Lily Allen - No shame

Lily Allen- No shame

Parlophone / Warner
VÖ: 08.06.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

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Es gibt Grund zur Erleichterung: Lily Allen bleibt so, wie sie ist. In ihrer Direktheit, inklusive ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten, aber vor allem auch mit ihrem Charme und grundsympathischen Auftreten. Anhand des polierten Pops von "Sheezus" war nämlich nicht ganz klar, was in die sonst so hübsch mit Seitendrall musizierende Sängerin gefahren war. Doch Allen sieht das ebenso. In ihrer neuen Rolle als Mutter und aufgrund einer Identitätskrise habe sie damals plötzlich Songs und Videos abgesegnet, die ihrem Naturell nicht wirklich entsprechen. Von ihrem nunmehr vierten Album "No shame" liest man allerortens, es sei die Rückkehr zu den Reggae-Einflüssen des herrlichen "Alright, still", was jedoch maximal die halbe Wahrheit ist. Denn im Gegensatz zu den zackigen Hits des Debüts zelebriert "No shame" die Verpeiltheit seiner Akteurin über weite Strecken recht deutlich.

Es wäre vermessen zu sagen, dass hier nichts ins Ohr geht. Aber jeder Plattenfirmen-Typ, dem man diese 14 Songs vorgelegt hat, dürfte schon ziemlich blöd geguckt haben ob der Abwesenheit eines "Smile", "Not fair" oder wenigstens "Hard out here" sowie des seltsam verschwommenen Coverfotos, was diese Kollektion umschließt. Stattdessen mag man die oft herbeizitierte Plattitüde des persönlichsten Albums sofort glauben, wenngleich auch die Vorgänger nicht mit ihrem eigenen Stempel geizten. Allen lässt die Stücke dahin treiben, wo die Lust sie hinführt, suhlt sich meist in einem leicht abwesend wirkenden Falsettgesang, dazu dominieren Reggae und Dancehall, die Beats fallen sanft statt bollernd aus. Die breite Auswahl von Produzenten – unter anderem Mark Ronson, Ezra Koenig und BloodPop – verhindert nicht, dass "No shame" einen einheitich zurückhaltenden wie relaxten Sound präsentiert.

Allen selbst träumt sich derweil in "Lost my mind" mit lieblich funkelnden Klängen zu einer verlorenen Liebschaft hin, davor gibt es mit "Your choice" gemeinsam mit dem nigerianischen Künstler Burna Boy einen hübschen Arschtritt: "If you really wanna go / That's fine, baby / That's your choice / Not mine." "No shame" gräbt aber tiefer als nur die üblichen Liebeleien. "Come on then" ist gleich zum Auftakt eine bittere Abrechnung mit denen, die sie in Zeiten ihrer Scheidung im Stich gelassen hatten, verpackt in die ihr eigene Lakonie. "I'm a bad mother / I'm a bad wife / You saw it on the socials / You read it online" giftet sie kurz bevor der Refrain eine leicht hitzige Note annimmt. Vergessen hat sie nichts.

In der Mitte der Platte warten gleich drei Balladen hintereinander, was im Pop-Business nach Sequencing-Regeln eigentlich ein Unding ist – aber was interessiert das schon eine Lily Allen? Genau hier gewinnt "No shame" auch am meisten. "Family man" packt unvermittelt das bisher vollkommen außer Acht gelassene Drama zu Klavier und Chören aus, kapituliert derweil vor der eigenen Beziehungssituation. "I hope that we're gonna make it through / But darling, I need my time away from you." "Apples" braucht für seine Erinnerungsmomente nur Gitarrenzupfen und kleine Geschichten. Eine leichtere Thematik, bevor die Klavierballade "Three" als emotionalster und traurigster Moment die Sicht einer der beiden Töchter von Allen beschreibt, die sich allein gelassen fühlt von der ständig tourenden Mutter, die sich auch noch vom Vater getrennt hat. "Please don't go / Stay here with me / It's not my fault / I'm only three." Es schnürt einem die Kehle zu.

"No shame" kann die unmittelbar packende Intensität dieser Balladen, dem lockeren Schmiss der Single "Trigger bang" und dem Lady-Chann-Feature "Waste" oder die ergreifende Atmosphäre der Eletronica atmenden Lakonie von "Everything to feel something" nicht immer bieten. Doch was anfangs womöglich unspektakulär am Gedächtnis vorbeigroovt, entpuppt sich später als Teil des Sogs. Der stellt sich durch die konstant unterhaltende Persönlichkeit Allens ein – auch wenn "No shame" manchmal konfus wirken mag. Aber wer ein Interview von ihr gelesen hat, weiß: Sie besitzt keinen vorgeschalteten Filter, was raus muss, muss raus. "No shame" ist in dieser Hinsicht mehr als nur ein Schritt in die Richtung der echten Lily Allen. Man hat das Gefühl mittendrin zu sein in dem chaotischen Leben dieser komplizierten, aber doch liebenswürdigen Person. Vielleicht mehr als je zuvor.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Come on then
  • Family man
  • Three
  • Everything to feel something

Tracklist

  1. Come on then
  2. Trigger bang (feat. Giggs)
  3. What you waiting for
  4. Your choice (feat. Burna Boy)
  5. Lost my mind
  6. Higher
  7. Family man
  8. Apples
  9. Three
  10. Everything to feel something
  11. Waste (feat. Lady Chann)
  12. My one
  13. Pushing up daisies
  14. Cake

Gesamtspielzeit: 50:53 min.

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User Beitrag

Apfelhundel

Postings: 66

Registriert seit 24.06.2020

2020-07-05 11:57:54 Uhr
Ich fand Sheezus auch super. Ich stimme zu, das viel auf dem Album eher eine Reaktion auf den Musikwelt war als ein künstlerisch eigenständiges Album, aber das hat das Album in sich ja auch reflektiert, und teilt auch ordentlich aus statt sich einfach nur anzupassen.

Der kommerzielle Flop des letzten Albums dürfte ihr egal sein, da die Kritiken ja gut waren. Und in den Charts hat sie genug erreicht, ich bin eh dafür ab einer gewissen Karrierephase etwas zurückzutreten und anderen die Charts zu überlassen. Hätte Madonna schon vor 15-20 Jahren machen sollen z. B.

MopedTobias

Postings: 15865

Registriert seit 10.09.2013

2020-07-04 19:30:03 Uhr
Ist aber auch sehr unamerikanisch, das Album.

Es ist leider ein wirklich zynischer Treppenwitz: "Sheezus" hatte sie laut einiger Aussage nur gemacht, um Rechnungen zu bezahlen, und genau so klingt das Album auch, wenn man ehrlich ist. "No shame" war dann wieder eine Rückkehr zur eigenen künstlerischen Identität, hat zurecht viel Kritikerlob bekommen, aber sich halt grottenschlecht verkauft :/

Möchte an dieser Stelle btw ihr Buch "My Thoughts Exactly" ausdrücklich empfehlen, aus dem die erwähnte Prostituiertenstory auch originär stammt. Wer mit ihr, ihren Texten und ihrer generell offenen, schonungslosen Art was anfangen kann, sollte auch daran Gefallen finden. Ist aber stellenweise harte Kost, wie sie ihre Totgeburt beschreibt, ist z.B. mit "beklemmend" noch harmlos umschrieben.

Apfelhundel

Postings: 66

Registriert seit 24.06.2020

2020-07-04 18:42:20 Uhr
Achja, als das Album rauskam hat sie ja auch in Interviews bei jeder Gelegenheit wiederholt, dass sie bei der letzten Tour im Drogenrausch Sex mit Prostituierten hatte und sie kurze Zeit später ihren langweiligen Mann verlassen hat. Das Album war in den prüden USA dementsprechend irgendwo auf Platz 196 oder so :D

Apfelhundel

Postings: 66

Registriert seit 24.06.2020

2020-07-04 18:13:57 Uhr
Seit "Sheezus" fällt ihr ja auch regelmässig der geballte (Frauen)Hass entgegen, weil sie weder bei Feministinnen , noch in der männerdominierten Musikwelt damit andocken kann, aus beiden Lagern kamen eigentlich nur Vorwürfe, wie unmöglich sie sich mit dem Album positionieren würde, muss man auch erstmal hinbekommen. :D

Ich fand und finde es auch super, war damals sehr weit vorne in meinen Jahrescharts.

Edrol

Postings: 197

Registriert seit 19.10.2018

2020-07-04 17:40:50 Uhr
Schade, dass "No Shame" ein derart großer kommerzieller Flop war. Eines der fluffigsten, besten und ehrlichsten Popalben der letzten Jahre. Es ist wirklich schwer hier Highlights auszumachen, aber "Lost My Mind" kriegt mich immer ganz besonders.
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