Hot Snakes - Jericho sirens

Hot Snakes- Jericho sirens

Sub Pop / Cargo
VÖ: 16.03.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hiebe aus der Rostlaube

Liebe Leser, es ist geschafft. Das jüngste Millennium ist volljährig! Doch wie jeder halbwegs durchschnittliche Teenager, dreht es seit einiger Zeit bereits gehörig am Rad. Und so sind viele Dinge passiert, die man sich einst nicht unbedingt hätte ausmalen wollen: 9/11, erhöhte Terrorgefahr als Normalzustand, der totale Finanzmarkt-Crash, die EU bald ohne Großbritannien sowie die Herren Trump, Orban oder Erdogan – und mit ihnen die Renaissance des Nationalismus. Sicherlich auch Gründe, warum den vielen Punkbands auf dem Planeten derzeit nicht langweilig wird. Oder aber ein willkommener Anlass, die Auszeit endlich hinter sich zu lassen. Die Hot-Snakes-Köpfe Rick Froberg und John Reis sind für Untätigkeit zwar weitestgehend nicht bekannt, zeichnete sich Froberg doch kürzlich unter anderem für Obits verantwortlich. Unterm Strich zählt aber ohnehin nur: "Jericho sirens" ist tatsächlich das offizielle Comeback von Hot Snakes, dieser Post-Punk-Garage-Combo für Liebhaber, die ihre herzerflammten Verehrer nach dem fulminanten "Suicide invoice" und dem ebenso starken "Audit in progress" Mitte der Nuller einfach sitzen ließ.

Auch wir bei Plattentests.de schienen seinerzeit ein bisschen vernebelt, zumindest schaffte es die kratzbürstige Mixtour aus Post-Hardcore von Frobergs früherer Band Drive Like Jehu und der Spielart des Garage-Rock, wie Reis ihn mit Rocket From The Crypt pflegt, einst nicht wirklich, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. "Jericho sirens" ist daher tatsächlich der erste Hot-Snakes-Eintrag in diesen Web-Gefilden. Spät ist bekanntlich nicht gleich zu spät, und dennoch muss man aufpassen, den beherzten Opener "I need a doctor" nicht schon auf halbem Wege aus den Augen zu verlieren: Reis' Gitarren sägen wehement durch zwei bis drei festgezurrte Tonfolgen, das Schlagzeug poltert sich nachdrücklich warm und Froberg krächzt, als wäre nie etwas gewesen. Herrlich. Ja, die Herren haben wohl etwas nachzuholen, deutet man die Energie des verschrobenen, bewusst schief justierten und mit diversen Schlagzeug-Twists versehenen "Candid cameras" richtig. Denn spätestens nach diesen gut zwei Minuten ist klar: Hot Snakes sind keineswegs ihrem fortgeschrittenen Alter erleben und benötigen mit dem fulmimanten Biest "Why don't it sink in?" im 80s-Hardcore-Rausch noch nicht einmal 80 Sekunden, um die anwesenden Nasen blutig zu hauen.

Auch "Having another?" führt eine unerbittliche Feder und verteilt Tritte in den Allerwertesten: Immer wieder treibt das Stück Reis' Riffings in äußerste Schräglage und fordert vom Schlaginstrument vertrackte Seitenhiebe ein. Während "Psychoactive" sicherlich auch auf "Audit in progress" eine gute Figur gemacht hätte, gibt es bei aller Berufung auf die ohnehin überzeugenden Trademarks der Truppe aus San Diego sehr wohl gewisse Nuancen zu vernehmen, die unter dem Schlagwort #progress nicht verkehrt getaggt wären. Das Herzstück von "Jericho sirens" ist in der Mitte des Albums platziert. Weil hier deutlich wird, welch Gespür die Kalifornier für Melodien und Songwriting haben: Das treibende "Six wave hold-down", als erster neuer Track seit 2004 vorab veröffentlicht, schmückt den schmutzigen Rostlauben-Rock von Hot Snakes zur Feier ihrer Rückkehr mit bunten Lichterketten, "Death camp fantasy" hält die verzückte Tanzgruppe mit nachdrücklichem Finale in Wallung. Und sobald sich der Titeltrack aus seiner düsteren Anfangsbeklemmung gelöst hat, wartet dieses Comback mit einer Hymne auf, die auch Ende des Jahres noch in den Ohren klingeln wird. Was auch immer sich dieses bekloppte Jahrtausend noch ausdenken mag: Mit Hot Snakes auf den Ohren erträgt sich das leichter.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • I need a doctor
  • Six wave hold-down
  • Jericho sirens
  • Death camp fantasy

Tracklist

  1. I need a doctor
  2. Candid cameras
  3. Why don't it sink in?
  4. Six wave hold-down
  5. Jericho sirens
  6. Death camp fantasy
  7. Having another?
  8. Death doula
  9. Psychoactive
  10. Death of a sportsman

Gesamtspielzeit: 31:13 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Vheissu 1
2018-04-20 20:09:35 Uhr
7/10 mit Potenzial nach oben. Die 2. Hälfte überzeugt mich mehr, gerade der Anfang der Platte wirkt etwas ziellos.
lieferheld
2018-03-20 15:19:47 Uhr
nach einigen Durchläufen:
Six Wave hold-down und Jericho Sirens stechen hervor, letzter mit Hitpotential.
Ansonsten bleib noch nicht ganz so viel hängen. In jedem Fall aber gute Platte, Audit in Progress (vor allem deren 1.Hälfte plus Plenty for all) wird jedoch nicht erreicht.
Erinnert mich eher an Suicide Invoice, die ich bis auf den Titeltreck nicht ganz so mochte (mögen wäre falsch ausgedrückt, weil sicher schon 10/12 Jahre nicht mehr gehört)
Aber egal, Hauptsache Hot Snakes.
ich denke an früher, those were the days und so...und ich bin alt.
2005(?) Live in der Groovestation Dresden. Das war genial und ist nun schon soooo lange her :-)... Speedo konnte kurz vor Beginn mit der Orangen- oder Zitronenscheibe zu seinem Tequila nix anfangen, sah fragend die Bandkollegen an, warf dann das Ding weg und trank pur, wie man dass eben macht, da wo das Teufelszeug herkommt.

Flimmern
2018-03-17 09:52:58 Uhr
Sehr geil!

Armin

Postings: 13635

Registriert seit 08.01.2012

2018-03-08 22:06:35 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

boneless

Postings: 2084

Registriert seit 13.05.2014

2018-02-25 11:47:08 Uhr
Gute Vorabsongs, wobei mir Death Camp Fantasy am besten gefällt. Freu mich aufs Album. Hoffentlich dann auch bald live in unseren Gefilden.

Empfehlenswert sind übrigens die diesjährigen Vinyl-Reissues der alten Alben. Farbiges Vinyl (Transparent Gelb bei Suicide Invoice und Transparent Pink bei Audit in Progress) + schöner Aufmachung inklusive 6 großer Sticker und Downloadcode.
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