Kreisky - Blitz

Kreisky- Blitz

Wohnzimmer / Rough Trade
VÖ: 16.03.2018

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Stirb, Du Arschloch

"Der genormte Kleingeist in Outdoorjacke setzt sich durch. Scheußlich", konstatiert Sibylle Berg in ihrer Kolumne vom 3. März 2018 auf Spiegel Online. Hach, wie schön die deutsch-schweizerische Schriftstellerin die Menschheit verachtet, das berührt schon das Herz. Es ist eben, wie es ist: "Die Menschen sind schlecht". Das wussten Kreisky schon 2009 auf "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld" – die Proklamation eines herrlich gesunden Zynismus, wie sie in musikalischer Form noch immer ihresgleichen sucht. Kein Wunder also, dass Berg und die Band sich im Herbst 2017 zum gemeinsamen "Amoklauf" aufmachten: "Sibylle Berg, eine der sarkastisch-bissigsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur, hat gemeinsam mit Kreisky, der übellaunigsten Band der Welt, ihr Erfolgsstück 'Viel gut essen' für das Rabenhof Theater adaptiert", heißt es auf der Website des Wiener Hauses. Treffender könnte man es kaum formulieren. Wo die Landsleute von Bilderbuch alles in buntes Bonbonpapier hüllen, gießen Kreisky die doppelte Portion Pech und Schwefel drüber. So auch auf ihrem fünften Studioalbum "Blitz".

In neuer Besetzung, ohne Gregor Tischberger, dafür mit Helmuth "Lelo" Brossmann, marodiert der Indie-Rock-Vierer aus der österreichischen Hauptstadt erneut durch die Gesellschaft. Neu ist dabei nicht nur der Bassist: Weitaus geschliffener präsentiert sich das Quartett in Sound und Text – ein Stückerl greifbarer und mithin gefühlt sogar ein bisserl fieser als sonst. Bereits der Opener hat es in sich: "Bauch Bein Po" leitet mit schallenden Gitarren ein, um mit dem ersten Break ins Tanzbare zu gleiten. Der Kompagnon widmet sich gerade dem Workout, da räumt Sänger Franz Adrian Wenzl das gemeinsame Büro aus. Hauptsache keine Konfrontation, dafür aber maximale Abscheu. So funktioniert Zwischenmenschlichkeit im Tinder-Zeitalter: Im Zweifelsfall macht man sich einfach heimlich vom Acker. Auf das Miteinander bezieht sich auch "Autokauf ist Männersache", das sich zum Alltagssexismus bekennt und dem Hörer in der hübschen Bridge im dritten Songviertel Zeit gibt, das Gehörte zu verarbeiten und auch über das Geständnis des Sängers zu schmunzeln, wenn er singt: "Dabei weiß ich ja selber nicht, was ein Hubraum ist." Weniger reflexiv gibt sich da "Oh nein, die verlieben sich": Die Angebetete verschießt sich in einen Typen im Hilfiger-Shirt, gegönnt wird ihr das freilich nicht. "Neeeeeein", kreischt Wenzl, "auuu", seufzt er hinterher, während die Instrumentierung sich ins Tumultartige steigert.

Auf den Spuren des eingangs erwähnten "Die Menschen sind schlecht" wandelt indes "Ich löse mich auf". Die Stimmung ist trostlos und ist auch nicht mehr zu retten, wie es schon die ersten Zeilen zusammenfassen: "Es gibt Tage, da kommt die Sonne nicht durch / Das schlägt dann doch aufs Gemüt / Und dann wieder brennt sie den ganzen Tag / Das geht mir auch auf den Geist." Wenzl flieht ins hinterletzte Eck der Steiermark – daher wohl auch die Prärie-Romantik im Sound – doch egal, wo er sich auch versteckt, er fühlt sich weiterhin getrieben und findet nur in der Auflösung noch Erlösung. Es soll ja Menschen geben, die diese anderswo entdecken. So persifliert "Mon general" aufs Vortrefflichste das Konsumhipstertum: "Schaut her, ich esse ganz neue Tiere / Und ganz neue Teile von ganz alten Tieren", veranschaulichen Kreisky im Stakkato, bis der schmissige Refrain hineingrätscht und eine besorgniserregende Führersehnsucht offenbart, wie sie 1990 zuletzt EAV in "Wo ist der Kaiser?" zum Leben erweckten. Alte Werte? Eh fürn Arsch. "Saalbach-Hinterglemm" erscheint daher als wohl undankbarste Danksagung aller Zeiten an vorhergegangene Generationen. Kreisky verneigen sich in wunderbar klarer Post-Punk-Ausstaffierung mit manisch vorpreschendem Beat nur zum Schein, denn wie viel Groll die Songzeilen in Wirklichkeit in sich tragen, wird letztlich dann gewahr, wenn Wenzl sich selig an den brennenden Skilift anno dazumal erinnert: "Wie schön das war / Und wie er gestrahlt hat in die klare Sommernacht." Feuer und Hass "dem Herrn Vater".

So viel ungenutztes menschliches Potenzial macht mürbe. Zwar fordern die Wiener in der Erstauskopplung "Veteranen der vertanen Chance" dazu auf, eine Art Loser-Bewegung zu gründen, und laden in "Sudoku" zum gemeinsamen Systemausstieg ein, dass dieses Unterfangen jedoch zum Scheitern verurteilt ist, zeigt sich jedoch spätestens im Closer "Ein Depp des 20. Jahrhunderts", der die vermeintlichen Errungenschaften vor dem Millennium – das Wienerwald-Restaurant genauso wie die CD-Sammlung, Autos und "unser ganzes schönes Europa" – für null und nichtig erklärt, während der Beat unermüdlich marschiert und sich hier und da ein paar 80er-Drones ins Geschehen mogeln. Nun, wir haben's verkackt, das wird ebenfalls in "Ein braves Pferd" deutlich, das tierische Unschuld den Mängeln des Menschen gegenüberstellt. Vom satten Hardrock-Riff getrieben begibt sich Wenzl in die Rolle eines animalischen Anklägers und macht dabei deutlich: "Lügen und betrügen, das machen nur die Menschen." Am Ende steht statt Anerkennung die Verachtung: "Und jetzt willst Du mich verkaufen? Was bist Du denn für ein Arschloch?", keift er voller Enttäuschung.

Ja, "Blitz" ist ein Manifest der Anschuldigungen, geht das Album doch Track für Track in meist direkter Anrede auf Verfehlungen und Verfehler los. Dabei sucht es aber auch immer wieder den selbstkritischen Blickwinkel. Entweder, weil Kreisky die Außenperspektive einnehmen und von dort aus gegen ihre wahre Natur argumentieren, oder aber weil das Kopfschütteln direkt im Kontext zum "Wir" steht. So ermahnt die Band, ohne zu behaupten, sie stünde über den Dingen. Das macht die Sache rund und ehrlich – und natürlich witzig, weil auch oft abstrus. Musikalisch lassen die Wiener dabei absolut gar nichts anbrennen, zeigen sich wahnsinnig variabel im Stilwechsel zwischen den Songs, swingen hier durch den Ballsaal, fackeln da das ganze Opernhaus ab. "Blitz" ist mit Sicherheit das beste, kompletteste Album des Quartetts, weniger jugendlich-wild als das selbstbetitelte Debüt, weniger endzeitlich als "Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld", weniger blindwütig als "Trouble", weniger verwirrend als "Blick auf die Alpen" – vielmehr die Essenz all dessen. Kreisky zeichnen klarere Linien, schaffen plastischere, realere Szenen und nehmen dabei den Singalong genauso unbestechlich ins Visier wie ihren Adressaten. Vielleicht ist das die unmittelbare Auswirkung ihrer gemeinsamen Theaterarbeit mit Sibylle Berg, womöglich aber auch einfach das Resultat eines Reifeprozesses, der sie lehrte, überschäumende Wut in mundgerechtere Häppchen zu kanalisieren – die schließlich jedoch noch heimtückischer töten. Stirb, Du Arschloch!

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Bauch Bein Po
  • Mon general
  • Ich löse mich auf
  • Ein braves Pferd
  • Ein Depp des 20. Jahrhunderts

Tracklist

  1. Bauch Bein Po
  2. Veteranen der vertanen Chance
  3. Ein braves Pferd
  4. Ein Depp des 20. Jahrhunderts
  5. Ich löse mich auf
  6. Saalbach-Hinterglemm
  7. Mon general
  8. Autokauf ist Männersache
  9. Oh nein die verlieben sich
  10. Sudoku

Gesamtspielzeit: 35:09 min.

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User Beitrag

Pascal

Postings: 392

Registriert seit 13.02.2013

2018-04-09 23:02:58 Uhr
Danke @cargo für die Korrektur. Die Tracklist war in der Tat falsch.
kyran
2018-03-27 00:45:26 Uhr
Das erste (von mittlerweile fünf) Alben von Kreisky erschien vor 11 Jahren. Das Gesamte Werk der Band würde ich mit 9/10 bewerten. Alle ihr Menschen, die ihr es euch leicht macht, und diesen großartigen Noiserock, gepaart mit wienerischer Grantigkeit, in irgend eine Tocotronic-Indie-Ecke steckt, seid scheinbar einfach noch a bissl grün hinter den Ohren. Macht nix.

Verdiente Würdigung; besser spät als nie!

cargo

Postings: 143

Registriert seit 07.06.2016

2018-03-19 17:42:59 Uhr
Der Rezensent hat wohl eine falsche Tracklist mit der Promo bekommen ;) Tatsächlich sieht sie so aus:

1. Bauch Bein Po
2. Veteranen der vertanen Chance
3. Ein braves Pferd
4. Ein Depp des 20. Jahrhunderts
5. Ich löse mich auf
6. Saalbach-Hinterglemm
7. Mon General
8. Autokauf ist Männersache
9. Oh nein, die verlieben sich
10. Sudoku

Insgesamt gefällt mir das Album sehr, auch wenn ich 9/10 auch etwas übertrieben finde. Dennoch das beste Album der Band bisher.

Pascal

Postings: 392

Registriert seit 13.02.2013

2018-03-16 11:06:27 Uhr - Newsbeitrag
Neues Video zu "Ein braves Pferd"!

Fahrgast der Wiener U-Bahn
2018-03-15 15:22:28 Uhr
Ich hab alles drauf! Aber ihr wollt's es ned hörn!
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