Preoccupations - New material

Preoccupations- New material

Jagjaguwar / Cargo
VÖ: 23.03.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stimmungskanonen und Rohrkrepierer

Preoccupations bei der Betitelung ihrer Alben viel Kreativität zu unterstellen, klänge irgendwie euphemistisch. Denn statt ein Übermaß an Gedankengut zu verschwenden, nannten die Post-Punker ihr Debüt einfachheitshalber "Preoccupations". Und auch auf die Namensfindung des Nachfolgers verwandten die Kanadier nicht gerade viel Gehirnschmalz – lässt zumindest der sparsam formulierte Titel "New material" vermuten. Diese doch recht minimalistische Herangehensweise findet sich ebenfalls erneut in der Musik wieder. Was so viel heißt wie: kein Aufbruch zu neuen Ufern, sondern gewohntes Fischen in trüben Gewässern. Dass das Quartett dabei keinen Schiffbruch erleidet, liegt an dem nach wie vor einzigartigen Sound, dem eine ebenfalls außergewöhnliche Stimme zum Munkeln im Dunkeln an die Seite gestellt wird. Dass dabei kein ganz so überzeugendes Meisterwerk wie zuvor herauskommt, liegt an der Vorliebe der Band für Deep House.

Moment. Deep House? Ernsthaft? Nein! Dieses "New material" hat mit Deep-House ungefähr so viel zu tun wie Scooter mit zärtlichem Singer-Songwriter-Folk. Preoccupations entleihen dem Techno allerdings sein repetitives Charakteristikum. Was sich so äußert, dass bei einem Stück wie "Antidote" ruhig einmal eine Schlagzeugspur nahezu gänzlich allein drei Minuten durchklöppeln darf, während Sänger Matt Flegel seine Stimmbänder gewohnt guttural über den Song zerraspelt. Das ist deep, kann hypnotisch und durchaus meditativ wirken, sich manchmal bei nicht ganz überzeugendem Songwriting aber auch ein wenig zu sehr in die Länge ziehen. Doch keine Panik: Preoccupations haben auch diesmal kein einziges schwaches Stück in ihrer musikalischen Schattenwirtschaft versteckt. Vielleicht fehlen nur einfach ein paar mehr richtige Knaller-Exponate wie das Trauertanz-Hors-d'œuvre "Espionage" mit seinem durch den Gewölbekeller hallenden Schlagzeug und den schmalbrüstigen Synthesizern. Neben Gitarren und Bass, die sich perfekt einweben, beeindruckt hier vor allem der Refrain, der mit seinen starken Gesangsharmonien in rabenschwarze Dimensionen vorstößt.

"Solace" ist der vielleicht zugänglichste, leichtfüßigste Song mit dem besten Groove. Gesang, Synthesizer, Gitarre – hier greift alles perfekt ineinander. Und wäre damit wohl auch am ehesten auf dem Vorgänger oder dem einzigen Album unter dem Namen Viet Cong vorstellbar gewesen. Doch schon auf "Preoccupations" diente die Sechssaitige eher als zusätzliche Soundquelle denn als klassisch eingesetztes Rock-Werkzeug. Auf "New material" verargumentiert das Quartett diese These dann auch konsequent weiter. Im Vordergrund steht stets das Leitmotiv, dessen Oberfläche im Laufe von drei bis sechs Minuten mit allerlei Effekten, Sounds und Samples gespickt wird. Mal funktioniert das eher flott wie beim fast schon romantischen "Disarray", dann wieder in der Geschwindigkeit einer gemütlichen Runde Treibsand-Brustschwimmen wie bei "Manipulation". Dabei gibt es eine Menge zu entdecken: etwa den klirrenden Harfensound von "Decompose", der für Preoccupations-Verhältnisse fast schon fröhlich klingt. Oder die sich die 80er-Jahre zurückwummernde Electronica aus "Doubt". Träge, dröge, nihilistisch und doch irgendwie cool, diese Stimmung. Nein, Gefühlspuristen haben keinen Grund, sich zu beschweren. Das Ranking hat sich nicht geändert: Pessimisten, Nihilisten, Preoccupisten.

Damit ist die Band auch dieses Mal als Stimmungskanone wieder ein echter Rohrkrepierer. Wenn "Compliance" nach 37 Minuten den Sack zumacht und mit einem U-Boot-Sonar-Sound in die eisige Ozean-Unterwelt abtaucht, kriecht die Kälte in den hintersten Winkel der Gefühlswelt und lässt jegliche Hoffnung mittels eines tieffrequenten Akkordwechsels einfrieren. Dazu braucht dieser Song noch nicht einmal eine Stimme – und das macht dann wirklich sprachlos.

(Oliver Windhorst)

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Highlights

  • Espionage
  • Solace
  • Compliance

Tracklist

  1. Espionage
  2. Decompose
  3. Disarray
  4. Manipulation
  5. Antidote
  6. Solace
  7. Doubt
  8. Compliance

Gesamtspielzeit: 36:12 min.

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User Beitrag

Math

Postings: 391

Registriert seit 03.12.2017

2018-04-14 17:24:03 Uhr
absolut nicht, das Album ist voller Highlights. Man muss es nur oft genug hören, dann offenbaren sie sich :-)
lindsey
2018-04-14 17:17:51 Uhr
Im Gegensatz zu den Vorgängern fehlen hier leider die Highlights.

MopedTobias

Postings: 10567

Registriert seit 10.09.2013

2018-04-14 16:40:37 Uhr
Tolles Album, wirklich sehr viel Krautrock und "Closer"-JD. Und der Opener klingt wie eine Höllenversion von Depeche Mode.
dude83
2018-03-23 18:59:33 Uhr
wie immer brilliant. Gibts Empfehlungen, welche Bands noch so in die Richtung gehen und den Post Punk wieder aufleben lassen. Ich spreche also von aktuelleren Veröffentlichungen.
Fehlerteufel
2018-03-23 18:07:14 Uhr
Beim Vorschautext steht noch der Platzhalter "Neue Rezension".
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