Kali Uchis - Isolation

Kali Uchis- Isolation

Virgin / EMI
VÖ: 27.04.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Eskapismus für alle

"Isolation" ist nicht gerade das schönste Wort im sprachlichen Wortschatz. Man denkt an Einzelhaft, an soziale Ausgrenzung, bestenfalls noch an Joy Division. Was sich Kali Uchis bei der Wahl dieses Titels für ihr Debütalbum gedacht hat, erscheint zunächst nicht ganz klar – ist ihr Sound doch offen für zahlreiche Einflüsse, trotz seiner Vielschichtigkeit immer zugänglich und angesichts der Gästeliste wurde die Platte auch nicht gerade in Askese produziert. Womöglich muss man den Titel anders lesen: Uchis isoliert sich von der harten Realität, indem sie wenigstens für eine gute Dreiviertelstunde eine paradiesische Filterblase der Tagträumereien erschafft. Entspannt tuckernde Beats treffen auf Elemente aus Sixties-Softpop, Reggaeton und Retro-Soul. Das alles ist durch eine tolle Produktion garniert, vor allem das wunderbare Bassspiel – unter anderem von Thundercat und Dave Sitek – erklingt erfreulich klar. Uchis lässt ihre Einflüsse zwischen den USA und Kolumbien, ihren zwei Heimatorten, gleichermaßen einfließen. "Got myself a visa / And started catching flights to where the grass is greener", so beschreibt sie diese Zerrissenheit im pfiffigen "Miami", das die Rapperin Bia äußerst passend einsetzt.

Wenn es bisher eine Lücke gab zwischen durchdachtem R'n'B von Solange oder Frank Ocean und reichhaltig orchestriertem Indie-Pop, wie ihn Lana Del Rey zelebriert, füllt "Isolation" diese mit Bravour. "Flight 22" zerrt allein Bläser, Streicher und eine perlende Harfe ins Studio, um einen psychedelisch taumelnden Walzer zu instrumentieren. Das ist mehr Blick aus dem Flugzeugfenster auf die sonnenbeschienenen Wolken statt Billigfraß in enger Sitzposition. Selbst hinter Songtiteln wie "Your teeth in my neck" und "Killer" verbergen sich die durchgängigen akustischen Idyllen, die "Isolation" zu einem stark in sich geschlossenen Album machen. Auch "Tyrant" macht keine Ausnahme: Mit der britischen Sängerin Jorja Smith zusammen wird eine Beziehung als Flucht vor einer gewalttätigen Außenwelt konstruiert: "When everything is a riot / You're my peace and quiet." Das ausschließlich spanischsprachige "Nuestro planeta" ist derweil auch kein Manifest zur Umwelt-Erhaltung, sondern ein Reggaeton-Track über die Zwischenwelt, die durch eine Liebesbeziehung entsteht. Eskapismus ist und bleibt der rote Faden auf "Isolation".

Dabei bietet Uchis aufgrund des meist zurückhaltenden Tempos und der abdriftenden Spinnereien relativ wenig für Airplay geeignetes Futter an. Am ehesten würde die schwungvolle Post-Affären-Abrechnung "Dead to me" noch in die Rotation passen, möglicherweise auch das etwas Swing atmende "Feel like a fool". "Isolation" hält währenddessen einiges an Crossover-Potenzial für Indie-Hörer bereit, und das nicht nur, weil Damon Albarn sich im absolut fantastischen, wie auf Wolken schwebenden "In my dreams" für die Teilnahme am letzten Gorillaz-Album revanchiert. Oder weil Kevin Parker als Produzent und Co-Writer von "Tomorrow" den Sound seiner Hauptband Tame Impala perfekt mit Uchis Soundästhetik verschmelzen lässt. Denn auf der anderen Seite veranstaltet "After the storm" mit einem kurzen Rap von Tyler, The Creator und der Mitwirkung von Funk-Legende Bootsy Collins gleich noch ein Generationen-Treffen. Wichtiger jedoch: Alle Gäste bleiben unterm Strich nur Zuarbeiter für die einnehmende Performance von Uchis, die sich mit "Isolation" zum einen als eklektische Genre-Hopperin präsentiert und zugleich ihrem eigenen Sound Profil verleiht. Endlich eine Filterblase, die allen Insassen gut tut.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Miami (feat. Bia)
  • Dead to me
  • In my dreams
  • Tomorrow

Tracklist

  1. Body language (Intro)
  2. Miami (feat. Bia)
  3. Just a stranger (feat. Steve Lacy)
  4. Flight 22
  5. Your teeth in my neck
  6. Tyrant (feat. Jorja Smith)
  7. Dead to me
  8. Nuestro planeta (feat. Reykon)
  9. In my dreams
  10. Gotta get up (Interlude)
  11. Tomorrow
  12. Coming home (Interlude)
  13. After the storm (feat. Tyler, The Creator & Bootsy Collins)
  14. Feel like a fool
  15. Killer

Gesamtspielzeit: 46:37 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kojiro
2018-05-13 18:55:16 Uhr
Vinyl kommt bald. Freue mich drauf!

Mister X

Postings: 2187

Registriert seit 30.10.2013

2018-05-10 20:47:38 Uhr
Bissl spaet ? xD

Armin

Postings: 13137

Registriert seit 08.01.2012

2018-05-10 19:52:14 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Amused

Postings: 225

Registriert seit 28.11.2016

2018-05-05 11:09:27 Uhr
Also Dirty Computer ist ja eher so 80s, Prince und etwas bemühte Rapeinlagen. Insgesamt relativ steril im Sound. Davon hör ich hier nicht viel. Isolation ist eher so Bumsmusik mit Bossanova-, 60s-, und Reggae-Einflüssen.

MopedTobias

Postings: 10058

Registriert seit 10.09.2013

2018-05-04 20:26:30 Uhr
Dirty Computer ist aufgedrehter und etwas näher am Pop als am R'n'B, aber tendenziell bewegen sie sich in einem ähnlichen Feld und lassen sich in ihrer Verbindung alter und neuer Genre-Einflüsse gut vergleichen.
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