lange Pause offenbar gut getan hat. Erfrischend locker und frei kommen die elf neuen Stücke daher, und doch mit dieser unverkennbaren Americana-Note, die "Northern sky, southern sky" einst gesetzt hat. "Floaters" hat gar kalifornische Sechzigerjahre-Surf-Pop-Ambitionen, die es gekonnt auspielt, und "Hundred times a day" versucht mit Uptempo-Rhythmus darüber hinwegzutäuschen, dass es hier sich um eine glasklare Beziehungskrise handelt: "Every day now I wonder why there must be so much pain."

Es ist genau diese Vielfältigkeit, die "Directions" seinen Charme verleiht. Ob im melancholisch nach etwas Ruhe flehenden "Please slow down", im wirklich düster-schwermütigen "We don't want to hang out with you" oder in "Which side are you on", das auf den Pfaden Fleetwood Macs zu wandeln scheint – der rote Faden ist stets klar erkennbar. The Green Apple Sea singen nicht über Glanz und Glamour, über Weltfremdes, über Unvorstellbares, ihre Geschichten sind echt und greifbar. Ihre Songs über Heimatverbundenheit, Freundschaft, Liebe und völlig normale Ängste wirken wie die Erzählungen eines alten Freundes. Denn natürlich muss man nicht in den US-amerikanischen Süden reisen, um einen Gemüts-Blues zu verspüren – den gibt es auch in Nürnberg.

Und auch epische Hymnen gibt es dort dank Prange & Co., wie etwa "December" durchaus eindrucksvoll zeigt. Das erinnert in seiner Intensität gar an das Zweitlingswerk "Helplessness blues" der aus Seattle stammenden Fleet Foxes, stellt aber dennoch keine Kopie dar. Auch das abschließende Melodram "Grey grey sky" wächst über sich hinaus und brennt sich mit echten Emotionen und spürbarer Sehnsucht ins Ohr, vor allem aber direkt ins Herz. Wie wird sie also weitergehen, diese Geschichte von Stefan Prange und The Green Apple Sea? Laut eigener Aussage gibt es neben etwa einem "First listen" der Kollegen von NPR.org noch die eine oder andere Bühne, die die Band unbedingt bespielen möchte. Der Abspann unseres Film rückt damit natürlich in weite Ferne – was für ein Glück.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Floaters
  • Which side are you on
  • December
  • Grey grey sky

Tracklist

  1. Doc Watson dream
  2. Floaters
  3. Please slow down
  4. The change of the weather
  5. Which side are you on
  6. Words can be wrong
  7. Hundred times a day
  8. We don't want to hang out with you
  9. There's nothing wrong with love
  10. December
  11. Grey grey sky

Gesamtspielzeit: 40:44 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kalle
2018-06-03 12:18:11 Uhr
Wunderbar! Ein herrlich entspanntes und doch spannendes Comeback. Erinnert an die ebenfalls deutsche Band Loretta, allerdings sind Green Apple Sea ein Tick eleganter.

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2018-05-31 17:55:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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