Charlie Puth - Voicenotes

Charlie Puth- Voicenotes

Warner
VÖ: 11.05.2018

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Aufgeschoben, aufgeflogen

Ist Charlie Puth etwa ein Perfektionist? Der Releasetermin seines zweiten Albums "Voicenotes" wurde im Januar 2018 kurzfristig um vier Monate verschoben, weil er damit angeblich nicht zufrieden gewesen sei. Man wird wohl den genauen Grund nicht erfahren, aber marketingtechnisch war die Aktion heikel, hatte der 26-Jährige doch zuvor mit "Attention" und "How long" zwei Singles in die Charts gebracht – und die nicht zu unrecht. Was eine Menge heißt, bedenkt man, dass sein Debüt "Nine track mind" eines der wenigen wirklich universell verissenen Popalben der letzten Jahre war. Als gewissenhafter Dienstleister liefert Plattentests.de gerne die mangels Rezension damals hier verweigerte Bewertung nach: 2/10 – dank solch schlimmer Songs wie dem schmalzigen Tribut an den verstorbenen Paul Walker "See you again", dem an anderer Stelle bereits thematisierten "Marvin Gaye" und einer erschütternd nichtssagenden Sound-Tapete. "Voicenotes" macht einiges besser, gar die halbe Platte lang möchte man gar die erfreuliche Läuterung eines bisher höchst ärgerlichen Protagonisten ausrufen.

Nicht nur die eingangs erwähnten Singles haben einigen cleveren Pop auf dem Kasten, auch die umgebenden "The way I am" und "LA girls" stecken den neugefundenen Rahmen zwischen Soul, Funk und den dort gefundenen, wirklich sehr schmissigen Basslines ab. Die den Gesang nachzeichnende Gitarre im Opener ist eine gute Idee, "LA girls" kopiert derweil erfolgreich die Erfolgsformel des letzten Bruno-Mars-Albums "24K magic" – Spaß macht es vor allem, wenn der Song ab der Mitte von stimmigen Breaks aufgemischt wird. Leider ist "Voicenotes" in der Front gut bestückt, fällt aber nach den einleitenden Treffern rapide ab. "Patient" geht als Beat-Ballade so lange in Ordnung, bis der absolut gehaltfreie Refrain hereintaumelt. Auch für "Somebody told me" waren alle Ideen vor dem Eintreffen des Chorus leider schon weg. Und was, wenn nicht dieser, ist die Paradedisziplin des Pop?

Warum so viele der auf den Beginn folgenden Tracks komplett am Ohr vorbeigehen, bleibt unklar. Die Stücke mit Gästen eignen sich derweil gut, um die Probleme auf "Voicenotes" aufzuzeigen. "If you leave me now" buddelt Boyz II Men aus der Gruft aus und verstört mit einem absolut kitschigen A-capella-Setting, das sich am unschöneren Boygroup-Schmonz der späten Neunzigerjahre bedient – eine Richtung, in die Puth öfters schielt. Das James-Taylor-Duett soll offenbar die Geschmacksverirrten ins Boot holen, die auf eine Fortsetzung der Altbackenheit von "Marvin Gaye" hoffen, und wenigstens in dieser Hinsicht enttäuscht dieses Lounge-Folk-Muzak-Ungetüm nicht. "Done for me" wäre derweil sogar sehr gut, wenn man nur der hundertmal charismatischeren Kehlani das Feld gänzlich überlassen hätte. Hier wird nämlich der Unterschied zwischen einer Sängerin mit Charakter und eben Puth deutlich.

Der bemüht sich zwar redlich um ein nicht zu hartes Bad-Boy-Image, kommt dabei jedoch textlich meist plump und störrisch daher – und bleibt im Vortrag vollkommen austauschbar. "Why do you treat me like a boy?", fragt er eine Herzensdame, und vielleicht liegt es ja an diesem Teenager-Gejammer. Stimmigen Schlafzimmer-Soulpop wie "Slow it down" nimmt man vielen ab, aber nicht Puth. Die größte Farce kommt am Ende: Nicht nur traut sich "Through it all" eine Gospel-Klimax mit Klavier und Tamtam, man muss auch die bedeutungsschwanger vorgetragene Zeile "God knows I've been through it all" erdulden. Von einem, der Jahrgang 1991 ist und aussieht wie Jahrgang 2001. Dazu passt auch der ebenfalls in der Verzögerungsphase überarbeitete Covershot, der möglicherweise lasziv, intim oder erotisch wirken soll, aber bestenfalls an Teenager-Onanie erinnert. Puth verhebt sich am Image, am Pathos und an der Konkurrenz und vergisst, was seine durchaus vorhandenen guten Songs ausmacht. Man möchte ihm glatt Nachsitzen aufdrücken.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Attention
  • LA girls
  • How long

Tracklist

  1. The way I am
  2. Attention
  3. LA girls
  4. How long
  5. Done for me (feat. Kehlani)
  6. Patient
  7. If you leave me now (feat. Boyz II Men)
  8. Boy
  9. Slow it down
  10. Change (feat. James Taylor)
  11. Somebody told me
  12. Empty cups
  13. Through it all

Gesamtspielzeit: 44:33 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-05-17 22:24:30 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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