International Music - Die besten Jahre

International Music- Die besten Jahre

Staatsakt / Caroline / Universal
VÖ: 27.04.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Grenzfantilen

"Knie kaputt / Frisur ist scheiße / Die besten Jahre sind vorbei." Endlich spricht mal jemand aus, was der Rezensent täglich nach dem Aufstehen denkt. Doch nicht nur in Sachen unbeschönigte Daseinsdiagnose sind International Music, die um einen Drummer erweiterte Zweitband des – na klar – Essener Duos The Düsseldorf Düsterboys, ein Phänomen im echten Sinne, zu dessen Debüt sich gleich mehrere Fragen stellen. Wann wurde, nun ja, jugendlicher Ungestüm je in so aufreizend entspannte, zuweilen wie barbituriert wirkende Arrangements gekleidet? Deuten Songs über unliebsame Schulrektoren einerseits und zunehmende Betagtheit andererseits darauf hin, dass "Die besten Jahre" Musik für Greise jeden Alters enthält? Und geht es am Ende noch desolater als in The Düsseldorf Düsterboys' letztjährigem Schmeiß-alles-weg-Hit "Teneriffa"?

Fest steht jedenfalls: Die meiste Zeit scheinen auch International Music nicht sonderlich zu mögen, was um sie herum passiert. Ausnahmen gelten allenfalls fürs andere Geschlecht, auch wenn dieses dem Trio längst nicht immer zu Willen ist. Nicht das "Metallmädchen", wo es zu einem pointierten Tremolo-Shuffle letztendlich an der Körpergröße oder zumindest an den High Heels scheitert, und auch beim "Country girl", das Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel in leiernd ungelenkem Duett anschmachten, ist die Sache offenbar alles andere als geritzt. Bittere Einsicht: "Man braucht Kohle und Kometen, um ein Mädchen zu entführ'n." Dumm also, dass International Music nur Gitarre, Bass, Schlagzeug und ab und zu eine bedröhnt kokelnde Orgel haben – und Rock-Spielarten von Indie über Kraut bis Space im Hinterkopf. Und dann doch irgendwie ein Segen.

Denn in den nur aufs erste Ohr verwaschen daherrumpelnden Songs lauern allerlei blitzgescheite pophistorische Querverweise, die man angesichts von Titeln wie "Kneipe" oder "Verpiss Dich" und als persönliche Note verstandenen Oberlippenbärten nicht unbedingt erwartet hätte. Wie sich etwa die brüchige Wall Of Sound von "Für alles" neben The Jesus And Mary Chains "Just like honey" auch die Melodieführung von Nenas "?" aufs lappige Brötchen schmiert, ist große, hinreißend ausgelatschte Shoegaze-Kunst. "Mein Schweiß" hingegen nimmt immer mehr Fahrt auf und schafft es dank psychedelischer Surf-Rudimente, Motorik-Beat und dichten Riffs in unter fünf Minuten von The Beach Boys über Can bis zu Joy Division ohne Vergnügungssteuer und zurück. Und inzwischen wackeln bestimmt auch Die Türen mit dem "Popo".

Schließlich eint International Music mit diesen eine oft demonstrative, vordergründige Grenzdebilität, obwohl die Ruhrgebietler ausgerechnet in ihren scheinbar infantilsten Momenten die existenziellsten Themen erörtern. Stampft der innere Dreikäsehoch in "Mama warum?" mit dem Fuß auf, weil man ihm nicht jeden Wunsch von den Augen abliest und soll der maulige Protagonist des prächtig erblühenden "Du Hund" trotz Bauchweh zum Unterricht gehen, erweist sich "Die besten Jahre" nämlich vor allem als eins: die lange, dunkle Playlist eines meist fremdbestimmten Lebens, das insgeheim viel zu bequem ist, als dass man seine The-Velvet-Underground-Platten und das nächste Bier gegen etwas anderes eintauschen würde. Die matte Erkenntnis eines jedoch exquisiten und musikalisch wohlinformierten Albums. Und mit kaputten Knien slackt es sich am besten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Metallmädchen
  • Du Hund
  • Für alles
  • Mein Schweiß

Tracklist

  1. Metallmädchen
  2. Mama warum?
  3. Du Hund
  4. Kopf der Band
  5. Cool bleiben
  6. Für alles
  7. Mont St. Michel
  8. Country girl
  9. Pfeffer
  10. Tür
  11. Farbiges Licht
  12. Mein Schweiß
  13. Kneipe
  14. Nebel
  15. Daddy is rich
  16. Verpiss Dich

Gesamtspielzeit: 61:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Jeff M.
2018-07-28 10:55:49 Uhr
Dass es zwischen den Songs 9 und 14 "viel Leerlauf" geben soll, kann ich nicht nachvollziehen. 9, 11, 12 und vor allem 14 wissen sehr zu gefallen.

01 - Metallmädchen 8/10
02 - Mama, warum? 10/10
03 - Du Hund 10/10
04 - Kopf der Band 7/10
05 - Cool bleiben 9/10
06 - Für alles 8/10
07 - Mont St. Michel 9/10
08 - Country Girl 9/10
09 - Pfeffer 8/10
10 - Tür 7/10
11 - Farbiges Licht 9/10
12 - Mein Schweiß 8/10
13 - Kneipe
14 - Nebel 9/10
15 - Daddy is rich 10/10
16 - Verpiss dich 8/10
hallogallo
2018-07-10 12:15:20 Uhr
Ich kann mich nur anschließen! Ein hervorragendes Album. Schöne Mischung aus Grobheit und Intellekt, Di­let­tan­tis­mus und Raffinesse.
a story in white
2018-07-10 09:30:14 Uhr
Die Rezension ist leider - um einigen Vorrednern zuzustimmen - mau und die 7/10 nun wirklich nicht nachvollziehbar. Selbst 8/10 hielte ich noch für mager, könnte mich damit aber besser anfreunden als mit einer 7/10. Bei mir ist es eine 9/10, weil es am Schlussteil das extrem hohe Niveau - mit Ausnahme von Daddy is rich - nicht durchhält.

Was ich sehr schätze ist, dass textlich stets ein doppelter Boden vorherrscht.

"Mein Magen tut mir weh, ich will nicht alleine sein" - "Der Rektor ruft mich an" - "Was gibt es, dass der Rektor mir nur sagen kann?" um dann den Refrain mit mit einem leisen "Du hast mich an der langen Leine" einzuläuten.

Neben Isolation Berlin das mit Abstand beste deutsche Album des Jahres. Meine Jugendhelden kommen mit der Unendlichkeit nur auf Platz drei.
Südseeperle
2018-06-06 11:18:31 Uhr
Wie toll die Platte doch anfangs war. Nach ein paar Durchgängen höre ich nur noch die vierte Seite, der Rest langweilt mich mittlerweile gewaltig
Oliver
2018-06-04 13:31:40 Uhr
Haha Alexandra du hast es gut ausgedrückt!

Danke plattentests für diese Entdeckung!
Sowas hab ich nicht mehr gespürt seit „Wir kommen um uns zu beschweren“
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