Gazpacho - Soyuz

Gazpacho- Soyuz

Kscope / Edel
VÖ: 18.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Menschenglühen

Das bizarrste Wettrennen der Menschheitsgeschichte begann mit einem Piepsen. Als der sowjetische Satellit Sputnik seine ersten kümmerlichen Töne nach Hause funkte, war nichts mehr wie zuvor. In den zwölf Jahren, die zwischen dem "Sputnik-Schock" und der ersten bemannten Mondlandung der USA vergingen, unternahmen beide Großmächte bis dato unvorstellbare Anstrengungen, deren Auswirkungen heute jeder in der Hosentasche mit sich herumträgt. Der Wettlauf zum Mond brachte Helden wie Gagarin und Armstrong hervor, forderte jedoch auf beiden Seiten etliche Todesopfer. Die norwegischen Progressive-Rocker Gazpacho widmen ihr neues Album einem dieser unglücklichen Pioniere: Wladimir Michailowitsch Komarow, seines Zeichens Kosmonaut, kam 1967 beim Absturz seiner Sojus-Kapsel ums Leben. Sinnigerweise hört Gazpachos neues Werk daher auch auf den Namen "Soyuz".

Ebenso nachvollziehbar ist, dass atmosphärische Klänge hier dominieren. Noch immer ist die musikalische Nähe zu Marillion und Porcupine Tree groß, gleichzeitig haben es sich die Skandinavier mittlerweile in eigenen Sphären gemütlich gemacht. Ausladende Klavier- und Streicherpassagen sorgen für die passende Grundstimmung, während verzerrte Gitarren den dramatischen Momenten den letzten Kick geben. Im Zentrum steht stets Jan-Henrik Ohmes Stimme. Dessen Art zu singen dürfte sicher nicht jedem Hörer zusagen, im Vergleich zu so manchem Heuler des Genres agiert Ohme jedoch jederzeit im Rahmen des Nötigen. Seine Melodien sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Erhabenheit ist auch der wesentliche Begriff, mit dem man die Musik auf "Soyuz" beschreiben kann.

Besonders die zentralen Stücke "Soyuz one" und "Soyuz out" leben vom behutsamen Umgang mit Leitmotiven und Spannungsbögen. Die Geschichte vom freien Fall Komarows wird ohne unnötigen Firlefanz erzählt. Das 13-minütige "Soyuz out" verliert sich nicht in unendlichen Weiten, sondern findet bei allem Eskapismus stets wieder zu seiner melodischen Basis zurück. Eine ähnlich beklemmende Stimmung verbreitet "Sky burial", wo Gazpacho mit wenigen Moll-Akkorden ein düsteres Bild vom Tod in der Leere zeichnen. In dem frappierend an Muse erinnernden Uptempo-Song "Hypomania" zeigt die Band hingegen, dass sie auch vor der großen Stadion-Geste nicht zurückschreckt. Im Gegensatz zu dem in Gigantomanie ersaufenden Trio aus England wissen die Norweger jedoch, wann es genug ist.

In vielerlei Hinsicht sind Gazpacho Sturköpfe. Andere erkunden Dissonanzen und Noise, Gazpacho erzeugen Wohlklang. Die Devise lautet: Was früher gut war, gefällt auch heute noch. Im Geiste Pink Floyds komponiert die Band daher fast schon konservativen Progrock, der aufgrund der Darbietungsweise aber genau deshalb hervorragend funktioniert. Ein Song wie "Rappaccini", der mühelos den Spagat zwischen Samples aus dem 19. Jahrhundert und Computerspielereien aus der Gegenwart hinbekommt, wäre ohne diese Grundhaltung auch nicht denkbar. Die Huldigung des Visionären vergangener Tage darf ruhig ein wenig museal daherkommen. Erst recht, wenn sie staunen macht.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Soyuz one
  • Hypomania
  • Soyuz out

Tracklist

  1. Soyuz one
  2. Hypomania
  3. Exit suite
  4. Emperor bespoke
  5. Sky burial
  6. Fleeting things
  7. Soyuz out
  8. Rappaccini

Gesamtspielzeit: 47:56 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Pivo

Postings: 419

Registriert seit 29.05.2017

2020-04-28 21:15:37 Uhr
Ganz besonders "Soyuz out" finde ich zum niederknien. Wenn ich mir dabei Bilder aus einer engen Raumkapsel in den Kopf hole, alleine, die Technik versagt, die Fallschirme öffnen nicht......... Genial....

Christopher

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1926

Registriert seit 12.12.2013

2020-04-28 20:06:05 Uhr
Live sind sie toll. Mir fehlen insgesamt manchmal die wirklich großen Melodiebögen, viele Songs fangen toll an, aber verlieren sich dann. Trotzdem eine sehr gute Band, das Album "Soyuz" höre ich z.B. sehr gern.

Voyage 34

Postings: 930

Registriert seit 11.09.2018

2020-04-28 18:49:40 Uhr
Sie klingen aber ansonsten doch seeehr anders als Muse mMn. Mit Muse kann ich auch wenig bis gar nichts anfangen, insbesondere Gazpachos Missa Arropos und Tik Tok höre ich aber immer wieder verdammt gerne. Live auch ne Wucht!

Analog Kid

Postings: 1223

Registriert seit 27.06.2013

2020-04-28 18:43:58 Uhr
Auch so ne Band die mich bisher nie so richtig gekriegt hat - was hauptsächlich diesem leichten Muse-Touch bei Gesang und Melodik geschuldet war. Hab leider ne dezente Allergie gegen Bellamy & Co :) Hab die Night und die Tik Tok irgendwo liegen, müsste es vllt. noch mal versuchen. Ist schon ne Weile her zuletzt

Pivo

Postings: 419

Registriert seit 29.05.2017

2020-04-28 18:01:22 Uhr
Grandioses Konzeptalbum!! Für mich, zusammen mit HCE von Steven Wilson, eines der Besten der letzten Jahre.
Die Stimmung ist fantastisch eingefangen und die Beklemmung, Hoffnung, Resignation des besungenen Protagonisten in fast jede Note spürbar. Hat lange bei mir gedauert aber inzwischen habe ich das Album komplett erschlossen und finde es einfach nur Hammer.....
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