Beach House - 7

Beach House- 7

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 11.05.2018

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Unser aller Heim

Ein neues Album von Beach House, das sorgt in meinem kleinen Zuhause für Entzückung, Euphorie und Ekstase. Die Gründe dafür sind schnell erklärt: Erstens bekomme ich so wieder die Möglichkeit, eine Rezension schamlos als Tagebuch zu missbrauchen, Befindlichskeits-Prosa hier, blumige Beschreibungen dort. Und niemand kann etwas dagegen tun! Mittlerweile weiß ja jeder, dass man sich besser nicht zwischen mich und Beach House stellt. Und zweitens, das versteht sich eigentlich von selbst, ist es nun mal eben ein neues Album dieser Band, die in meinem Universum noch nie etwas falsch gemacht hat. Die Werke von Victoria Legrand und Alex Scally schwanken für mich allenfalls zwischen Überalbum und Überüberalbum, und meine Gefühle für sie sind so schlicht wie ambivalent: Beach House zu hören, das ist für mich stets wie frische Verliebtheit und tiefe, gereifte Liebe in einem, und trotz der melancholischen Schwere, die oftmals in ihren Dream-Pop-Melodien mitschwingt, spüre ich eine angenehme Leichtigkeit. Selbst bei neuen Songs fühle ich mich gut aufgehoben. Beach House sind ein Stück weit auch mein House, mit allen vergangenen Teenie-Träumen, an der Decke leuchtenden Glückssternen – und dem Boden, der natürlich aus rotem Kuschelsamt ist.

Es wird Dich, lieber Plattentests.de-Leser, also kaum verwundern, wenn ich Dir mitteile, wie sehr ich mich auf das neue Album von Legrand und Scally gefreut habe. Und wie schnell mein Herz geklopft hat, als "7" endlich im Posteingang lag. Und ja, wie aufgeregt ich auch war, als ich es zum ersten Mal anhören konnte. Wie doof es ist, diese doch irgendwie vorhandene kleine Sorge, dass ich es vielleicht, womöglich, unwahrscheinlicherweise doch enttäuschend finden könnte, ins hinterste Eck meines Kopfes zu verbannen und wie schuldig ich mich dann auch fühle. Keine Panik! Die Zweifel waren freilich unbegründet, das haben die ersten Auskopplungen von "7" ja eigentlich beweisen können: Da beschwor etwa "Lemon glow" die für Beach House nur allzu passende "Candy-colored misery", stapfte durch seine dichte, düstere Klanglandschaft und durchstach sicher nicht nur mich mit aufheulenden Gitarren und aufblitzenden Synthesizern. Und da war auch "Dive", das sich fast zweieinhalb Minuten Schicht um Schicht langsam aufbaut, beinahe zäh, wie die Errichtung einer hohen Mauer, nur um genau diese vor einer wahrlichen Dream-Pop-Feuerwerks-Kulisse einfach einzureißen und sich Zutritt zu verschaffen. Unter uns, lieber Leser: Wir beide, Du und ich, hätten Ihnen die Tür doch sowieso noch geöffnet.

Aber es sind nicht nur diese längst bekannten Stücke, die hier glänzen, sondern das Album als Gesamtwerk. Im Vorfeld ließ das Duo uns wissen, dass sich "7" thematisch um den Wiederaufbau dreht, um das Schöne, das aus Schrecklichem entstehen kann. Um das Akzeptieren eines unglücklichen Schicksals, oder auch: um "the empathy and love that grows from collective trauma." Beach House setzen dabei auf bewährte Mittel, keiner der Songs klingt wirklich ungewöhnlich, und doch ist die Entwicklung vom selbstbetitelten Debüt bis hierher gleichermaßen unverkennbar und erstaunlich. Wenn der Opener "Dark spring" einerseits mit verzerrter Instrumentierung für Angst und Schrecken sorgt und Legrands zarter, gespenstisch engelsgleicher Gesang ein quietschbuntes Pflaster auf alle Wehwehchen klebt, ist das nicht zwingend neu, aber mindestens be-, wenn nicht sogar aufrührend. Zwischen Verspieltheit und Bedrücktheit wandelt auch "Black car", das kleine Haus am Strand verschwindet im Nebel, aus der Ferne rücken Drone-Sounds an, Legrand verliert sich in einem Gespräch mit sich selbst und gewinnt natürlich trotzdem: "We want to go inside the cold / It's like a tomb / But it's something to hold", am Ende hämmert sich ein Schlagzeug in mein Trommelfell und ich überlege kurz, ob es nicht doch mein Puls ist. Oder Deiner.

Wenn uns also jemand ernsthaft fragen sollte, warum Beach House bei uns für derartige Glücksgefühle sorgen, obwohl das ja längst keine Gute-Laune-Musik ist, ist womöglich genau das die Antwort: Hier hört das Herz mit. Es freut sich in "L'inconnue" über den kleinen Exkurs ins Frankreich der Achtzigerjahre und Legrands säuselnde Stimme, die etwas über die Sorgen und Unsicherheiten kleiner Mädchen erzählt. Es tanzt und torkelt gemeinsam mit "Drunk in LA" durch regennasse, dreckige Straßen und bereut mit ihm am nächsten Tag all die Dinge, an die es sich nicht mehr erinnern kann und stellt dennoch fest: "Memory's a sacred meat / That's drying all the time / On a hillside I remember / I am loving losing life." Und es sehnt sich mit "Girl of the year" nach Glanz und Glamour, fürchtet dann aber genauso sehr den Absturz und die Dunkelheit. Und ja, natürlich erzählen Beach House diese Geschichte nicht zum ersten Mal. Aber die Art und Weise, wie sie ihre Märchen ausschmücken, die Farben, die sie wählen, die Betonungen, die Betrachtungspunkte – die wechseln, und so scheint auch dieses eigentlich bekannte Heim immer wieder neu zu sein, es findet sich stets eine unbekannte Tür, eine noch verschlossene Schublade, ein mysteriöser Schlüssel. Du und ich werden uns hier, mit etwas Glück, immer willkommen fühlen, unsere Herzen sowieso. Denn wir nehmen Victoria Legrand wie immer beim Wort, wenn sie in "Lose your smile" verspricht: "Dreams, baby, do come true."

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Dark spring
  • Drunk in LA
  • Dive
  • Girl of the year

Tracklist

  1. Dark spring
  2. Pay no mind
  3. Lemon glow
  4. L'inconnue
  5. Drunk in LA
  6. Dive
  7. Black car
  8. Lose your smile
  9. Woo
  10. Girl of the year
  11. Last ride

Gesamtspielzeit: 47:15 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Kleine Bitte
2019-08-16 09:16:17 Uhr
Macht mir hier nicht mehr als 350 Kommentare.
Muss doch bei 7 bleiben.
Lomai
2019-08-16 09:08:07 Uhr
Ja, als Rezensent/Journalist braucht man ein dickes Fell. Ich für meinen Fall hätte einen kräftigen Wutanfall bekommen. :)

Jennifer

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 1990

Registriert seit 14.05.2013

2019-08-16 08:54:01 Uhr
Och, war im Vergleich zu vielen anderen Rants hier doch noch harmlos. Die Rezension oder mein Stil waren/sind nicht sein Ding, damit kann ich leben. Ich glaube, wir haben damals beide trotzdem gut schlafen können. :)

Schön aber, dass der Thread oben ist und das Album mal wieder etwas Aufmerksamkeit bekommt. Gerade neulich wieder gehört, ich bleibe bei der 9/10. Tolle Scheibe.
Lomai
2019-08-16 07:50:59 Uhr
Warum hat denn damals Leatherface so gegen Jenny gerantet? Tut mir leid, das hatte kein Niveau.

MopedTobias

Postings: 13757

Registriert seit 10.09.2013

2019-08-15 22:33:44 Uhr
Euer Ehren, mit den Wertungen für Pay no mind, L'Inconnue und Dive sind Sie leider nicht mehr tragbar!
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