Lucy Dacus - Historian

Lucy Dacus- Historian

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 02.03.2018

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Erzähl doch mal

Es gibt Menschen, die haben so viel Schlaues und Interessantes zu sagen, dass man ihnen stundenlang zuhören könnte. Lucy Dacus, eine songwritende Dame aus Richmond, Virginia, gehört zu diesem Personenkreis. Ihr zweites Album "Historian" nennt sie so, weil sie sich selbst weniger als Musikerin oder Lyrikerin, sondern mehr als eine Geschichtenerzählerin sieht. Ihre Texte sind voller kleiner, aber profunder Beobachtungen, ihre Figuren haben Probleme, die man kennt, und doch umschifft Dacus dabei naheliegende Klischees. Wie schon anlässlich des Debüts "No burden" skizziert, wirkt sie etwa wie die kleine Schwester von Courtney Barnett – weniger aufsässig, eher in sich gekehrt und über tiefere Themen philosphierend, aber mit der gleichen Schlagfertigkeit und Scharfsinnigkeit gesegnet. Allein das eröffnende "Night shift" hat zahlreiche zitierenswerte Passagen, die verblüffendste ist wohl das Fazit einer gescheiterten Beziehung: "You got a 9 to 5, so I take the night shift / And I'll never see you again if I can help it / In five years I hope the songs feel like covers / Dedicated to new lovers."

Verglichen mit "No burden" ist "Historian" ein typischer nächster Schritt nach vorne. Das Grundgerüst aus Soft Rock, verziert mit Alternative-Anleihen und Country-Einschüben, instrumentiert Dacus noch reichhaltiger und dynamischer mit ihren Mitstreitern. Allen voran ist ihr langjähriger Kamerad Jacob Blizzard zu nennen, aber auch Koryphäe John Congleton tut auf dem Produzentensessel sein Übriges. Bläser und Streicher schauen herein, die Gitarre gniedelt hübsche Soli, die Stücke sind mit großem dynamischem Delta angelegt. Die Stimme der 22-Jährigen wirkt dabei immer noch weitaus älter, als die Zahl es erwarten lässt, kann mit ihrem sonoren Klang gewöhnungsbedürftig sein und wird schnell doch zum Fixpunkt dieser zehn Songs. Um sie herum wirft sich die Band in Schale, bringt "Body to flame" vom besonnenen Walzer in einen pathetischen Ausbruch der Sechssaiter, veredelt "The shell" mit majestätischem Schreiten. Und am Ende fällt der Quasi-Titeltrack "Historians" mit seinem atmosphärischem Sound ganz aus dem Rahmen, den auch Sigur Rós nicht von der Bettkante stoßen würden.

Und immer wieder fallen diese Texte auf. "Nonbeliever" hadert mit dem Schicksal des Aufwachsens in einer religiös geprägten Kleinstadt. "What happened to the charm of a small town?", fragt Dacus und wünscht dem Sinn- und Platzsuchenden alles Gute: "If you find what you're looking for / Be sure to send the new address." Das überaus fantastische "Timefighter" ergeht sich derweil in vorangestellter schulterzuckender Planlosigkeit. "I'm just as good as anybody / I'm just as bas as anybody" – wer jedoch einem ergreifenden Verzerrer-Ausbruch eine solch wundervolle Coda folgen lässt, hat den anderen mehr als nur eine Nasenlänge voraus. Es ist schon fast Trotz, dass "Next of kin" gleich im Anschluss beweist: Entspannter Pop geht übrigens auch. Dass sich das stetig seinem Höhepunkt entgegen schaukelnde "Pillar of truth" mit sieben Minuten gleichzeitig episch und doch keine Sekunde zu lang anfühlt, überrascht nach all den Highlights davor schon gar nicht mehr. "I once had sight / Now I am blind", singt Dacus mit Verdrehung einer Zeile des ollen "Amazing grace" und knüpft damit die Verbindung zur Lage der Nation. "Historian" ist unter dem Eindruck mehrerer politischer Katastrophen als "Konzeptalbum über vorsichtigen Optimismus" gedacht. Sloganeering gibt es dennoch nicht, die Perspektiven bleiben vielfältig, die Botschaften differenziert und weitab von jeglicher Plattheit. Denn das richtige Maß findet "Historian" immer, in jeder Hinsicht. Damit positioniert sich Dacus als große musikalische Hoffnungsträgerin, deren kleine gebaute Miniwelten in ihren Songs eine hilfreiche Reflektion der Zeit sind. "You don't wanna be a leader / Doesn't mean you don't know the way", heißt es in "The shell". Wen wundert es am Ende, dass Lucy Dacus niemand besser beschreiben kann als sie selbst?

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Addictions
  • Nonbeliever
  • Timefighter
  • Pillar of truth

Tracklist

  1. Night shift
  2. Addictions
  3. The shell
  4. Nonbeliever
  5. Yours & mine
  6. Body to flame
  7. Timefighter
  8. Next of kin
  9. Pillar of truth
  10. Historians

Gesamtspielzeit: 47:40 min.

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saihttam

Postings: 1213

Registriert seit 15.06.2013

2018-12-04 18:31:22 Uhr
Sehr schönes Album! Hätte auf jeden Fall mehr Beachtung verdient.

derp

Postings: 199

Registriert seit 18.04.2014

2018-05-02 03:53:55 Uhr
Gerade entdeckt. Großartiges Album, das ein wenig an Torres erinnert.

Hollowman

Postings: 144

Registriert seit 14.06.2013

2018-03-14 16:55:11 Uhr
Mir gefällt's auch sehr gut, wird bestellt. Danke, zweiter guter Tipp dieses Jahr nach Typhoon :-)

Vor allem Timefighter ist extrem groß, jetzt schon ein Kandidat für den Song des Jahres.
Günni
2018-03-09 08:47:05 Uhr
Ein tolles Album! 8/10 ist noch das mindeste, was ich geben würde.

Armin

Postings: 13635

Registriert seit 08.01.2012

2018-03-08 22:04:21 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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