Titus Andronicus - A productive cough

Titus Andronicus- A productive cough

Merge / Cargo
VÖ: 02.03.2018

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Mr. Lonely

Als 2012 Sufjan Stevens' Mutter starb und er in der Folge die musikgewordene Katharsis "Carrie & Lowell" aufnahm, war das – so zynisch es auch klingt – ein gefundenes Fressen für jeden Feuilletonisten mit der Mission, jedes Erzeugnis eines Künstlers so diskursiv sinnstiftend wie möglich in dessen Gesamtwerk einzuordnen. Es passte einfach: Das intime Folk-Album nicht nur als privates Refugium, sondern auch als sich verweigernde musikalische Abkehr vom wahlweise orchestralen oder elektronischen überambitionierten Wahnsinn von "Illinois" und "The Age of Adz". Man kann als diskursanregender Rezensent ganz ähnliches über Titus Andronicus' fünftes Studioalbum schreiben, denn auch Patrick Stickles schlägt nach zwei vor Kreativität und unbändiger Energie strotzenden Konzeptalben über den Bürgerkrieg und manische Depressionen einen gänzlich anderen Weg ein. "A productive cough" ist nicht nur gerade mal halb so lang wie sein Vorgänger, es ist auch das simpelste, ruhigste und gewissermaßen mutigste Album des Kollektivs bisher: Die einstige Indie-Punk-Institution macht hier weder Indie noch Punk.

Eine komplette musikalische Neuausrichtung ist das aber nicht, vielmehr formulieren sie ästhetische Aspekte aus, die ihnen in angedeuteter Form schon immer inhärent waren. Opener "Number one (in New York)" baut über seine gesamte Länge von rund acht Minuten auf nur wenigen Piano-Akkorden auf, über die ein rastloser Stickles seinen angepissten 64-Zeiler bezüglich der Gewalttätigkeit und Gefühlskälte der Welt singschreit, während sich im Hintergrund ein immer lauter werdender Sturm aus Gitarren, Bläsern und klimpernder Percussion zusammenbraut. Der Song entwickelt zwar eine ganz eigene Form von Intensität und ist lyrisch mit Zeilen wie "Declare myself president of the emptiness / Say I'm Rembrandt of dancing on the precipice" gewohnt großartig. Doch macht er auch unmissverständlich von Beginn an klar: Wer diese Band vor allem wegen Epen wie "A more perfect union", die vor Ideen und Punch kaum laufen konnten, zu lieben lernte, wird von diesem so auf Repetition und musikalischer Einfachheit ausgelegtem Album im besten Fall irritiert und im schlechtesten schwer enttäuscht sein.

Für diejenigen, die Titus Andronicus aber schon immer in erster Linie als Bar-Band geschätzt haben, die nachts um zwei in einer New-Jersey-Eckkneipe genauso betrunken wie ihr aus labilen, sinnsuchenden Millennials bestehendes Publikum ihre verzweifelte Proletariats-Poesie vorträgt – für die ist "A productive cough" wie gemacht. Die klanglichen Referenzen sind ur-amerikanisch, weg sind die In-die-Fresse-Gitarren und die kaum zu fassende Dynamik, stattdessen gibt es bläsergetriebenen Soul-Rock zwischen Dylan und Springsteen mit Honky-Tonk-Piano, Gang-Shouts, Blues-Riffs und enthusiastischen Soli. In seinen allerbesten Momenten ist das so authentisch und gemeinschaftsstiftend wie Musik überhaupt nur sein kann: In "Real talk" steht Stickles mit gefühlt 30 Mann und Frau auf der Bühne genau jener eben beschriebenen Bar, alle liegen sich in den Armen, kotzen, lachen, schreien, heulen und grölen zusammen diesen Refrain für die alkoholgetränkte Ewigkeit, der auch bei der zwanzigsten Wiederholung nichts von seiner galgenhumorigen, erschütternden Ehrlichkeit einbüßt: "If life is as tough as the last couple months / We're in for a real rough year."

"Above the Bodega (Local business)" beschreibt eine andere Szene aus demselben Kopfkino-Film: "I can keep a secret from my mama / [...] / But I can't keep a secret from the guy at the store downstairs." Vor Familie und Freunden mag der Schein noch gewahrt werden können, nicht aber vor dem Kioskbesitzer, bei dem man allabendlich die Schachtel Kippen und die Flasche Whiskey kauft und der mit seinem stillschweigenden Verständnis zum engsten Vertrauten wird. Irgendwie beschreibt das auch ganz gut das Verhältnis, das man als Hörer zu "A productive cough" hat, denn auch, wenn das Quartett hier weit von seinem kreativen Zenit agiert, fühlt man sich seiner Musik so nah wie nie zuvor. Dazu passt dann auch, dass das Cover "(I'm) Like a rolling stone" gar nicht erst versucht, diesem Meilenstein auf musikalischer Ebene irgendwas nennenswert Neues hinzuzufügen und stattdessen eine erzählerische Perspektivverschiebung vornimmt: "How does it feel to be on your own?" fragte Dylan einst seine Miss Lonely, "I know how it feels!" brüllt ihm mehr als 50 Jahre später ein verzweifelter Stickles entgegen, so gebrochen und kämpferisch zur gleichen Zeit, wie es überhaupt nur geht. Warum versuchen, sich einen Coversong krampfhaft zu eigen zu machen, wenn es in gewisser Weise sowieso immer schon der eigene war?

Wenn diese Form von kaum auszuhaltender Intensität aber mal nicht vorhanden ist, bietet das Album leider letztlich zu wenig, um ihm einen vollwertigen Meisterwerk-Status zuzuschreiben. So ist das von Megg Farrell gesungene "Crass tattoo" eine wirklich schöne Pianoballade, die aber nichts zu sagen hat, was ihr das "The monitor"-Highlight "To old friends and new" nicht schon vorwegnahm, während der nach einer Testosteron-Rock-Version des "letzten PJ-Harvey-Albums"klingende Bläser-Blues "Home alone" zwar Spaß macht, in seinen acht Minuten aber an einem einzigen Riff und ständig wiederholten Textzeilen entlang torkelt. Das ist jedoch vollkommen okay, Stickles wollte nicht mehr so viel schreien und über andere Wege mit dem Hörer kommunizieren, er wollte die Türen, die er bei der Vergangenheitsbewältigung von "The most lamentable tragedy" zugeschlagen hat, nicht wieder aufreißen, sondern stattdessen ein neues Fenster für sich und seine Band öffnen, durch das sie befreit von jedweder Erwartungshaltung durchatmen können. Und das ist ihm gelungen. Titus Andronicus bleiben auch dann noch eine der kompromisslosesten und überraschendsten Punk-Bands ihrer Zeit, wenn sie überhaupt keinen Punk mehr machen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Real talk
  • (I'm) Like a rolling stone

Tracklist

  1. Number one (in New York)
  2. Real talk
  3. Above the Bodega (Local business)
  4. Crass tattoo
  5. (I'm) Like a rolling stone
  6. Home alone
  7. Mass transit madness (Goin' Loco)

Gesamtspielzeit: 46:49 min.

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User Beitrag

MasterOfDisaster69

Postings: 542

Registriert seit 19.05.2014

2019-10-01 12:31:44 Uhr
und? ich hab es versucht, aber die Band muss ich wohl abschreiben...

The MACHINA of God

Postings: 18679

Registriert seit 07.06.2013

2019-08-29 15:12:31 Uhr
So, ich geb der jetzt mal ne Chance.

Coaxaca

Postings: 608

Registriert seit 14.06.2013

2019-02-03 11:38:23 Uhr
"Gebrochener und verzweifelter" würde ich absolut unterschreiben! Ich mochte diesen schneidenden Stimmeffekt auf dem Debüt einfach unglaublich gerne...

Generell hat diese beißende Lo-Fi-Produktion einen ganz besonderen Charme, während die Alben ab "The Monitor" etwas verwaschener, flächiger und somit auch wärmer klingen. Da muss ich dann immer an The Hold Steady denken. Also vielleicht ist das Problem mit der Stimme auch eher ein allgemeineres Produktions-Problem... Fakt ist aber, dass Stickles bei weitem nicht mehr so deutlich und klar singt. Der alte Schlagzeuger mit seinem stets hörbaren Pogues-Einschlag gefiel mir auch besser.

Joa, ich muss die neue einfach mal hören.

MopedTobias

Postings: 13195

Registriert seit 10.09.2013

2019-02-02 21:06:36 Uhr
Stickles' Stimme empfinde ich immer noch als Highlight, der klingt zwar gebrochener und verzweifelter als früher, aber gerade deswegen immer noch sehr kraftvoll.

"Bar-Band" triffts aber gut :)

Coaxaca

Postings: 608

Registriert seit 14.06.2013

2019-02-02 13:57:29 Uhr
"The Most Lamentable Tragedy" war schon enttäuschend, weshalb ich das neue bisher missachtet habe. Mir gefällt die Entwicklung hin zur Bar-Band leider überhaupt nicht... Stickles' Stimme hat auch jegliche Energie verloren.

Währenddessen wächst das Debütalbum "The Airing of Grievances" weiter in den Himmel und hat bei mir mittlerweile sogar "The Monitor" überholt. Die Tendenz bei Titus Andronicus zeigt somit konstant linear nach unten. Leider!
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