Rival Consoles - Persona

Rival Consoles- Persona

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 13.04.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Im richtigen Film

"Formal streng und asketisch, inhaltlich reich an metaphysischen und psychologischen Spekulationen", urteilt die Kritik. Puh, das klingt ganz so, als habe der britische Elektronik-Schrauber Ryan Lee West alias Rival Consoles hier ein verdammt anspruchsvolles Zehn-Kilo-Gehirn-Werk abgeliefert. Aber halt: Die Rede ist gar nicht von diesem Album, sondern vielmehr von Ingmar Bergmans 1966er Spielfilm "Persona", einem Meilenstein des selbstreferenziellen Kinos, der brillant Elemente aus Kammerspiel, Drama und Vampir-Horror vereint und etwa David Lynch zu den komplementären Frauenfiguren von "Mulholland Drive" inspiriert haben dürfte. Aber noch mal halt: Wests vierter Longplayer heißt nicht nur wie Bergmans Streifen, sondern ist gemäß der Angaben des Künstlers auch direkt von diesem beeinflusst. Status also: Es ist kompliziert.

Allerdings kann man es auch einfacher haben und stelle sich Underworld vor, die mit getriggertem Trommelwirbel und gezupften Streichern in den Club marschieren und auf einem Bein zu runtergehungertem "Born slippy"-Beat die Titel ihrer Platten nachtanzen. Schon hat man den Opener "Unfolding" vor dem geistigen Ohr und ist gerüstet für eine knappe Stunde, in der Ambient-Electronica, Minimal-Techno mit Betonung auf dem ersten Wort und neoklassische Soundtupfer darüber verhandeln, wer nun eigentlich wer ist und wie viele. Das Titelstück stakst folgsam hinterher, kommt hier und da aus dem Tritt, wenn sich die synthetischen Ebenen wabernd gegeneinander verschieben, rappelt sich aber immer wieder auf – als müsste es sich wiederholt mühselig aus heimtückisch auf dem Dancefloor platzierten Stolperfallen herausarbeiten.

Doch bevor ein falscher Eindruck entsteht: Zwischen zuckenden Leibern fühlt sich die doppelbödige "Persona" dieses Albums bestenfalls bedingt wohl. Fürs Rumsitzen im Kintopp verhalten sich Tracks wie das zuckende "Phantom grip" samt drohenden, industriell vergröberten Flächen und rastlosen Trap-Beats wiederum zu zappelig und unberechenbar, sodass die Sitzpolsterung nach kürzester Zeit ganz mitgenommen aussehen dürfte. Auch die wie aus einer anderen Dimension respektive von Forest Swords' "Engravings" herübergebeamte Steeldrum in "Memory arc" oder das wattierte Vibraphon von "Be kind" nützen wenig, wenn "Sun's abandon" bald dunkel eine Bläsersektion zürnen lässt und sich die Rhythmen so aufgeregt überschlagen, dass eine spitzfingrige Konzertgitarre ihre Mühe hat, sich dazwischen zu behaupten.

Und auch wenn vermutlich keins dieser Instrumente leibhaftig in Wests Studio steht und er sie stattdessen längst in sein Powerbook gesperrt haben wird, lebt "Persona" vor allem von der Diskrepanz zwischen volldigitalisiert und akustisch, aufrührerisch und kontemplativ, eisern zupackend und kaum greifbar. Gegensätze, die sich nicht nur anziehen, sondern mit der Zeit auch angleichen, was "Persona" am Ende zu einer stellenweise brillanten Umdeutung des zugrundeliegenden cineastischen Meisterwerks macht. Da verbieten sich Zuschreibungen wie Dubstep oder Drum'n'Bass auch dann von selbst, wenn das auf- und zuschnappende Sturmfeuerzeug in "Rest" mehr oder weniger deutlich auf die Soundästhetik von Burials "Untrue" verweist. Womit der Hörer permanent im falschen Film ist – und letztendlich doch im richtigen. Wie gesagt: Es ist kompliziert.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Unfolding
  • Persona
  • Phantom grip
  • Rest

Tracklist

  1. Unfolding
  2. Persona
  3. Memory arc
  4. Phantom grip
  5. Be kind
  6. I think so
  7. Sun's abandon
  8. Dreamer's wake
  9. Untravel
  10. Rest
  11. Hidden
  12. Fragment

Gesamtspielzeit: 58:47 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-04-12 11:41:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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