Gas - Rausch

Gas- Rausch

Kompakt / Rough Trade
VÖ: 18.05.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Holz und Außerweltliches

Es war einmal: Auf seinem sechsten Album als Gas vermisst Wolfgang Voigt erneut den deutschen Wald und seinen Resonanzraum. Dabei steht dieses Bild wieder für Romantik wie Abstraktion. Zurück zur Natur? Es dürfte Voigt eher um einen außerkörperlichen Zustand gehen, ein Verständnis für die eigene Umgebung, die über das Materielle hinausgeht. "Rausch" kommt dabei dieses Mal eher einem Albtraum gleich, einer dunklen Entität, die sich über sieben Stücke fläzt. Minimalster Techno vermischt sich mit Ambient zu eigenen Klangsphären, deren Ausdruck so einzigartig und individuell daherkommt.

Voigt bietet bei aller Spiritualität keine Strukturen, keinen Rhythmus in seiner Musik. Vielmehr ziehen sich Samples und einzelne Effekte zusammen, dehnen sich wieder aus, dieses ganze Album stößt mit jedem Atemzug ein unheilvolles Miasma aus. Und trotzdem drängt jedes Stück tiefer und tiefer in das Dunkel. Ließ der Kölner Künstler in "Narkopop" die Dinge fließen, hat "Rausch 2" etwa noch deutliche Versatzstücke von Streichern, die sich mehr und mehr unter die Flächen der Synthesizer schieben. Eine Melodie schimmert auf, wirft aber nur eine Kakofonie ab, eine eckige Abstraktion, die sich diesem Rausch entgegenstellt, eine verkrüppelte Fichte in diesem roten Raum, in deren Geäst ein kaputtes Herz schlägt.

Mehrere Momente dieser Art hat Voigt dieses Mal in seinen Sound eingebaut. Das zeugt erst einmal von der Varianz in seinem Kosmos. Doch vor allem macht es "Rausch" zu einem anstrengenden, einem fordernden Album. In "Rausch 5" pumpen ein paar Beats über die Reste eines klassischen Stücks, es mag Mahler sein, es mag Beethoven sein. Voigt defragmentiert, dekonstruiert und setzt wieder zusammen. Stück für Stück entsteht so "Rausch", das er natürlich als große Komposition verstanden wissen will. Die Aufklärung trieb dem Wald einst die Geister aus, all die Dämonen und Hexen, Feen und Monster, die sich zwischen den Stämmen versteckten. Voigt holt sich mit seiner Musik nicht als Figuren zurück, sondern als Ideen, die sich in diesem Raum herumtreiben, atmen und leben. Alles bleibt abstrakt, alles bleibt unfassbar.

Das Unheimliche und das Gespenstische lassen sich in dieser Musik finden. Denn natürlich weist "Rausch" auf eine gewisse Leere hin – und das macht es so großartig, so anders. Voigt braucht keine Strukturen, sein Sound legt sich auf das Denken und Empfinden, wie ein Wind, der durch die Zweige weht, der die Blätter und Nadeln berührt. Aus der Geschichte der Kultur erschafft Voigt ein Album, das keine menschliche Spur mehr zeigt, das in anderen Sphären unterwegs ist, das den Hörer so nachdrücklich aus dem Mittelpunkt seines Bewusstseins stößt, dass es schmerzt. Außerweltlich. Das Murmeln im Wald, das Murmeln im Kopf – zur Veröffentlichung gibt es eine Art Gedicht, eine Sammlung von Worten, die Voigt zusammengestellt hat. Darin finden sich allerlei Ansätze, um diesem Album doch eine Bedeutung abzuringen, einen Zugang zu finden, doch schlussendlich muss ihn jeder Hörer für sich selbst ausmachen. Über Stock und über Stein im Fall der Fälle. Denn, wie geschrieben, das hier ist kein einfaches Album, es fordert, es dürstet, es will. "Rausch" ist ein Trip. "Rausch" ist eine Kraft. "Rausch" ist Assoziation, ist freier Raum, ist Unendlichkeit, ist Meisterwerk. Ambient für das dunkle Funkeln eines jeden Märchens.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Rausch 2
  • Rausch 5

Tracklist

  1. Rausch 1
  2. Rausch 2
  3. Rausch 3
  4. Rausch 4
  5. Rausch 5
  6. Rausch 6
  7. Rausch 7

Gesamtspielzeit: 60:13 min.

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alterniemand

Postings: 425

Registriert seit 14.03.2017

2018-05-20 02:18:07 Uhr
Also nach dem ich grad von ner "Party" komm wo wirklich viel Mucke lief, die in Richtung Bierzelt gehört, könnte dieses Album glaub ich nicht weiter davon entfernt sein. Ist wieder mal eine Erfahrung wo ich feststelle, dass ich nicht Teil der Mainstream-Gesellschaft bin. Das ist auf der einen Seite toll, auf der anderen aber eben in seiner Konsequenz auch nicht.
Der Beat mag zwar straight sein aber die Mucke ist so dermaßen der Gegensatz davon, wie es nicht gegensätzlicher geht. Absolut soghaft, in der Tat auf eine andere Weise als Narkopop aber nicht minder reinziehend.
Wen die Beats stören, kann ich nur immer wieder auf Steve Roach verweisen.Gerne das Frühwerk aber auch die Arc of Passion würde ich nahelegen. Und natürlich Tim Hecker
Schlendrian
2018-05-19 04:39:13 Uhr
Mit den dieses Mal noch mehr in Richtung "Bierzelt" tendierenden 4/4 Kickdrums bin ich noch nicht per Du, aber ansonsten ganz solide.
Setzt sich auf jeden Fall schon deutlich von "Narkopop" ab auch wenn's in Sachen Produktionsweise oder Atmosphäre eigentlich fast gar nichts anders macht.

alterniemand

Postings: 425

Registriert seit 14.03.2017

2018-05-10 21:35:57 Uhr
Hui, hatte ich gar nicht mitbekommen, dass da schon wieder was Neues kommt. Die Rezi ist ziemlich eindrucksvoll und ein gewaltiger Appetithappen. Klingt hier und da wie die Stimmung bei Lynch. Ich habe keinen Zweifel, dass mich das Album wieder gewaltig ziehen wird. Direkt mal wieder Narkopop hören
Darmwinde
2018-05-10 20:39:02 Uhr
*pffft*

*kurbel*

Armin

Postings: 11889

Registriert seit 08.01.2012

2018-05-10 19:49:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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