A Perfect Circle - Eat the elephant

A Perfect Circle- Eat the elephant

BMG / Warner
VÖ: 20.04.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Was ist schon normal?

Es ist nun nicht so, dass Maynard James Keenan auf der faulen Haut läge. Allemal ist Weinbau, so man ihn denn ernsthaft betreiben möchte, durchaus arbeitsintensiv. Insbesondere, wenn der Rebensaft ein geringfügig höheres Niveau als ein handelsüblicher Chateau Migraine für 1,99 vorweisen soll. Und zwischendurch findet Keenan außerdem Zeit, um mit seiner Band Puscifer die eine oder andere Platte zu veröffentlichen. Ach ja, und ebenfalls ein gerüttelt Maß der Arbeitszeit dürfte dafür draufgehen, die Frage, wann denn nun endlich ein neues Tool-Album erscheinen werde, entweder überhaupt nicht oder vielsagend nichtssagend zu beantworten. Nur mit einer Platte von A Perfect Circle, dem am längsten auf Eis liegenden Projekt des charismatischen Frontmanns, rechneten die wenigsten. Bis im vergangenen Jahr zwei vorab veröffentlichte Songs so manchen Fan in Ekstase versetzten.

Aber der Reihe nach. Natürlich beherrscht Keenan das Spiel mit den Erwartungshaltungen meisterhaft. Und auch Ausnahmekünstler wie er und Gitarrist Billy Howerdel, sein Kompagnon bei A Perfect Circle , müssen sich irdischen Maßstäben stellen. Doch glaubt man den Aussagen des 54-jährigen Sängers, ist die Erde nicht zwingend die Umgebung für den Genuss von "Eat the elephant", dem tatsächlich ersten Studioalbum seit "eMOTIVe" von 2004, denn: "The potheads are gonna be thrilled." Nun denn. Aber im Ernst: Natürlich bewegen wir uns weit entfernt von THC-induziertem Geblubber, auch wenn der eröffnende Titeltrack äußerst entspannt daherkommt. Lediglich getragen von einem leisen Piano-Lauf, fein akzentuiert von ein paar dezenten Streichern, legt Keenan mit scheinbar leichter Hand derart viel Gefühl, derart fragile Emotionen in den Song, wie es außer ihm eben nur wenige beherrschen.

Das folgende "Disillusioned", einer der beiden Vorab-Tracks, mäandert gekonnt im Spannungsfeld zwischen Melancholie und Eruption, will immer wieder aus der entrückten Grundstimmung ausbrechen und wird doch immer wieder eingefangen – als sollten allzu heftige, rockige Emotionen eingesperrt werden. Viel stärker hingegen ist "So long, and thanks for all the fish", mit einem derart grotesken Pop-Appeal versehen, dass man die Vielschichtigkeit des Songs glatt überhören könnte. Und auch "TalkTalk" ist nur dem Titel nach ein Gruß an eine gewisse britische Band, während Keenan pampig fordert: "Don't be the problem, be the solution." Eigentlich hat "Eat the elephant" also alles, was es zu einem weiteren Album der absoluten Referenzklasse braucht. Vom Artwork einmal abgesehen, das eher einen, sagen wir, etwas spezielleren Geschmack bedient.

Doch die Erwartungshaltung an A Perfect Circle ist eine hohe – inzwischen vermutlich sogar eine überhöhte. Und genau deshalb überwiegt nach den ersten Durchläufen tatsächlich so etwas wie Enttäuschung. Dabei lässt sich noch nicht einmal konkret festmachen, was nun genau fehlt – denn wirklich schlechte Songs können Keenan und Howerdel vermutlich nicht schreiben. Interessanterweise adelt aber genau dieser Umstand "Thirteenth step" oder gar "Mer de noms" in der Rückschau erneut, da diese beiden Platten schlicht schneller zünden, sich gerade nicht im letzten Drittel die eine oder andere austauschbare Struktur leisten und genau darum unsterbliche Klassiker sind. Doch nur um die Relationen noch einmal gerade zu rücken: Mit "Enttäuschung" ist hier diejenige gemeint, die der permanente Klassenstreber empfindet, wenn er dieses Mal nur eine Zwei in Mathe auf dem Zeugnis stehen hat. Ein lohnendes Erlebnis ist "Eat the elephant" deshalb noch allemal.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Eat the elephant
  • So long, and thanks for all the fish
  • TalkTalk

Tracklist

  1. Eat the elephant
  2. Disillusioned
  3. The contrarian
  4. The doomed
  5. So long, and thanks for all the fish
  6. TalkTalk
  7. By and down the river
  8. Delicious
  9. DLB
  10. Hourglass
  11. Feathers
  12. Get the lead out

Gesamtspielzeit: 57:09 min.

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Felix H

Postings: 2561

Registriert seit 26.02.2016

2018-04-20 19:29:57 Uhr
@Affengitarre:

Yep, "The Doomed" ist auf dem Papier ähnlich laut. Die Loudness-Berechnung tendiert aber dazu, höhenlastige und nicht durchgängig laute Musik bessere Werte zu geben als basslastigen wie z.B. "The Doomed". Das meine ich auch mit "anders abgemischt" - der klingt viel bandlastiger und voller, im Gegensatz dazu ist "Disillusioned" viel präziser, höhenlastiger, wirkt (zumindest im direkten Vergleich der Peaks) für mich aber deutlich lauter.

Affengitarre

Postings: 2067

Registriert seit 23.07.2014

2018-04-20 19:07:29 Uhr
@Felix Laut dr.loudness ist das Album generell sehr laut abgemischt, auch "The Doomed" hat einen DR-Wert von 3.
Achim (ausgeloggt)
2018-04-20 18:46:21 Uhr
Für mich steht fest, dass MJK während seiner musikalischen Auszeit sehr viel Steven Wilson gehört hat. Leider, leider.

Felix H

Postings: 2561

Registriert seit 26.02.2016

2018-04-20 18:43:23 Uhr
Für mich hängt das Album so ein bisschen zwischen vielen Stühlen. Es ist nicht so ruhig, wie ich nun erwartet habe, im Endeffekt war "Thirteenth Step" ähnlich gelagert. Der Einstieg mit dem Titeltrack ist gut, erzeugt Spannung - dann fällt das aber gleich mit "Disillusioned" schon wieder etwas ab.
Da ist gleich noch ein weiteres Problem für mich sichtbar: die Länge. Nicht nur dieser Song rechtfertigt die Spielzeit von fünf Minuten und mehr nicht so richtig. Da wird viel gewendet, gedreht, aber bislang überzeugt mich das selten.

"So Long" ist sicher nichts für Pop-Verweigerer, ich finde ihn als Ausbruch ganz gelungen. Danach sind wohl "TalkTalk" und "Delicious" (das Ende!) für mich die Highlights. Den Closer finde ich auch interessant.

Die Produktion empfinde ich auch als zwiespältig. Der Mix ist sehr klar, erinnert mich teilweise sogar an Jazz-Produktionen, dagegen ist aber der Pegel viel zu hoch, die starke Kompression merkt man besonders dann in lauten Passagen. Auch verhältnismäßig leise dazwischen ist "The Doomed", wirkt, als ob der irgendwie seperat vom Rest abgemischt wurde.

Ich traue dem Album schon noch Wachstum zu, glaube aber nicht, dass es in die Nähe der ersten beiden oder "Conditions Of My Parole" kommen wird.
Ich
2018-04-20 18:41:59 Uhr
Leute die solche Alben einen Tag nach Release bewerten kann man nicht ernstnehmen. Definitiv braucht eine finale Bewertung noch Zeit. Passt aber wohl nicht mehr in diese Zeit.
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