The Boxer Rebellion - Ghost alive

The Boxer Rebellion- Ghost alive

Absentee / Rough Trade
VÖ: 23.03.2018

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wer will schon perfekt sein?

Solide, souverän, abgeklärt. Mit Adjektiven, die sonst auch gerne in Spielberichten vom Kicker aufzufinden sind, lassen sich auch wunderbar The Boxer Rebellion beschreiben – wenn man so will, die unauffälligen Mittelfeld-Regisseure unter den an der verschwommenen Grenze zwischen Mainstream und Indie wandelnden Poprock-Bands. Seit 13 Jahren im Geschäft, liefern sie melancholische bis treibende Kleinode auf einem konstant ordentlichen, aber selten überragenden Niveau ab, ohne das eine überschwänglich von der Kritik gefeierte Meisterwerk oder den Riesenerfolg der ästhetisch durchaus vergleichbaren Coldplay, dafür mit einer stabilen Fanbase, die ihnen auch das eher belanglose als solide Gedudel von "Promises" und "Ocean by ocean" verziehen hat. Völlig zu Recht, denn "Ghost alive", das mittlerweile sechste Album des britisch-amerikanischen Vierers, ignoriert den zuletzt eingeschlagenen Weg komplett und lässt sich vielmehr als Nachfolger im Geiste zum 2011er-Werk "The cold still" begreifen.

Der Gitarrenlärm der Anfangstage hat zwar nach wie vor nicht den Weg zurück ins Repertoire gefunden, dafür formulieren The Boxer Rebellion aber ihre schwelgerisch-verträumte Seite so sehr aus wie noch nie. Die Synthies haben sie komplett über Bord geworfen, dafür gibt es düstere, trotzdem immer auch hoffnungsvolle Americana, immer noch opulent im Songwriting, aber deutlich reduzierter im Arrangement. Obwohl der Ton so gesetzt und die Musik größtenteils akustisch ist, kann das Quartett seiner zuletzt so elendig vorhersehbaren Professionalität endlich wieder Experimentierfreude und Überraschungsmomente entgegensetzen, arbeitet mit unkonventionellen Songstrukturen und elaborierten Streicher- und Bläsersätzen, die problemlos auch bei The Slow Show oder The National ihren Platz finden würden. Eine von kraftvollem Drumming geprägte Crescendo-Sequenz im Album-Highlight "Rain" zeigt wundervoll auf, wie eine getragenere, weniger polternde Version von "Fake empire" möglicherweise hätte klingen können.

Solche kleinen, kreativen Lichtblitze funkeln immer wieder auf, sei es das plötzliche Gepfeife im zarten Alternative-Country von "WTF" oder die wie ein Cembalo verzerrte Gitarre in "Lost cause". Manchmal klingen The Boxer Rebellion gar nach Sigur Rós, wie etwa im ausladenden "Here I am" oder im absolut fantastischen "Under control", dessen Bläsereinsatz nach knapp drei Minuten nicht nur den schönsten Moment des Albums, sondern vielleicht sogar der ganzen Bandgeschichte darstellt. Es ist aber eigentlich ganz schön ungerecht, so erschöpfend über die starken Kompositionen von Gitarrist Andrew Smith und Bassist Adam Harrison zu schwadronieren und dabei Sänger und Texter Nathan Nicholson komplett außer Acht zu lassen, denn im Herzen ist "Ghost alive" in erster Linie sein Album. Schon immer offen über leider noch immer tabuisierte Themen wie Depressionen und psychische Erkrankungen im Allgemeinen, bezeichnete Nicholson sein neuestes Werk im Vorfeld als sein ehrlichstes bisher, eine Nutzung als Verarbeitungsfläche für Schicksalsschläge wie den Tod seines Vaters und ungeborenen Kindes erscheint naheliegend.

Dass "Ghost alive" in diesem Sinne nicht an ein künstlerisches Monument der Katharsis wie Sufjan Stevens' "Carrie & Lowell" heranreicht, kann man ihm zwar nicht wirklich vorwerfen, dennoch fehlt ihm die emotionale Tiefe, um ernsthaft unter die Haut zu gehen. Die Texte reichen zu oft nicht über abstrakte Kalender-Weisheiten hinaus, gleichzeitig ist auch die Musik trotz ihrer vielen tollen Einfälle insgesamt nicht eindringlich genug und zu wenige Melodien bleiben wirklich hängen, wodurch gerade die komplett akustischen Balladen "Goodnight" und "River" nicht viel mehr als Langeweile erzeugen. Fast scheint es so, als hätte Nicholson auf einer selbstreferenziellen Meta-Ebene ebendiese kleinen Mäkel im Kopf gehabt, als er "Love yourself" schrieb, das inhaltliche Kernstück des Albums, in dem es um die Akzeptanz der eigenen Unperfektheit selbst in den dunkelsten Momenten geht und damit irgendwie voll ins Schwarze trifft. Sie trotz ihrer Fehler ins Herz zu schließen, das haben einem The Boxer Rebellion noch nie so einfach gemacht wie hier.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Love yourself
  • Rain
  • Under control

Tracklist

  1. Don't look back
  2. Don't ever stop
  3. Fear
  4. Goodnight
  5. Here I am
  6. Lost cause
  7. Love yourself
  8. Rain
  9. River
  10. Under control
  11. WTF

Gesamtspielzeit: 46:46 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Peter the miner
2018-03-29 01:03:40 Uhr
Mich berührt die Musik zutiefst und bin von der Fülle der Melodien sehr angetan! Und dann diese Stimme 10/10

Gomes21

Postings: 2440

Registriert seit 20.06.2013

2018-03-26 11:44:15 Uhr
Ich weiß nicht ob New York der grauenvollste ist, aber dem, dass er ziemlich mies ist, würde ich nicht wiedersprehcen.

Diamonds ist schon ne echt gute Nummer. Always und Low finde ich zumindest solide. Der Rest ist eigentlich nicht wirklich der Rede wert.

BVBe

Postings: 264

Registriert seit 14.06.2013

2018-03-26 11:33:42 Uhr
Mit DIAMONDS ist darauf einer der besten Songs der Band veröffentlicht und mit NEW YORK der mit Abstand grauenvollste!

Gomes21

Postings: 2440

Registriert seit 20.06.2013

2018-03-26 10:26:10 Uhr
Ich muss sagen, dass ich Promises im Nachhinein gar nicht so mies fand. Das war es in erster Linie im Hinblick auf die Erwartungen an die Band, und es waren auch einige Langweiler und Ausfälle drauf, aber gleichzeitig auch einige sehr nette Songs und Melodien. Aber halt kein gutes Gesamtwerk, vor allem im Vergleich mit den Vorgängern.
BVB
2018-03-26 10:08:29 Uhr
Das neue Album ist erfrischend gut. Mir gefällt der zurückgenommene akustische Stil, das grenzt zwar an kommerziellen Selbstmord, wärmt mir persönlich das Herz.

Es ist mir schon übel aufgestoßen, dass sie gerade auf den letzten beiden Alben auf Weiden grasen wollten, die Coldplay längst kahlgefressen hatten. Das war unnötig nach dem eher zerbrechlich-melancholischen THE COLD STILL (meinem Einstiegsalbum damals), das wenigstens noch Seele hatte.

Auch wenn zwischen GHOST ALIVE und dem rauhen Debüt EXITS stilistisch Welten liegen, sind das doch für mich die besten und authentischsten Alben der Band. Bin erfreut!
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