Gaz Coombes - World's strongest man

Gaz Coombes- World's strongest man

Hot Fruit / Caroline / Universal
VÖ: 04.05.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Der Supergreis von Supergrass

Die Drei ist eine Zahl die sich im menschlichen Sprachgebrauch so breit gemacht hat wie ein übergewichtiger Cockerspaniel im Lieblingsfernsehsessel. Man denke nur einmal an die "heilige Dreifaltigkeit", "drei sind einer zu viel", "Dreikäsehoch", "drei Kreuze machen" oder meinetwegen auch die "drei Damen vom Grill". Für das neue Album von Gaz Coombes, seines Zeichens ehemaliger Supergrass-Sänger, darf ohne schlechtes Gewissen um "aller guten Dinge sind drei" ergänzt werden – denn was der professionelle Kotelettenträger nach "Here come the bombs" und "Matador" mit "World’s strongest man" veröffentlicht, ist mehr als ein Dreier im Lotto.

Bereits seit dem 16. Lebensjahr mehr oder weniger professionell musizierend, ist der Mann mit dem Geburtsjahr 1976 im Mucker-Gewerkschaftsausweis inzwischen fast schon ein Greis im Musikbusiness. Davon ist auf dem neuen Album allerdings wenig zu spüren. Statt gediegenem Altherren-Britrock beweist Coombes, dass seine Devise immer noch "Pumping on your stereo" ist – auch wenn er seine aktuelle Musik mit leicht abgewandelten Treibstoff betankt als noch zu Supergrass-Zeiten. Kenner der beiden Vorgängerwerke können aufatmen: Bemängelte der Plattentests.de-Kollege Meißner auf "Matador" noch eine Lunte ohne Zündungspotenzial, feuert Coombes jetzt ein ganzes Arsenal an guten Songs ab, welches zwar nicht immer unbedingt ohrenbetäubend knallt, dafür aber einen wunderbar bunten Funkenregen über dem in nachtschwarzer Melancholie getränkten Himmel ausbreitet.

Der Opener "World's strongest man" mit seiner Kopfstimme, dezenten Elektronik und Plastikstreichern könnte auch als schwache B-Seite zu Radioheads "Hail to the thief"-Zeiten durchgehen – und das ist als Kompliment zu verstehen. Überhaupt Radiohead: Immer wieder blinken hier und da mehr oder weniger deutliche Bezüge zu den Übervätern des Intellektuellen-Britpops auf. Dazu gesellen sich zahlreiche psychedelische Elemente, die beim mächtig nach vorne schiebenden "Deep pockets" besonders deutlich zutage treten. Aber auch dem Groove wird Respekt gezollt: so kann man sich dem rhythmischen Kopfnicken beim Bass von "Walk the walk" nur schwerlich entziehen.

"Shit (I've done it again)" hingegen klatscht mit der französischen Moog-Romantik der Band Air ab. Hier vergraben warm schnalzende Synthie-Sounds ihre Klangkörper zum Schmusen in ein Federbett aus nach Heu duftender Harmonie. Und in "Slow motion life" scheint gar Neil Young auf seinem mit traurigen Augen dreinblickenden Gaul im Takt einer langsamen Pianomelodie vorbei zu trotten. Es bleibt von Song zu Song anders, denn im Folgenden wechseln sich hochkarätig komponierte Stücke ab, die mal die Melancholie anstupsen, dann wieder mit einem Kinderchor musizierend einen sympathischen Ringeltanz veranstalten ("Wounded egos"), um in "Vanishing act" den verzweifelten Rock'n'Roll zu huldigen. Gaz Coombes verquickt Elektronik, Psychedelic, Pop und Light-Prog dermaßen charmant und unterhaltsam miteinander, dass es nicht weiter stört, dass seine musikalischen Einflüsse teilweise sehr deutlich in den Vordergrund treten.

"Weird dreams" bildet vielleicht den idealen Abschluss, bringt der Song doch noch einmal fast alle Elemente des Albums in knapp fünf Minuten zusammen: die dezent eingesetzten Synthesizer, die immer präsente, aber nie in Weinerlichkeit ausartende Melancholie, der Wille zum dezenten Experiment und das Wagnis, seine Flanke für die Theatralik zu öffnen. Das alles muss man nicht innovativ, kann man dafür aber umso mehr unterhaltend finden. Und zwar auf solch hohem Niveau, dass es hoffentlich nicht ewig und drei Tage bis zum neuen Album dauern wird.

(Oliver Windhorst)

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Highlights

  • Deep pockets
  • Walk the walk
  • Slow motion live
  • Vanishing act

Tracklist

  1. Hot fruit
  2. World's strongest man
  3. Deep pockets
  4. Walk the walk
  5. Shit (I've done it again)
  6. Slow motion life
  7. Wounded egos
  8. Oxygen mask
  9. In waves
  10. The oaks
  11. Vanishing act
  12. Weird dreams

Gesamtspielzeit: 43:00 min.

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User Beitrag
Heiho
2018-05-08 22:17:01 Uhr
Ich habe das Album jetzt auch mehrfach durch. Ich bin mit der 7/10 durchaus einverstanden. Ich vergleiche es immer noch mit den Supergrass-Perlen und da fehlt mir hier ein Tick bzw. es sind auch ein paar Lieder dabei, die mich nicht so richtig packen.
Ansonsten kann ich BVBe vollstens zustimmen (was neues von Gaz zu hören und dass Supergrass sich aufgelöst hat) und Köttbullar ebenfalls, Gaz bekommt definitiv zu wenig Aufmerksamkeit.
Er kann das Publikum auch alleine auf der Bühne in seinen Bann ziehen.
Urlidez
2018-05-05 16:58:48 Uhr
Tolles album. Nur finde ich seit laengerem schon dass die auswahl der platten kackist.
Warum ne platte die so und so gagga ist noch rezensieren?
Ausserdem ist die auswahl viel zu rnb und pop lastig geworden

Beach house wuerden fuer den feuchtn furz auch ne 9/10 bekommen
Köttbullar
2018-05-05 13:23:00 Uhr
7/10 ist eindeutig zu wenig. Beim lesen hat man das Gefühl dass der Rezensist im Prinzip zu mehr tendiert. Und nach etwa 10 Durchläufen weiß ich: es ist mehr. Der Junge bekommt zu wenig Aufmerksamkeit.

BVBe

Postings: 282

Registriert seit 14.06.2013

2018-05-04 08:02:49 Uhr
Ich freue mich immer wieder, was Neues von Gaz zu hören und fand auch seine beiden anderen Solo-Alben sehr gelungen. Zwar schade, dass die alten SUPERGRASS nicht mehr existieren (zumal angeblich ein nicht mehr veröffentlichtes Album bereis eingespielt war), aber ohne das SUPERGRASS-Korsett kann Gaz sich kreativ noch mehr entfalten. Weniger Rock, aber mehr Experimente, ein fluffiger Sound und nachwievor tolle Melodien.

Armin

Postings: 13817

Registriert seit 08.01.2012

2018-05-03 20:56:50 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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