The Baboon Show - Radio Rebelde

The Baboon Show- Radio Rebelde

Kidnap / Cargo
VÖ: 16.02.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schweißkärtchen

Die Regentschaft der Fleißkärtchen ist längst vorbei, in der Republik werden längst andere, zum Teil ebenfalls umstrittene Erziehungsmethoden angewandt. Die Schweden-Rocker The Baboon Show indes sehnen sich nicht nach den Idealen der Fünfziger und Sechziger zurück, hätten eine Fleißkarte jedoch allein für die Verdienste um staubigen Punk'n'Roll in Skandinavien verdient, einem einst höchst beliebten Genre, dem man nach Ableben der ehrwürdigen Hellacopters leider Verwesungsgeruch attestieren musste. Seit Mitte der Zehner hat die schwedische Formation um Frontröhre Cecilia Boström nun bereits acht Longplayer veröffentlicht. Dass bis hierhin kein Album der Truppe auf diesen Seiten Erwähnung findet, ist nicht etwaiger Ignoranz oder gar arroganter Böswilligkeit geschuldet. Nein, ihr achtes Album "Radio Rebelde" ist schlichtweg das stärkste seit mindestens "Punkrock harbour" von 2010 (dessen Text auf mysteriöse Art und Weise aus dem Plattentests.de-Archiv entwendet worden sein muss ... äh, von Heinzelmännchen natürlich!).

Ein Blick auf die Referenzen sagt viel aus. Mit dem Unterschied, dass das Prädikat "viel" im Punkrock eben auch aus wenig gemacht sein kann. Hä? Am besten einfach den Titelsong anschmeißen, lauschen und verstehen, dass The Baboon Show nicht viel mehr brauchen als kratzende Gitarren, wild-blecherne Drums, einen hymnischen Refrain - fertig ist der Hit. Solche Kaliber findet die Nadel des Plattenspielers noch einige mehr zwischen den großen Rillen von "Radio Rebelde", benannt nach dem Radiosender auf Kuba, einst 1958 von Fidel Castros Mannen während des kommunistischen Umbruchs ins Leben gerufen. Ungeachtet dessen machen viele ja "Holiday" auf Kuba, dieser Song jedoch ist kein Easy-listening-Kandidat, wühlt den Karibik-Sand mit dreckigem Stakkato-Punk auf, bevor Boström ihr just mit Whiskey und Zigarre geöltes Organ aufheulen lässt. Ein paar Handclaps obendrauf, schon kocht selbst die einsamste Hütte am kubanischen Stand.

"Hit the floor" macht in nur 88 Sekunden keine Gefangenen, hält aktueller westlicher Krisen- und Fluchtursachen-Bewältigung den Spiegel samt Waffengeschäfte vors Antlitz – eine doppelmoralische Fratze: "If you wanna make a change / Take off your stupid mask / You cannot stop a war / With a gun in your hand." "Same old story" lässt musikalisch dann mehr Luft an den Mittelfinger, reckt ihn aber thematisch dafür umso höher. Das Stück rückt ein zentrales linkes Thema ins Licht, prangert die Ausbeutung der Arbeiterklasse an, damals in Zeiten der industriellen Revolution wie heute, bloß dass die Ausbeuter seit geraumer Zeit in Automobilkonzern-Vorständen und in den höchsten Etagen der Banken sitzen und den Betrug an der Gesellschaft als Geschäftsmodell etablierten. Authentisch ist das nicht nur, weil gegen Ende ein ganzer Belegschafts-Chor sich zum Protest erhebt.

Dieses Detail zeigt auch, dass The Baboon Show mit "Radio Rebelde" nicht nur zum gepflegten Rundumschlag ausholen, wie sie es bei ihren feucht-schwitzigen Konzerten tun. Die Schweden probieren auch Ungewohntes aus: Lassen das verschrobene "War" mit düsteren Synthies gerade bedrohlich genug wirken, heften den fräsenden Gitarren im famos polternden Hit "Overdosed on you" diesen bekloppten, aber feinen Effekt an, und übergeben das abschließende, über sechsminütige Post-Punk-Stück "Again" ganz der beruhigenden Stimme von Gitarrist Håkan Sörle. Oder krallen sich die Hammond-Orgel und verleihen "You get what you get" einen 70s-Glam-Klecks, sodass am Ende der Aufbruch und die Euphorie größer als die Ernüchterung sind: Stoff, aus dem gute Rockmusik gemacht ist. Dafür gibt es ein Schweißkärtchen.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Radio Rebelde
  • Holiday
  • Same old story
  • Overdosed on you

Tracklist

  1. Radio Rebelde
  2. Holiday
  3. All of me
  4. Same old story
  5. Overdosed on you
  6. Hooray
  7. You get what you get
  8. Hit the floor
  9. No afterglow
  10. War
  11. Again

Gesamtspielzeit: 37:14 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2018-03-22 20:40:42 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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