Ben Howard - Noonday dream

Ben Howard- Noonday dream

Island / Universal
VÖ: 01.06.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Voll deep

Mut zur Ehrlichkeit: Als Ben Howard Ende der Nullerjahre erstmals musikalisch auf sich aufmerksam zu machen versuchte, bekam das kaum jemand mit. Und als er es 2011 mit seiner EP "Old pine", spätestens aber mit Veröffentlichung seines umjubelten und mehrfach prämierten Debüts "Every kingdom" schaffte, war auch dieser Durchbruch nicht gänzlich vorurteilsbefreit – da war er, Ben Howard, der surfende Sunny Boy, der mit Gitarre und sanftem Gesang bewaffnet Jagd auf unschuldige Fan-Herzen machte. Howard wusste um dieses Bild in vielen Köpfen. Es dürfte einer der Gründe sein, warum der Brite ungern über Privates spricht, noch weniger aber um die Bedeutung seiner Songs, warum er in einem Interview mal entnervt aufgestanden und gegangen ist, warum sein zweites Album "I forget where we were" so offensichtlich ambitionierter und experimenteller klang. Als die Verkaufszahlen jenes Zweitlings trotz höherer Chartspositionierungen deutlich hinter denen des Vorgängers blieben, nahm der junge Mann sich eine Auszeit und hängte die Musikerkarriere kurzzeitig sogar komplett an den berüchtigen Nagel.

In Nicaragua, dem Herzen Zentralamerikas, ließ sich Howard schließlich nieder, schlürfte den einen oder anderen Nica Libre – einen dort berühmten Cocktail, der hauptsächlich aus Cola und Rum besteht –, und wandte sich seiner neuen Leidenschaft zu: Inspiriert von der einheimlichen Lyrik wollte Howard selbst Poet werden. Als dieses Vorhaben auch nicht so recht glücken wollte, reiste er eine Weile weiter, irgendwann ging es zurück ins heimische Devon, wo er kurzerhand den Garten seines Hauses in ein riesiges, stellenweise gut eineinhalb Meter tiefes Loch verwandelte. Doch auch dort, wortwörtlich am Boden, konnte er nicht entdecken, was er wirklich wollte. Gemeinsam mit seiner Band nahm er anschließend ein komplettes Album auf, zwölf Songs, die er beim genaueren Hinhören auf der Autofahrt nach Hause nicht mehr mochte und verwarf. Nur zwei blieben übrig, die es auf das nun endlich vorliegende dritte Werk "Noonday dream" geschafft haben. So schließt sich der Kreis: Einer dieser beiden Songs heißt, wie passend, "Nica Libres at dusk".

Um das klarzustellen: "Noonday dream", das satte vier Jahre nach dem 2014er-Album "I forget where we were" erscheint, ist nicht der wiederholte Versuch irgendeines dahergelaufenen Kerls, der sich selbst etwas beweisen will, sondern das klare Statement eines mittlerweile 31-jährigen Mannes, der gelernt hat, dass er genau das nicht mehr tun muss. So zeugt es nicht etwa von Mut, als Opener das bereits genannte und mit sechseinhalb Minuten Spielzeit nicht gerade schlanke "Nica Libres at dusk" zu nehmen, sondern von Selbstbewusstsein: Entspannt und gelassen klingt Howard hier, die Instrumentierung ist breit und doch nicht aufmüpfig. Beinahe ambientlastig tönt der Song, der Gesang ist hier und da gar mehr Erzählstimme. In eine ähnliche Kerbe schlägt "A boat to an island on the wall", dessen erste Hälfte verträumt-schwelgerisch am Hafen spazieren geht und dessen zweite Hälfte auf dem Boot in einem kleinen Donnerwetter gegen die Wellen ankämpft, stoisch, beherzt, klatschnass und doch siegessicher.

Noch etwas verspielter gibt sich "Someone in the doorway", der zweite Song, der Howards Ausmist-Aktion überlebt hat, und nicht mit einer geradezu herrlichen Road-Movie-Dynamik ausgestattet wurde, sondern noch dazu mit einer breiten Palette an Streich- und Blasinstrumenten, die für ein rundum sattes Hörerlebnis sorgen. Im Kontrast dazu steht das Duo "A boat to an island pt. 2 / Agatha's song", das reduzierter und melancholischer fast so wirkt, als würde es leicht schunkelnd nur zu sich selbst reden und singen, stets ein bisschen verhuscht und doch in seiner Emotionalität klar verständlich. Ergänzend gesellt sich dazu das darauffolgende "There's your man", das den eben noch in der Ecke stehenden Trauerkloß packt, mit ausgeklügelter Schlagzeug-Rhythmik aus der Reserve lockt und zum ekstatischen Tanzen einlädt, bis die Sonne aufgeht.

Das Geheimnis von "Noonday dream" ist seine Zusammensetzung. Gleichermaßen von den Stärken seiner beiden Vorgänger lernend, hört man ihm sowohl seine jugendliche Frische als auch seinen mit der Zeit gewachsenen Anspruch an. Und auch in lyrischer Hinsicht weiß Howard hier zu überzeugen, wenn er etwa im atmosphärisch dichten "Towing the line" eine offenbar nicht mehr ganz standfeste Beziehung auseinandernimmt: "Tired of adventures, so my mind wanders / Picking at the table to cure the wrong / Like a bird in a world with no trees / You were hung up there in your disbelief / I know I'm a hard rock to drag around." Spätestens aber, wenn er im abschließenden "Murmurations" voller Hoffnung und Tatendrang ein letztes Mal nach vorne prischt, bleibt einem als Hörer nur noch eines zu sagen: ein kraftvolles, lautes, vollkommen ernstgemeintes Dankeschön an jegliche höheren Mächte oder einfach direkt an den Musikgott. Dafür, dass Ben Howard nicht als Poet in Nicaragua gelandet ist. Oder gar eineinhalb Meter tief im Garten seines Hauses.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Nica Libres at dusk
  • Towing the line
  • Someone in the doorway
  • Murmurations

Tracklist

  1. Nica Libres at dusk
  2. Towing the line
  3. A boat to an island on the wall
  4. What the moon does
  5. Someone in the doorway
  6. All down the mines (Interlude)
  7. The defeat
  8. A boat to an island pt. 2 / Agatha's song
  9. There's your man
  10. Murmurations

Gesamtspielzeit: 50:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Max
2018-06-14 13:23:28 Uhr
Interessant, für mich ist insbesondere die Mitte, What the Moon Does und Someone in the Doorway das Herz des Albums...insbesondere noch mit dem fließenden Übergang zur Hälfte zwei mit The Defeat, Agatas Song (warum hat der nicht die Lyrics der Live-Version mit eingefügt????) und dem großartigen There's your man.

Aber Nica Libres at Dusk ist schon ein Knaller-Song.

Habe jetzt endlich auch die Platte hören können, und wie es schon ein Vorredner sagte: Bird on a Wing ist ein phantastischer Song!
Levin
2018-06-14 00:26:20 Uhr
Ich muss sagen, für mich löst Nica Libres langsam A Boat ... ab, aber das kann auch "Tagesform"-abhängig sein.
Insgesamt aber für mich auch das Anfangstrio mit das beste auf dem Album, für mich ist eher die Mitte die "Schwachstelle", wenn man das bei ner 9/10 so nennen möchte.

maxlivno

Postings: 154

Registriert seit 25.05.2017

2018-06-07 20:25:14 Uhr
A Boat To An Island On The Wall ist doch wohl der Übersong auf dem Album. Wo klingt das denn gleich wie Towing The Line?

Gomes21

Postings: 2436

Registriert seit 20.06.2013

2018-06-07 19:06:49 Uhr
Finde eigentlich auch vor allem den Einstieg sehr gelungen

Stephan

Postings: 760

Registriert seit 11.06.2013

2018-06-07 19:03:59 Uhr
Ich finde das Einstiegstrio ziemlich überragend :-)

@BAE: Bei mir war auch kein Sticker im Paket.
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