Janelle Monaé - Dirty computer

Janelle Monaé- Dirty computer

Bad Boy / Warner
VÖ: 27.04.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Crazysexycool

Eine Nummer kleiner, doch genau deshalb verdammt groß. Das ist Janelle Monáes drittes Album "Dirty computer". Es geht nicht mehr um Androiden, sondern um Menschen. Ganz bewusst nennt Monáe nun die Dinge beim Namen. Der entscheidende Kniff hierbei: Sie bettet ihre Botschaften in unverschämt eingängige Songs ein. So viel Pop-Appeal muss man sich erst einmal zutrauen. Über das außergewöhnliche Talent der Sängerin aus Kansas City müssen nicht viele Worte verloren werden. Wirkten "The ArchAndroid" und "The electric lady" jedoch trotz ihrer Großartigkeit stets ein wenig unnahbar, lässt Monáe nun alle Scheuklappen fallen. Dass sie sich dadurch verwundbar macht, zeugt von ihrem gewachsenen künstlerischen Selbstbewusstsein. Sie will, sie kann.

Sie muss. Energischer und konkreter war Monáe nie. Kostprobe: "See, if everything is sex / Except sex, which is power / You know power is just sex / You screw me and I'll screw you, too." Klare Kante. Wohlwissend, dass sie mit ihrer neuen Direktheit so manchen Hörer vor den Kopf stoßen wird, macht die Sängerin das einzig richtige und geht all-in. Monáes Themen sind dabei ebenso aktuell wie vielfältig. Es geht jedoch immer um Selbstbestimmung. Das Credo fällt eindeutig aus: "Love me for who I am", fordert die Songwriterin im sinnig betitelten "Americans" und bettet ihre ganz persönlichen Wünsche in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext ein. In erster Linie ist "Dirty computer" ein vierzehn Songs umfassender Appell, verdammt noch mal stolz auf sich selbst zu sein. Vorbei die Zeiten, in denen sich queere, schwarze, weibliche Menschen verstecken mussten. Zumindest, wenn jetzt nicht zurückgesteckt wird. Monáe hat kein Problem damit, im Schweinwerferlicht zu stehen. Sie fordert es ein, sie braucht es.

Denn sie muss so einiges loswerden. Nun versacken Alben, die ihre politische Agenda vor sich her tragen, nicht selten auf dem Abstellgleis der verkrampften Besserwisserei. Nicht so "Dirty computer". Schuld daran sind zuallererst die durchgehend kunstvoll auskomponierten Songs, die nicht nur fließend ineinander übergehen, sondern so angeordnet sind, dass das Album eine unglaubliche Sogwirkung entfaltet. Die knapp 45 Minuten vergehen wie im Flug. Dabei reiht Monáe Hit an Hit. Unterstützt von prominenten Gästen wie Brian Wilson, der das Intro mit einigen effektbeladenen "Uuhs" und "Aahs" veredelt, gerät "Dirty computer" zu einem beeindruckenden Dokument einer Künstlerin auf dem vorläufigen Zenit ihres Schaffens.

Einen Song wie "Pynk" muss man nämlich erst einmal schreiben. Gemeinsam mit Grimes huldigt Monáe der Weiblichkeit, Vaginahosen im Video inklusive. Apropos Video: Parallel zur Veröffentlichung des Albums erschien ein dreiviertelstündiges "Emotion picture", das weit mehr als bloße Musikbegleitung ist. Das, was Monáe hier visuell auffährt, muss sich in Sachen Kreativität nicht vor den ganz Großen des Fachs verstecken. Womit wir bei Prince wären. Dessen Geist schwebt nämlich deutlich hörbar durch das Album, an einigen Songs war er vor seinem Tod sogar noch persönlich beteiligt. Am deutlichsten tritt der Einfluss des viel zu früh verstorbenen Derwischs aus Minneapolis in "Make me feel" hervor. Der Song erinnert nicht nur an "Kiss", er greift sogar ganze Passagen auf und überführt sie ins 21. Jahrhundert. Ein geeigneterer Kandidat für die Beschallung anstehender Sommerfestivitäten muss noch gefunden werden.

Einen Ausfall sucht man auf "Dirty computer" vergebens. Zu den Höhepunkten gehören das clever verschachtelte "Crazy, classic, life", das tief in der Achtziger-Schublade wühlende "Take a byte" und das ergreifende "So afraid". Besonders der letztgenannte Track hätte sich mit seiner famosen Melodieführung auch gut auf "The ArchAndroid" gemacht. Doch zurückblicken können andere, Janelle Monáe hat ihre Augen nach vorne gerichtet. Ihr Wille, sich unbequem zu machen, verdient Anerkennung. Vor allem, wenn er mit einem Album eingehergeht, das das Zeug zu einem Klassiker zeitgenössischer Popmusik hat. Die letzten Worte gebühren der Meisterin selbst: "A little crazy, little sexy, little cool / Little rough around the edges but I keep it smooth / I'm always left of center and that’s right where I belong / I'm the random minor note you hear in major songs." Bam.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Crazy, classic, life
  • Pynk
  • Make me feel
  • So afraid

Tracklist

  1. Dirty computer
  2. Crazy, classic, life
  3. Take a byte
  4. Jane's dream
  5. Screwed
  6. Django Jane
  7. Pynk
  8. Make me feel
  9. I got the juice
  10. I like that
  11. Don't judge me
  12. Stevie's dream
  13. So afraid
  14. Americans

Gesamtspielzeit: 48:37 min.

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User Beitrag

Christopher

Postings: 945

Registriert seit 12.12.2013

2018-05-06 21:53:02 Uhr
Ich mag, dass das Album so fokussiert ist. "The ArchAndroid" war natürlich spektakulärer, aber meiner Meinung nach gabs da auch so einige Längen, v.a. im letzten Drittel. Letzten Endes kann ich schon nachvollziehen, warum einige "Dirty computer" schwächer sehen - der Sound ist schon relativ "mainstreamig", aber mich schreckt das nicht ab.

The MACHINA of God

Postings: 9348

Registriert seit 07.06.2013

2018-05-04 20:54:47 Uhr
Bin erst beim zweiten Durchgang, von daher noch keine Wertung. Aber denke schon, ich könnte es wie poser empfinden. Bin aber auch nicht der Fan reiner Pop-PLatten...

Und Christoph... auf einer Stufe mit "ArchAndrois"? Hui.
IM
2018-05-04 10:55:29 Uhr
Not Amused

Amused

Postings: 170

Registriert seit 28.11.2016

2018-05-04 10:21:14 Uhr
Ich finde es eigentlich gerade als Popalbum enttäuschend. Sowas wie ArchAndroid hätte ich gar nicht gebraucht, aber mir fehlen da einfach auch richtig gute Melodien und Hooks. Das Album hat so seine ein, zwei Momente, aber im Ganzen doch erschreckend öde.
Sid Justice
2018-05-04 09:24:46 Uhr
Es ist halt ein okayes bis gutes Popalbum.

Leider ist nicht mehr viel vom "Wo führt mich wohl der nächste Song hin?"-Gefühl übrig, das ArchAndroid auszeichnete. Stimme Poser da zu: Das hier ist vergleichbar mit hunderten anderer Vertreter des Genres und nichts wirklich Besonderes mehr. Bei ArchAndroid war es die gesamte Grundstimmung/Atmosphäre und stilistische Bandbreite, bei Electric Lady das dystopische Storytelling innerhalb und außerhalb der Songs (sicherlich nicht Pulitzerpreis-verdächtig, aber dennoch stimmig). Hier reiht sich einfach nur ein Popsong an den anderen. Sicherlich teilweise gute Popsongs, aber irgendwie auch deutlich generischer als man es von ihr gehofft hat und auch erwarten durfte.
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