Mark Kozelek - Mark Kozelek

Mark Kozelek- Mark Kozelek

Beggars / Indigo / Rough Trade
VÖ: 11.05.2018

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ramble on

Warum sollten wir uns eigentlich noch mit Mark Kozelek beschäftigen? Sein Output nach "Benji" – das gerade mal vier Jahre zurückliegt – spaltet die Fangemeinde in zwei Lager. Die einen lieben die detailversessene Tagebuch-Lyrik, die improvisierten, überlangen Stücke zwischen Folk, Rock und vermehrt rhythmusorientierter Poesie als psychedelischen Bewusstseinsstrom. Die anderen halten es für nichtssagende Textgrütze mit stümperhafter Begleitung, in deren Entstehung bestenfalls so viel Zeit geflossen ist, wie die "Songs" lang sind. Auch wenn manch einer andere Eindrücke bekommen hat – wir sind zwischen den Fronten gespalten. Konnten hier und dort den Platten etwas abgewinnen oder positive Aspekte sehen. Aber auch manchmal nur die Hände vorm Kopf zusammenschlagen. Mark Kozeleks selbstbetiteltes Soloalbum ist ein erneuter Anlass zu hoffen. Auf die Rückgewinnung der Stärken, auf Weiterentwicklung oder wenigstens auf lichte Momente. Es ist am Ende einfach die unbeirrte Fortsetzung des Weges. Siehe da – wieder ein Meta-Rezensionseinstieg. Siehe da – wieder eine zu lange Platte, auf der viel gelabert und fast nichts gesagt wird. Weder er noch wir können es lassen.

"Mark Kozelek" ist ein simples Album, in jeder Hinsicht. Zu großen Teilen in zwei Hotels entstanden, beschränkt sich die Instrumentierung meist auf eine Gitarre, die nur wenig Variantenreiches zu spielen bekommt. Das erinnert häufig an das reduzierte Sun-Kil-Moon-Album "Admiral fell promises" und erschafft eine stimmige Atmosphäre zwischen amerikanischen Suburbs und einsamem Roadtrip. "Weed whacker" entzückt derweil sogar mit starker Melodie und ist ein klarer Höhepunkt. "Sublime" ist das einzige Stück mit Percussion und bringt ebenfalls frischen Wind. Die Hakenschläge wie noch auf "Common as light and love are red valleys of blood" sind selten. "The Mark Kozelek Museum" erzeugt so in über zehn Minuten Hypnose, das noch längere "The banjo song" durch nerviges Gezupfe leider nur einen Lagerkoller. Zur Abwechslung duettiert Kozelek zudem oft mit sich selbst als Backingchor. So lange schön, wie dieser nicht das Wort "diarrhea" plötzlich im Hintergrund wiederholt. Welches wie "diary" klingt. Auf "Mark Kozelek" verschmilzt beides ein wenig.

"Am I singing or am I talking? / What's your opinion?" fragt er ganz direkt in "Weed whacker". Die Kollegen von The A.V. Club schrieben sinngemäß, dass Kozelek kein Songwriting mehr betreibe, sondern eher einen Podcast – kein schlechter Vergleich. Auch ein Podcast braucht jedoch einen spannenden Erzählfluss, etwas, das ein Narrativ bildet. "Mark Kozelek" ist jedoch nur die Verwechslung von Intimität mit unkontrolliertem Informationsüberfluss, wenn er sich beispielsweise über die Anekdote einer Auseinandersetzung in einem Buchladen in "My love for you is undying" auf der Platte hörbar amüsiert, was jedoch ohne Gehalt, ohne Mehrwert für den Hörer bleibt und sich stattdessen zieht wie dieser Bandwurmsatz gerade. "Sublime" malt zwar Bilder wie "And the sun's going down / And the fog covers the earth" an die Wand, sie bleiben jedoch ohne poetischen Kontext. Stattdessen stellt Kozelek im selben Song fest: "I ran out of words now / I'll come up with something fast / That's how I work / I'll stick around with nothing long."

Kozelek mag viel kollaboriert haben, er tourt unermüdlich und berichtet auf Platte übergenau davon, aber in diesen knapp 90 Minuten scheint er so isoliert von der Welt wie selten zuvor. Daraus zieht "Mark Kozelek" wenigstens einen kleinen Anteil Atmosphäre. Widersprechen müssen wir jedoch an einer Stelle ganz klar: "And while most indie rockers are onstage / Doing the most to keep their fans snoring / No one could accuse me or Ariel Pink of ever being boring." Lassen wir Herrn Pink aus dem Spiel, aber Kozelek hat nun definitiv einige langweilige, sich wie Kaugummi ziehende Tracks auf dem Konto – und hier kommen einige dazu. Zudem scheint Kozelek die künstlerische Weiterentwicklung derzeit nicht zu verfolgen. Dabei fallen ihm durchaus hübsche musikalische Versatzstücke ein, so dass man "Mark Kozelek" eine zeitweilige Sogwirkung schwer absprechen kann. Leider passiert am Mikro nichts Beachtenswertes mehr. Das werden wir weiterhin anklagen. Weil wir wissen, dass er es besser könnte.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Weed whacker
  • Sublime

Tracklist

  • CD 1
    1. This is my town
    2. Live in Chicago
    3. The Mark Kozelek Museum
    4. My love for you is undying
    5. Weed whacker
    6. Sublime
  • CD 2
    1. Good nostalgia
    2. 666 post
    3. The banjo song
    4. Young Riddick Bowe
    5. I cried during Wall Street

Gesamtspielzeit: 88:21 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
hallogallo
2018-06-15 11:28:40 Uhr
Wieder mal ein originelles Album von Koze, das auf eine völlig verschrobene Art modern ist. Das wird in der Rezension auch gut angedeutet. Über die Bewertung würde ich mich nicht beschweren. Vier Punkte regen mich eher an, mir das anzuhören als die sieben Punkte, die aus Verlegenheit für viele durchschnittliche Produktionen gegeben werden, die sich manche Rezensentin nicht einmal richtig anhören mag.

Watchful_Eye

Postings: 1334

Registriert seit 13.06.2013

2018-05-21 22:52:51 Uhr
Ja, da war ich wohl mal nicht so Watchful. (: Interessant. Dachte schon, du seist uns längst entschwunden.

Felix H

Postings: 2935

Registriert seit 26.02.2016

2018-05-21 20:56:08 Uhr
@Watchful_Eye:

Ja, unter dem Nick poste ich deshalb schon länger nicht mehr. ;-)
Nur Achim nennt mich so, weil er sich vor meinem Klarnamen fürchtet.
Nomen est omen
2018-05-21 20:50:11 Uhr
Dir entgeht aber auch nichts, Watchful_Eye.

Watchful_Eye

Postings: 1334

Registriert seit 13.06.2013

2018-05-21 20:37:41 Uhr
Hab ich das richtig verstanden, Felix H ist Demon Cleaner? Nur, dass ich das nach drölfzig Jahren auch mal weiß. ^^
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