Parquet Courts - Wide awake!

Parquet Courts- Wide awake!

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 18.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kopf ab, tanzen

Willkommen im Jahr 2018 und einer Zeit, in der beinahe wahllose Dinge, mit denen man früher nie gerechnet hätte, einfach so passieren. Das hier zum Beispiel: Der erste Gedanke, der die Rezensentin beim Anblick des Artworks von "Wide awake!", dem neuen Album von Parquet Courts, durchfährt, gilt einer einzigen, vollkommen unbeteiligten Person. "Kopflos, sorglos, schwerelos in Dir verlieren / Deck mich zu mit Zärtlichkeiten / Nimm mich im Sturm, die Nacht ist kurz", sang niemand Geringeres als Herbert Grönemeyer. Und während die Leser des Plattentests.de-Forums mich, jene Rezensentin, mit Fackeln und Heugabeln aus dem Internet zu vertreiben versuchen, kichere ich ob es Anblicks der kopflosen Gestalten auf dem Cover leise in meinen nicht vorhandenen Bart.

Parquet Courts fänden es wahrscheinlich sogar selbst ganz amüsant – würden sie je von der Rezension erfahren und Gröni überhaupt kennen. Aber das einst von Texas nach New York gezogene Quartett verfügt ja auch über einen gewissen anarchischen Humor. Das lässt der immer irgendwo zwischen Überheblichkeit und Selbstironie wandelnde Slacker-Sound der Band rund um die beiden Leadsänger Andrew Savage und Austin Brown vermuten. Und auch die immer so zur Schau getragene Anti-Haltung steht in starkem Kontrast zur auf "Wide awake!" ernsthaft stattgefundenen Zusammenarbeit mit Danger Mouse, der seinerzeit auch schon The Black Keys die Schwimmflügelchen für den Sprung ins Mainstream-Becken übergezogen hat. Damit es kein Missverständnis gibt: Parquet Courts sagen immer noch gern Nein. Aber ihre Songs flüstern verführerisch-lockend vom gar nicht heimlichen Ja, von den Möglichkeiten, von der Versuchung.

"Wide awake!" ist genau das, nämlich hellwach, und es will mehr als Parquet Courts' bisheriger Output. Empfänglich gibt es sich, zugänglicher, und ja, weniger kunstvoll-künstlerisch als zuletzt das 2016er-Werk "Human performance". Dass es sie von der hochnäsigen Invitation-only-Art-Show in die für alle geöffneten Massenveranstaltungs-Arenen zieht, kann man schade finden, unbedingt verwerflich ist es aber nicht. Hinhören lohnt es allemal: Wie die Psychedelic-Pop-Phase der Beach Boys tönt etwa das entspannt groovende und selbst auch mit knallbunten Ketten behangene "Mardi Gras beads", wie der geradezu epische Soundtrack irgendeines Außenseiter-Road-Movies kommt das schamlos betitelte "Freebird II" daher, wie ein LSD-induzierter Funk-Disco-Trip hingegen der Titeltrack. Klingt trotzdem alles komisch? Ist es.

Und doch passt es auch: In einer Zeit, in der einfach alles passieren kann und in der Menschen aus den dümmsten, unwichtigsten Beweggründen aufeinander losgehen, predigen Parquet Courts, die einstigen Anti-Allstars, von einem friedlichen Miteinander. Und was bringt die Leute zusammen? Genau! Musik, das wusste schon Madonna. Und deswegen versuchen sich die Herren nun eben mehr denn je am vereinenden Pop. Keine Sorge: Mit Stücken wie "Almost had to start a fight / In and out of patience" oder auch "NYC observation" zeigt der Vierer, dass er nach wie vor auch seine alte Fanschar mit der Gier nach schnellen, atemlosen Slacker-Hymnen bedienen kann. Dennoch spielt "Before the water gets too high" nur oberflächlich mit ihrer längst bekannten Schwere und bei näherem Hinhören doch glatt mit Reggae-Elementen.

Der nach vorne schnell durchstartende Opener "Total football" kombiniert derweil sogar gleich zwei Lieblingsdinge der Menschheit und lässt zur noisigen Instrumentierung stadiontaugliches Gruppen-Gegröle erklingen. Und sogar das anfänglich morbide anmutende "Death will bring change" hat etwas von der Mitsing- und Mitmach-Atmosphäre beim städtischen Grillfest. Wenn "Tenderness" zum Schluss dann auch noch das verstaubte Bar-Piano aus der Ecke in die Mitte des Raumes schiebt, auf dass sich alle an den Händen fassen und im Kreis tanzen können, ist auch der Gedanke an Herbert Grönemeyer nicht mehr allzu fern. Es ist passiert: Aus dem ewigen Nein von Parquet Courts ist ein befreites Ja geworden. So weit, so gut. Bleibt nur zu hoffen, dass sie darüber nicht wirklich ihren Kopf verlieren.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Total football
  • Mardi Gras beads
  • Freebird II
  • Death will bring change

Tracklist

  1. Total football
  2. Violence
  3. Before the water gets too high
  4. Mardi Gras beads
  5. Almost had to start a fight / In and out of patience
  6. Freebird II
  7. Normalization
  8. Back to Earth
  9. Wide awake
  10. NYC observation
  11. Extinction
  12. Death will bring change
  13. Tenderness

Gesamtspielzeit: 39:05 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Rainer Winkler
2019-01-03 23:00:30 Uhr
Wahnsinnsalbum. Die Redaktion hat Recht bzgl. der Vielseitigkeit. Es braucht ein bisschen, aber offenbart sich als Meisterwerk. Schon geil, hab die Band bisher als von Pitchfork gehypete Cowpunk-Band wahrgenommen, die aber nur den einen oder anderen netten Song immer mal zu bieten hatte.

maxlivno

Postings: 890

Registriert seit 25.05.2017

2018-11-22 10:39:23 Uhr
Human Performance, Violence, Already Dead und Death Will Bring Change. Rausgenommen hätte ich Mardi Gras Beads und Back to Earth

saihttam

Postings: 1254

Registriert seit 15.06.2013

2018-11-22 02:28:07 Uhr
Ich fand das Konzert auch zum größten Teil sehr gut. Mit der Songauswahl war ich eigentlich auch recht zufrieden. Human Performance hätte ich aber noch gerne gehört. Die fehlende Zugabe war zwar schade, aber auch verkraftbar, da das Ende mit dem ausgedehnten Jam von One Man No City und dem rotzigen Light Up Gold II schon sehr gelungen war.

@maxlivno
Welche Songs fehlten dir denn?
Anonymität
2018-11-21 16:27:51 Uhr
Tolles Album und Suprise Suprise prudziert von Danger Mouse wer wäre darauf gekommen.

Kevin

Postings: 666

Registriert seit 14.05.2013

2018-11-21 14:41:11 Uhr
Jap, Eric, gab es!
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